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Gabriele Walther: "Wir wollten kein Remake machen"

Die Caligari-Film-Chefin Gabriele Walther spricht über den jahrelangen Kampf um die "Pan Tau"-Verfilmungsrechte, die neu gesetzten Akzente ihrer Serienadaption und die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und britischen Schauspielern.

25.09.2020 10:48 • von Michael Müller
Gabriele Walther mit ihrem Serien-Star Pan Tau (Matt Edwards) (Bild: ARD/Caligari/Film2020, Julian Baumann)

Die Caligari-Film-Chefin Gabriele Walther spricht über den jahrelangen Kampf um die "Pan Tau"-Verfilmungsrechte, die neu gesetzten Akzente ihrer Serienadaption und die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und britischen Schauspielern. Die 14-teilige "Pan Tau"-Serie mit Matt Edwards in der Hauptrolle startet am 27. September in der ARD-Mediathek und läuft eine Woche später ab dem 4. Oktober im Ersten.

Braucht Deutschland im Jahr 2020 einen neuen "Pan Tau"?

GABRIELE WALTHER: Ja, das war die Ausgangsfrage, die ich mir selbst gestellt habe, als ich mich um die Rechte bemühte, da "Pan Tau" eine riesige Marke ist und sich jeder an den Mann mit dem Hut erinnert, der uns so unglaublich fantastische Bilder hinterlassen hat. Die Verhandlungen um die Rechte waren sehr anstrengend, weil ich auch nicht die einzige Interessentin war. Dazu kommt, dass ich kein tschechisch spreche und bei all der Energie, die fünf Jahre Verhandlung kosten, man sich natürlich sehr bald die Frage stellt, warum wir einen neuen Pan Tau brauchen. Ein zentraler Punkt der inhaltlichen Ausrichtung war die Feststellung, dass heutzutage iPhones und iPads die direkte Kommunikation abgelöst haben. Ich finde eine direkte Kommunikation innerhalb von Familien nach wie vor wichtig. Wir brauchen in einer Zeit, die so viral ist, einen Pan Tau, der wieder für generationsübergreifende Kommunikation sorgt - zwischen Kindern, Eltern und Großeltern. Das schafft unser Charakter Pan Tau, der nach wie vor nicht redet. Menschen, die nicht viel oder gar nicht reden, schüttet man viel eher das Herz aus, weil sie zuhören. Das brauchen wir in den Familien: miteinander reden und zuhören! Das war die Zielsetzung von Producer Marcus Hamann und mir für die Entwicklung der Drehbücher.

Wie tritt Pan Tau bei Ihnen auf die Heranwachsenden zu?

GABRIELE WALTHER: Pan Tau hat ein neues Zuhause in einer internationalen Schule. Diversifikation ist somit gesetzt. Unter den Schülern gibt es das Gerücht, dass er lebendig werden und zaubern kann. Er steht da als Puppe in der Eingangshalle der Schule. Und wenn ihn ein Thema der Schüler interessiert, wird er lebendig, ist neugierig und mischt sich in das Leben des Schülers oder der Schülerin ein.

Wer ist die Zielgruppe der Serie?

GABRIELE WALTHER: "Pan Tau" wird dieses Jahr 50 Jahre alt. Die Original-Serie der Tschechen aus den 1970er-Jahren hat drei Staffeln. Die dritte Staffel ist die bekannteste. Da spielten jüngere Kinder als in unserer Serie die Protagonisten. Für uns war klar, dass wir kein Remake aus der Serie machen, da wir Pan Tau mit unserer Zeit konfrontieren wollten. Unsere Protagonisten sind 13 bis 17 Jahre alt. Da er eine "Projektionsfigur" ist, ist es spannender, ihn mit ganz unterschiedlichen Kindern und Familien herauszufordern. So ist uns auch eine größere Vielfalt in den Geschichten und somit im Unterhaltungswert gelungen.

Wie wird "Pan Tau" von der ARD gezeigt?

GABRIELE WALTHER: Wir sind eine Woche vor Ausstrahlung, ab dem 27. September, in der Mediathek, weil Familien-Entertainment mittlerweile stark online gesehen wird. Wir laufen dann, ab dem 4. Oktober sonntags in der ARD, auf dem legendären Märchen-Sendeplatz um 10.10 Uhr morgens. Wir wissen, dass "Pan Tau" heute noch immer eine extrem hohe Bekanntheit vor allem bei den 35- bis 60-Jährigen hat. Dadurch, dass wir auch in der Mediathek sind, können Pan-Tau-Fans sich die Serie auch mit ihren Kindern und Enkelkindern anschauen.

Die Original-Serie war eine Koproduktion mit Osteuropa. Haben Sie darüber nachgedacht, sich einen Partner dazu zu holen?

GABRIELE WALTHER: Ja, das hätte ich liebend gerne gehabt. Pan Tau ist eine Koproduktion der Caligari Film mit dem WDR und dem MDR für die ARD mit Förderungen aus dem Bund, Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Als weiterer Koproduktionspartner war das tschechische Fernsehen geplant, was sich dann jedoch nicht realisieren ließ. Die Tschechen haben die Serie aber lizenziert. Sie werden sie im Frühjahr 2021 ausstrahlen.

Haben Sie die Serie über Tschechien hinaus schon verkaufen können?

GABRIELE WALTHER: Es gab so viele Erwartungshaltungen an "Pan Tau", dass wir die Serie erstmal fertig stellen wollten. Wir haben uns erneut für eine Zusammenarbeit mit ZDF Enterprise entschieden, die für uns der beste Partner für Pan Tau sind.

Waren die Briten eine Option als Koproduzenten, weil sie auf Englisch mit teils britischen Schauspielern gedreht haben?

GABRIELE WALTHER: Wir haben mit überwiegend englischen Schauspielern in englischer Originalsprache gedreht, damit eine optimale internationale Vermarktung gewährleistet ist. Hätten wir "Pan Tau" nur deutschsprachig gedreht, hätten wir auf dem Weltmarkt ein sehr viel geringere Chance uns zu recoupen. In England gibt es durch die Tradition von "Harry Potter" und Co. viele junge erfahrene Schauspieler, weil dort viel mehr Live-Action-Serien in diesem Segment produziert werden. Aber natürlich haben wir auch zentrale Episodenrollen mit bekannten deutschen Schauspielern besetzt wie Valerie Niehaus, Armin Rohde, Sophie von Kessel und Katharina Wackernagel, um nur ein paar zu nennen.

Wie sind Sie auf Matt Edwards als ihren Hauptdarsteller gekommen?

GABRIELE WALTHER: Das war ein langer Kampf. Als wir die Verfilmungsrechte hatten, habe ich erst einmal einen Champagner aufgemacht. Dann war aber die große Frage, wer Pan Tau spielt. Wir haben eine Pressemitteilung rausgegeben, auf die wir viel Feedback bekommen haben. Wir wussten noch nicht, wie er auszusehen hat. Wir wussten, wir wollten jemanden, der eher Typ älterer Bruder der Protagonisten ist und jünger als Otto Simánek. Wir konnten keinen berühmten Comedian nehmen, der normalerweise redet, bei uns aber einen Hut trägt und nichts sagt. Das geht nicht. Dann haben wir international geschaut: Wer hat einen BAFTA gewonnen oder einen internationalen Comedy-Preis, weil unsere Figur nicht deutsch sprechen können muss. Ich habe Tage im Internet gesurft. Dann war ich bei "Britain's Got Talent" angekommen und da habe ich Matt Edwards entdeckt. Ein kongenialer Comedy-Zauberer, und meine Entscheidung stand fest.

Aber Edwards hat vor "Pan Tau" noch nicht geschauspielert?

GABRIELE WALTHER: Nein, er ist ein Illusionist. Wir haben Matt nach Köln eingeladen, zu einem ganz besonderen Casting. Wir hatten ein Trampolin, eine Holzlatte zum Balancieren und er musste unter anderem einen Charleston tanzen - mit Anzug, Melone und Regenschirm. Matt Edwards war unglaublich, vor allem beim Charleston, wo andere Kandidaten schon gar nicht mehr konditionell nachkamen, weil sich die Musik in ihrer Geschwindigkeit verdoppelte. Edwards konnte alles - er hat eine ganz große Körperbeherrschung. Dadurch, dass er Zauberer ist, hat er auch eine wahnsinnige Präzision.

Wissen Sie, ob er hier nach noch weitere Rollen spielen will?

GABRIELE WALTHER: Er ist exzellent als Entertainer, er ist ein Menschenfänger. Er ist auch mehr ein Mentalist als ein Zauberer. Und ich glaube, Pan Tau ist die Rolle seines Lebens.

Wie lief das Zusammenspiel zwischen den deutschen und englischen Schauspielern?

GABRIELE WALTHER: Das war sehr gut. Wir hatten einen Dialogue Coach, der gut darauf achtete, dass eine Familie nicht fünf verschiedene englische Akzente sprach. Das war alles angenehm und eine Herausforderung. Aber auch die deutschen Schauspieler, die in englischer Sprache drehen mussten, haben mich sehr beeindruckt. Die Regisseurin Franziska Meyer-Price hat das Ensemble exzellent geführt. Ein großes Lob geht auch an meine Herstellungsleitung: Wir sind, glaube ich, die ersten, die als rein deutsche Produktion englische Schauspieler engagiert haben. Die sind ganz andere Vertragsstrukturen gewöhnt. Und diese Schauspieler in der Hochphase der Brexit-Diskussion nach Deutschland einzuladen, war schon was.

Wie zufrieden ist denn die ARD mit dem Resultat?

GABRIELE WALTHER: Bei der ersten Rohschnittabnahme gab es schon super Feedback und auch der WDR-Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung, Jörg Schönenborn, war sofort von Matt Edwards und der Neuausrichtung der Serie überzeugt. Ich freu mich sehr, dass alle Beteiligten uneingeschränkt hinter dieser Serie stehen und stolz sind, diese Herausforderung gemeistert zu haben.

Was wird es als Nächstes jenseits von "Pan Tau" von Caligari Film geben?

GABRIELE WALTHER: Was gleich am Anfang des kommenden Jahres herauskommt, ist die für ZDFneo produzierte achtteilige Studio-Sitcom "The Drag and Us", die ich mit Martin Duffy und Tom Gerhardt gemeinsam geschrieben habe. Weil die Zusammenarbeit mit Franziska Meyer Price immer so eine Bereicherung ist, haben wir auch diese Serie gemeinsam aufgelegt. Das Format ist gelebte Innovation. Ich sage nicht nur, mit dem Zweiten sieht man besser, sondern mit dem Zweiten sieht man auch anders. Die Serie hat als Protagonistin eine Dragqueen. Ich hatte vor Jahren eine Begegnung mit einer Dragqueen, die mit Tom Gerhardt befreundet war. Wir schrieben "Hausmeister Krause", Tom wohnte damals im fünften Stock. Ich schleppte immer meinen Computer für die Drehbucharbeit hoch. Eines Tages stand da eine bildschöne Frau mit einem pinken Koffer und einem Beauty Case im Treppenhaus und schrie nach Tom. Tom schleppte ihre Koffer hoch, ich trug währenddessen meinen Computer und dachte nur: Was mache ich in meinem Leben falsch? Dragqueens haben so viel besser die Rolle der Frau studiert und wissen bei Männern auf die richtigen Knöpfe zu drücken. Wir leben in einer Zeit, wo sich Rollendefinitionen auflösen. Das jetzt ist die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Söhnen. Einer der Söhne soll sich für das Ferienlager etwas Geld dazu verdienen, ist aber zu faul und vermietet sein Zimmer stattdessen an eine Dragqueen.

Das Interview führte Michael Müller