Kino

"In Fronten zu denken, war schon immer falsch"

Die zweite große Podiumsdebatte der Filmkunstmesse signalisierte nicht zuletzt: Die Bereitschaft, das Geschäftsmodell Kino flexibler anzugehen, wächst.

18.09.2020 13:13 • von Marc Mensch
Julia von Heinz sieht das Kino perspektivisch an Breitenwirkung gewinnen (Bild: Rainer Justen)

Auch wenn die Grundstimmung der zweiten Podiumsdebatte der Filmkunstmesse etwas positiver war als bei der Debatte des Vortages, auch wenn sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters unmittelbar zuvor anhaltenden Applaus des Auditoriums gesichert hatte: Gänzlich ohne Kritik in ihre Richtung blieb die Runde nicht. Und sie kam, wie schon am Vortag, aus dem Feld der Verleiher. Denn diese sollten nun Mut zeigen, mit ihren Filmen herauskommen - und täten das auch, würden mit dem Risiko aber alleine gelassen, wie Leila Hamid als Vorstandsvorsitzende des X Verleih ausführte. Ein Risiko, das neben Corona-bedingten Unwägbarkeiten auch die üblichen Hürden des Kinogeschäfts umfasst - wie zum Beispiel Temperaturen um die 30 Grad zum Start von Kiss Me Kosher"... Sie sei froh, in einem Land zu leben, in dem man sehr schnell Lösungen für die Kinos gefunden habe, so Hamid - aber die Verleiher dürften nicht aus den Augen verloren werden. "Filmkunst heißt nicht nur deutscher Film" wiederholte sie einen der zentralen Kritikpunkte an der aufgestockten Verleihförderung, den tags zuvor schon Michael Kölmel betont hatte.

Was das grundsätzliche programmatische Umfeld anbelangt, regte Berlinale-(Ko-)Leiter Carlo Chatrian an, über das Verhältnis zu den USA nachzudenken. Alle warteten auf die großen US-Starts - aber wenn man darauf warte, ob die USA zur Hilfe kämen, verliere man Zeit. Nun stand diese Bemerkung zunächst einmal ein wenig für sich alleine im Raum, allerdings wurde ein durchaus artverwandter Gedanke zu einem Zentrum des Austauschs. Denn vielleicht geht es weniger darum, in Regionen zu denken - sondern vielmehr den Horizont zu erweitern, was potenzielle Partner und Rahmenbedingungen anbelangt?

Tatsächlich ist dies ein Thema, bei dem sich ein gewisser Sinneswandel einzustellen scheint. Nicht, dass Kinofenster plötzlich allenthalben für mehr oder minder obsolet erklärt würden. Aber man kann ohne Übertreibung sagen, dass bei dieser Filmkunstmesse - gerade in abendlichen Runden - in einem Maße offen über mögliche Flexibilisierungen gesprochen wurde, wie es 2019 noch undenkbar gewesen wäre. Nicht von Allen, versteht sich. Aber doch in einem auffälligen Ausmaß. Das vielleicht beste Beispiel: Auch die Yorck-Gruppe wagt nun ein Experiment - und spielt den Apple-TV+-Titel On the Rocks" mit kurzem Vorlauf vor der Streaming-Auswertung.

Christian Bräuer jedenfalls glaubt, das machte er auf dem Panel deutlich, an Win-Win-Szenarien bei Kooperationen - und generell mache ihm weniger das Streaming Sorge, sondern die schon vor der Corona-Krise voranschreitende Konzentration von Marktmacht, die sich nun noch erheblich beschleunigen könnte. Lehren könne man diesbezüglich aus der Geschichte ziehen, denn es sei einst die spanische Grippe gewesen, die die Konzentration der Marktmacht in den USA auf ein Studiosystem befeuert habe.

Auch Julia von Heinz, deren Und morgen die ganze Welt" die Filmkunstmesse eröffnet hatte, plädierte klar dafür, auszuloten, wie man zusammenarbeiten könne. In Fronten zu denken, sei schon immer falsch gewesen. Ein wichtiger Punkt, den Bräuer in diesem Kontext anführte: Auch den Streamern könne nichts besseres passieren, als dass die Kinos überlebten.

Wie wichtig es tatsächlich ist, die Filme "schnellstmöglich wieder dahin zu bringen, wo sie sein sollen", wie es UniFrance-Geschäftsführerin Daniela Elstner per Videoschalte beisteuerte, sieht man leider überdeutlich an den Bilanzen der vergangenen Wochen. Dass sich die reine Anzahl der Neustarts laut ComScore schon wieder in Richtung eines "normalen" Niveaus bewegt, hilft da leider wenig, ist reine Quantität doch kein Ersatz für Relevanz. Insbesondere nicht in einer Zeit, in der es durchaus noch Bedenken hinsichtlich der Sicherheit diverser Aktivitäten gibt.

Vielleicht stimmt am Ende, was Julia von Heinz sagt: "Kino ist rarer geworden, wertvoller. Kinos werden als kulturelle Orte noch mehr Breitenwirkung haben." Das mag sein - aber sie in eine Zeit zu retten, in der sich das bewahrheitet, ist die große Herausforderung. Eine Herausforderung, der sich die Branche schlicht und ergreifend geschlossener stellen muss. Dass dies möglich ist, hat sich durchaus schon mehrfach gezeigt, als Beispiel sei nur das koordinierte Vorgehen der Kinos hinsichtlich des Wiedereröffnungstermins genannt, das durchaus nicht nur auf einer Abstimmung unter den Programmkinos fußte. Dass (viel) mehr möglich sein muss, macht indes schon das Ausbleiben einer koordinierten, bundesweiten Wiedereröffnungskampagne deutlich.

Abschließend noch ein Wort zu Chatrians Eindruck, Kinos seien derzeit manchmal nicht so einladend, wie sie es sein könnten. Das mag durchaus zutreffen - und wäre eigentlich ein wichtiger Punkt, den es zu adressieren gilt. Denn um noch einmal auf Julia von Heinz' Hoffnung zurückzukommen - sie ist natürlich auch damit verbunden, dass man hinter dem Kino auch die Persönlichkeit spürt. Aber wer sich aktuell mit Kinofamilien unterhält, erkennt schnell, was es derzeit heißt, den Spielbetrieb überhaupt aufrecht zu erhalten, wenn sich Einnahmen unterhalb der laufenden Kosten bewegen...