Produktion

Oskar Roehler: "Ein Film über Fassbinder muss rocken!"

Oskar Roehlers für Cannes ausgewählte Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage "Enfant terrible" eröffnet am 24. September das Filmfest Hamburg. Es ist ein sehr persönliches Projekt für den Filmemacher und hat eine lange Geschichte.

23.09.2020 07:52 • von Heike Angermaier
Oskar Roehler (Bild: Kurt Krieger)

Oskar Roehlers für Cannes ausgewählte Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage Enfant terrible" eröffnet morgen das Filmfest Hamburg. Es ist ein sehr persönliches Projekt für den Filmemacher und hat eine lange Geschichte.

Ihr Film erzählt von einem der auch international höchst geschätzten deutschen Filmemacher. Wie näherten Sie sich dieser Ikone?

Oskar Roehler: Mit Rainer Werner Fassbinder verbinde ich Erfahrungen, die ich in sehr jungen Jahren mit seinem Werk machte. In den 70ern sah ich im Heimkino meines Internats Filme wie Händler der vier Jahreszeiten", Angst essen Seele auf" oder Mutter Küsters Fahrt zum Himmel", die sich mit ihren sozialpolitischen Inhalten in mein Gehirn brannten. In einem Jahr mit 13 Monden" ist mein persönlicher Lieblingsfilm, ich liebe auch seine bizarren Komödien wie Satansbraten" oder Warnung vor einer heiligen Nutte". Fassbinder war, ist ein Held für mich, für meine Künstlergeneration, ein Außenseiter, der sich in seinen Filmen kritisch mit dem Establishment auseinandersetzte, der den Finger in die Wunde legte. So war es mir ein Bedürfnis, dem für mich bedeutendsten deutschen Filmemacher der Nachkriegszeit ein Denkmal zu setzen. Gerade angesichts der heutigen Gesellschaft, in der Freiheiten beschränkt werden, und einer deutschen Filmbranche, die nicht wie damals bei Fassbinder beweglich ist, sondern in der Sicherheitsdenken und Selbstzensur herrschen. Es geht soweit, dass man ein schwules Paar in seine Geschichte einbauen, einen schwarzen Schauspieler engagieren muss oder eine Figur Dinge, die jemanden beleidigen könnten, nicht aussprechen lassen darf. Gefühlt arbeiten 99 Prozent als Befehlsempfänger für diese überentwickelte Industrie und es gibt nur noch ein Prozent Freiheit, um es noch krasser auszudrücken. "Enfant terrible" zeigt, dass Filmemachen auch anders geht, mit Enthusiasmus, mit Lust am Experimentieren und an der gesellschaftlichen Reflektion!

Wie haben Sie und Autor Klaus Richter das Drehbuch entsprechend ausgearbeitet?

Oskar Roehler: Klaus Richter und ich begaben uns schon vor sieben Jahren in Klausur und legten uns das Konzept zurecht, vom Aufstieg und Fall des Rainer Werner Fassbinder zu erzählen, der Geniestatus genoss, in kurzer Zeit ein riesiges, vielschichtiges Werk schuf und sich selbst zugrunde richtete. Wir wollten ein Künstlerdrama, das in Richtung Melodram geht, erzählen - angereichert mit dem schwarzen Humor, den ich mir im Laufe von über 20 Jahren in der Filmbranche angeeignet habe. Es geht um Macht, um Leidenschaft, wie Fassbinder im Umgang mit den Anderen Schuld auf sich lädt. Er hat seine eigenen Erfahrungen mit zwischenmenschlichen Machtstrukturen in seinen Filmen in einen umfassenderen Kontext transferiert. All diese und auch die eingangs erwähnten Aspekte seines künstlerischen Schaffens wollten wir schildern.

Klaus Richter hat sich für die Recherche durch die umfassende Fassbinder-Literatur gearbeitet und wir haben uns insbesondere von biografischen Schriften seiner Mitarbeiter über ihn, ich würde sie als liebevolle Abrechnungen beschreiben, inspirieren lassen. Natürlich haben wir auch alle seine der Nachwelt erhaltenen Auftritte angesehen.

Warum hat es so lange gedauert bis "Enfant terrible" realisiert wurde?

Oskar Roehler: Das Projekt lag teilweise auf Eis und der Dreh verzögerte sich um Jahre. Mir tut besonders leid, dass der vor zwei Jahren verstorbene Klaus Richter den Film deswegen nicht mehr sehen konnte. Aus dem ursprünglich geplanten Budget von sieben Mio. Euro wurden drei Mio. Barbara Buhl und Gebhard Henke vom WDR und die Film- und Medienstiftung NRW hielten mir über die lange Zeit hinweg die Treue. Wichtig war auch, dass Weltkino einstieg. Ohne Produzent Markus Zimmer von Bavaria Film und meine Agentin Mechthild Holter gäbe es den Film nicht. Ich war irgendwann so frustriert, dass ich hinschmeißen wollte, Mechthild Holter überzeugte mich, durchzuhalten.

Es hat sich gelohnt! Etwa die Idee, den Film in Theaterkulissen spielen zu lassen, funktioniert ausgezeichnet.

Oskar Roehler: Ich entfaltete mein Talent als ehemaliger Undergroundfilmer und beschloss, statt teuer an Originalschauplätzen in Marokko, Spanien, Italien und Frankreich zu drehen, alles im Studio in Deutschland in einfachen Kulissen umzusetzen. Ich übernahm die Ausstattung gleich mit, ließ Sprayer nach meinen Anweisungen die Kulissen gestalten. Wir schränkten uns auch bewusst ein, nutzten nur eine einzige Kneipenkulisse, eine Straße statt der ursprünglich mehreren geplanten - wie in klassischen B-Pictures. Als mein genialer Kameramann Carl-Friedrich Koschnick mir dann das Lichtkonzept zeigte, dachte ich mir, wow! Uns ist es gelungen, einen künstlichen, auch künstlerischen, eigenen Kosmos zu schaffen, ähnlich dem, in dem sich Fassbinder bewegte. Aus Zeit- und Geldmangel habe ich auch fast wie Fassbinder gedreht, sehr schnell und sparsam. Wir hatten nur 25 Drehtage. Wie im Theater haben wir jeden Tag geprobt, teils drei bis vier Stunden für eine Szene, um für die nötige Konzentration zu sorgen, so dass meist ein Take ausreichte.

Sie hatten aber auch ein tolles Ensemble.

Oskar Roehler: Ja, der Dreh mit dem Ensemble hat Riesenspaß gemacht. Tatsächlich hieß es zuerst zur von mir vorgeschlagenen Besetzung, sie sei zu alt. Aber ich wollte unbedingt Oliver Masucci haben, ich brauchte ein Theatertier, eine Rampensau wie ihn, der den Film rockt. Ein Film über Fassbinder muss rocken! Zu ihm passend wählte ich die weitere Besetzung aus, wie Katja Riemann oder auch weniger bekannte Gesichter wie die österreichischen Schauspieler Hary Prinz oder Anton Rattinger. Ich argumentierte, dass meine Favoriten besser seien als es Schauspieler aus einer viel jüngeren Generation sein könnten. Sie wissen viel mehr, kennen die Zeit und die Protagonisten teils aus eigener Anschauung. Deswegen war es mir auch wichtig, dass Leute mitspielen, die mit Fassbinder arbeiteten, wie Eva Mattes oder Isolde Barth. Im Übrigen fällt dem Publikum nach kürzester Zeit gar nicht auf, dass die Schauspieler zu alt für ihre Rollen sein könnten.

Sie umgeben sich gerne mit ihnen schon lange bekannten Crewmitgliedern wie Carl-Friedrich Koschnick. Wie war es, erstmals mit Editor Hansjörg Weißbrich zu arbeiten?

Oskar Roehler: Es war eine großartige Erfahrung. Er hat den Film eigenständig auf den ersten Wurf perfekt geschnitten, so dass ich, als ich zu ihm in den Schneideraum kam, eigentlich nur wie ein Redakteur Kleinigkeiten kürzen musste. Wenn man es mit Profis zu tun hat, wird man belohnt. Das gilt für die Crew genauso wie für das Ensemble. Er hat auch tolle Vorschläge für die Musik gemacht. Auf seiner Idee basiert die Musik aus Fassbinders Querelle", die das melodramatische Hauptmotiv ist. Klaus Richter hat "Goldener Reiter" vorgeschlagen und alle weiteren Songs, die im Film sind. Als Sohn eines Reeperbahnkneipiers war er Experte für Nachkriegsschlager, auch italienischer.

Ihr Film überzeugte die Macher des Festival de Cannes. Wie war es für Sie, als Sie erfuhren, dass "Enfant terrible" ausgewählt wurde?

Oskar Roehler: Pierre Lescure und Thierry Frémaux gratulierten Markus Zimmer und schrieben uns später, dass "Enfant terrible" ihnen wie kein anderer der von ihnen ausgewählten Titel zu Herzen gegangen sei. Sie hießen uns herzlich willkommen im Club und ermunterten mich, weiter zu machen, ich solle mich anstrengen, damit sie auch meinen nächsten Film wieder einladen können. Das tat natürlich gut. Und ich habe neue Freunde gefunden. Frémaux bot an, mich zu unterstützen, wenn ich eine Koproduktion mit Frankreich machen will. Vielleicht muss ich es auch mal woanders probieren.

"Enfant terrible" eröffnet nun das Filmfest Hamburg.

Oskar Roehler: Wir haben uns natürlich über diese Einladung sehr gefreut, gerade weil dem Filmfest besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird als eines der ersten Festivals, das live, im Kino mit Publikum als "richtiges" Festival stattfindet. Mit der Filmfesteröffnung beginnt die Geschichte von "Enfant terrible" im Kino erst und führt von den Premieren in Essen, München und Berlin zum bundesweiten Start am 1. Oktober.