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TORONTO Tag 8: What a beautiful life!

Einer der Filme, auf die man im Toronto-Programm gewartet hat, ist "Another Round" von Thomas Vinterberg, der mit dem "Cannes-Label" startet - und sicherlich ein Palmenkandidat gewesen wäre, wenn das Festival stattgefunden hätte. Absolut sehenswert ist auch das Regiedebüt von Viggo Mortensen.

18.09.2020 15:27 • von Thomas Schultze
Ein Paukenschlag am Ende des 45. TIFF: "Another Round" (Bild: Weltkino)

Zwei Highlights zum Abschluss der diesjährigen Toronto-Berichterstattung. Mehr Spaß macht es sicherlich, wenn man die Filme vor Ort sieht: Zuhause auf der Couch will sich das ganz große Kinogefühl einfach nicht einstellen. Aber immerhin gab es wieder neue Filme zu sehen, viele davon ganz großartig und auch mit dem Potenzial, ein zahlendes Publikum bei der regulären Auswertung im Kino zu begeistern und anzuregen. Besonders gefreut hatte ich mich auf Another Round", der von Thierry Fremaux' das "Cannes-Label" erhielt und neben Toronto nun auch in San Sebastian gezeigt wird. In Cannes hätte er für Wirbel gesorgt - er wäre ein sicherer Palmenkandidat gewesen.

Thomas Vinterberg hat einen Männerfilm gedreht. Mit Männern, mit denen er vorher schon Filme gedreht hat. Mads Mikkelsen. Thomas Bo Larsen. Lars Ranthe. Magnus Millang. Das Fest", "Die Jagd", "Die Kommune". Es ist ein Film über Männer. Männer, die ihr Selbstvertrauen verloren haben, die sich als Verlierer fühlen, Fremde geworden sind in ihrem eigenen Leben. Und die gemeinsam anfangen zu trinken. Als Therapie gegen das Versagen, gegen das Erstarren, geben das Vereinsamen. Sich selbst reden sie ein, es sei ein Experiment. Sie wollen die Theorie von Skårderus, der Mensch müsse unentwegt einen Alkoholpegel von 0,5 Promille haben, um optimal zu funktionieren, auf die Probe stellen. Keiner soll was merken. Das geht anfangs gut. Sehr gut sogar. Die vier Männer sind Freunde, sie arbeiten als Lehrer an derselben Schule. Auf einmal flutscht es wieder im Unterricht. Sie haben Pfiff. Die Schüler gehen mit. Auch Zuhause läuft es besser. Zuerst. Wenn sie trinken, wird auf eine schwarze Leinwand geschnitten: Da sieht man dann, wie der Alkoholpegel steigt. Es bleibt nicht lange bei 0,5 Promille. Die Sache gerät außer Kontrolle bei einem wüsten Gelage. Der eine, der sich gerade noch beschwert hat, sein Vierjähriger würde ihn im Schlaf anpinkeln, kann die Blase selbst nicht mehr halten. Ein anderer bricht bewusstlos vor der Haustür zusammen und wird dort mit verschrammtem Gesicht von einem seiner Söhne aufgefunden.

Aber "Another Round" ist kein Trinkerfilm, wie man ihn kennt, kein Die Tage des Weines und der Rosen" oder Leaving Las Vegas", er will nicht warnen vor den Gefahren des Alkoholismus: Das wäre zu simpel, zu offensichtlich, es ist bereits impliziert in der Prämisse der Geschichte. Das Trinken, das zuerst lustig ist und dann schon sehr bald nicht mehr, ist eher der Brandbeschleuniger für das eigentliche Drama, er lässt die Männer die Dinge auf einmal ganz klarsehen. Die Männer müssen konfrontieren, was falsch läuft in ihrem Leben. Der Trümmerhaufen lässt sich jetzt nicht mehr leugnen. Darum geht es wirklich in diesem so leicht erzählten und doch so traurigen und bitteren Männerfilm, der seine Helden liebt und deshalb kein gutes Haar an ihnen lässt. Es ist klar, dass nicht alle die Kurve kriegen werden. "Es ist alles nichts wert", sagt der eine, der davor schon geheimer Alkoholiker war und jetzt am Ende der Fahnenstange angekommen ist. Und doch lässt Vinterberg, der gut ist wie seit "Die Jagd" nicht mehr, Gnade in der Tragödie walten. Wieder treffen sich die Freunde in dem Restaurant, in dem sie ihren verrückten Plan geschmiedet hatten. Es ist die zärtlichste und vielleicht schönste Szene, die der Regisseur je gedreht hat. Nichts ist gut, aber wenn Mads Mikkelsen tanzt, könnte es doch noch was werden. What a beautiful life.

Viggo Mortensen ist streng genommen kein Däne: Er wurde in New York geboren und ist Amerikaner. Aber er hat dänische Eltern, also nennen wir ihn der Einfachheit halber in einem Atemzug mit Mads Mikkelsen als zweiten der ganz großen nordischen Leading Men unserer Zeit, ein Schauspieler, der sich so intensiv in seine Rollen versenkt, dass er für die Zeit des Drehs mit seinen Figuren verschmilzt: Als er in den "Herr der Ringe"-Filme spielte, merkte er nicht einmal, dass Regisseur Peter Jackson ihn konsequent nur noch als "Aragorn" anredete. Und als ihm beim Dreh zwei Zähne abbrachen, bat er die Crew, sie ihm wieder anzukleben, damit er die Szene fertigdrehen konnte. Mit Falling" gibt Mortensen nun im Alter von 60 Jahren sein Regiedebüt. Es kann nicht verwundern, dass es ein Schauspielerfilm geworden ist, intensiv und aufwühlend, aber auch konzentriert und auf den Punkt: Wenn es Action gibt, dann spielt sie sich in den Gesichtern der Schauspieler ab in diesem zwischen den Sechziger- bzw. Siebzigerjahren und der Gegenwart springenden Familiendrama, das davon erzählt, wie schwer das Erbe der Väter auf den Söhnen lastet. Ein bisschen fühlt man sich erinnert an die Regiedebüts von Gary Oldman (Nil By Mouth") und Tim Roth (The War Zone"), ebenso unerbittliche Filme, die darum ringen, mit der Gewalt der Väter einen fragilen Burgfrieden zu schließen.

"Entschuldige, dass ich dich in diese Welt gebracht habe, nur damit du wieder sterben kannst", sagt Willis, gespielt von Sverrir Gudnason aus Borg/McEnroe", zu seinem kleinen Sohn John. Er erweist sich als strenger Vater, der seinen zarten Sohn mit seiner Härte zu ihm und seiner Mutter von sich entfremdet. In der Gegenwart ist Willis, jetzt gespielt von Lance Henriksen, ein alter Mann, dessen zunehmende Demenz seinen Sohn zwingt, ihn bei sich in Los Angeles aufzunehmen. Was alte Wunden sofort wieder aufreißt, nicht zuletzt, weil John als erwachsener Mann herausgefunden hat, Männer zu lieben, und mittlerweile verheiratet ist mit dem asiatischstämmigen Pfleger Eric. Alles rote Tücher für den greisen Willis, dessen Sexismus, Homophobie und Rassismus im Lauf der Jahre nur noch stärker ausgeprägt geworden ist. Viggo Mortensen selbst spielt John auf bewundernswert zurückhaltende Weise: Selbst dann begegnet er dem Vater noch mit Geduld und Nachsicht, wenn der wieder in einem seiner Wutausbrüche gegen Gott und die Welt zetert. Es ist Henriksens beste Rolle seit langer Zeit: ein Monster, im Krieg gegen eine Welt, die er längst nicht mehr versteht, weil er vergessen oder es sich nie zu sehen erlaubt hat, wie schön das Leben sein kann. What a terrible life.

Thomas Schultze