Produktion

Review: "On the Rocks" von Sofia Coppola

Gestern feierte "On the Rocks", der neue Film von Sofia Coppola mit ihrem "Lost in Translation"-Star Bill Murray, Weltpremiere auf dem New York Film Festival. Am 2. Oktober kommt die Komödie in Deutschland in ausgewählte Kinos, um dann ab 23. Oktober weltweit auf Apple TV+ zu starten. Hier unsere Besprechung.

23.09.2020 09:11 • von Thomas Schultze
Wenn der Papa mit der Tochter: Bill Murray (r.) und Rashida Jones in "On the Rocks" (Bild: A24)

Gestern feierte On the Rocks", der neue Film von Sofia Coppola mit ihrem Lost in Translation"-Star Bill Murray, Weltpremiere auf dem New York Film Festival. Am 2. Oktober kommt die Komödie in Deutschland in ausgewählte Kinos, um dann ab 23. Oktober weltweit auf Apple TV+ zu starten. Hier unsere Besprechung.

Ein schönes Geburtstagsgeschenk, pünktlich zum 70.: 17 Jahre nach "Lost in Translation" steht Bill Murray wieder für Sofia Coppola in einer entspannten Komödie der Irrungen und Wirrungen vor der Kamera. Damals ließ sich Murray mit der noch recht unbekannten Scarlett Johansson durch Tokio treiben und pflegte seinen Ennui - und wurde dabei zu einer Art alternativem King of Cool, der lässigste Schauspieler seiner Generation, ein trauriger Clown, der einem nicht auf den Sack geht. Der Film begründete auch den Ruf von Sofia Coppola als stilsichere Hipsterin, die aus der unendlichen Leere des Seins etwas Begehrenswertes machte. Dem sie seither hinterherläuft: Zuletzt war Coppola mit ihrem Remake "Die Verführten" weit hinter ihren Möglichkeiten geblieben; noch schwächer war davor der hohle The Bling Ring". Was, wenn nicht eine neue Arbeit mit dem notorisch eigenwilligen Murray, könnte sie wieder zurück in die Spur bringen?

Als exzentrischer Lebemann Felix, der durch diesen Film rauscht wie ein ewig beschwipster Royal Tenenbaum, ganz Patriarch und Partylöwe, immer ein Bonmot und das richtige Cocktailrezept auf den Lippen, ist er die halbe Miete: Es ist unmöglich, diesem Mann nicht gerne zuzusehen. Die andere Hälfte ist indes die gewöhnlich souveräne Rashida Jones, der man endlich die eine große Hauptrolle erhofft, die sie sich seit "Trauzeuge gesucht" redlich verdient hat. As Felix' geplagte Tochter Laura ist sie zwar durchgängig sympathisch, aber bekommt einfach nicht genug zu tun, wird als Beifahrerin ewig in die Passivität und Sprachlosigkeit gezwungen, bleibt im Wortsinne blass: Anstatt aufzublühen, als sie sich mit ihrem entfremdeten Herrn Papa zusammentut, um ihrem Ehemann hinterher zu forschen, weil sie glaubt, er könne mit einer Kollegin aus der Arbeit fremdgehen, und dabei durch New Yorks Cocktailbars und andere altehrwürdige Institutionen, die jeder kennt, der sie sich leisten kann, zieht, bleibt sie das Mauerblümchen und muss eine Schnute ziehen, weil Felix sichtbar mehr Spaß am Leben hat als sie.

Spätestens als Felix mit einem roten Sportcoupé aufkreuzt, um sich an die Fersen von Lauras Gatten zu heften und die New Yorker Nacht zum Tag macht, schreit der Film »Schwank!« und »Sause!« und »Gute Zeit!«, bloß bei Laura das Memo scheint nicht angekommen zu sein. Sofia Coppola zeichnet ihre Heldin als endlos besorgte Spaßbremse; immerzu wiegt die Last des Lebens schwer auf ihren Schultern. Und zieht den Film runter, der doch so viele schöne Momente und herrlich schräge Figuren hat, dass man ihm sogar sein offenherzig ausgestelltes »white privilege« verzeihen will. So verhaftet in einem weißen und reichen New York von Anno dunnemals ist "On the Rocks", dass die Filme von Woody Allen im Vergleich dazu wie Kolportagen aus den Slums wirken. Sofia Coppola will hier ihrem inneren Wes Anderson Futter geben, bleibt aber doch unverkennbar die Regisseurin, die hinter süßen Nichtigkeiten wie "Marie Antoinette" oder "The Bling Ring" steht. Also besser Augen auf Bill Murray gerichtet und durch: Er macht "On the Rocks" zur Wonne, zuerst im Kino und dann bald schon auf Apple TV+.

Thomas Schultze