Kino

Programmkinozahlen 2019: Rückblick mit Mehrwert

Die Vorstellung der diesjährigen Programmkinostudie hatte beinahe schon anekdotischen Charakter, haben die Zahlen doch nichts mit der aktuellen Realität zu tun. Eine wichtige Erinnerung daran, wie stark das Kino vor der Pandemie tatsächlich dastand, ist die FFA-Erhebung aber allemal. Brandaktuelle Auswertungen, unter anderem zu Gründen für noch ausgebliebene Kinobesuche, gab es zudem obendrauf - inklusive einer zentralen Zahl, die Mut macht.

16.09.2020 21:44 • von Marc Mensch
Erinnerung an hoffentlich bald wiederkehrende goldene Arthouse-Zeiten: "Systemsprenger" (Bild: Port-au-Prince (24 Bilder))

Dass die Pandemie diverse Trends beschleunigte, steht wohl außer Zweifel. Und gerade im Medienbereich scheint die Analyse einfach zu sein: Streaming löst andere Nutzungsarten mehr und mehr ab, Kino inklusive. Nun mag das bis zu einem gewissen Grad durchaus keine ganz falsche Schlussfolgerung sein; die Ansicht, Streamingabos würden dem Kino per se nicht schaden, ist schließlich durch Zahlen widerlegt. Der Punkt ist nur: Dieser Schaden ist weitaus geringer, als dies so gerne kolportiert wird, eine Massenabwanderung fand weder vor Corona statt, noch legen die aktuellen Zahlen aus vielen Märkten den Schluss nahe, dass die Differenzen zu den "normalen" Ergebnissen (die China übrigens zumindest jüngst im Vorjahresvergleich erzielen konnte...) primär auf einen dauerhaften Wechsel der Nutzungsgewohnheiten zurückzuführen wären.

Insofern hätte man sich durchaus wünschen mögen, Frank Völkert hätte sich sowohl bei der via Videoschalte erfolgten Vorstellung der FFA-Programmkinostudie als auch bei jener aktuellerer Zahlen erheblich stärker auf diesen Punkt fokussiert. Eine erneute Betrachtung der bekannten Gesamtmarktzahlen für das Jahr 2019 hätte man jedenfalls gerne für Ausführungen zu den Folien mit aktuellen Zahlen geopfert, die aus Zeitgründen unter den Tisch fallen mussten und deren Informationsgehalt man beim raschen Wegklicken wenigstens erahnen konnte. Nun, angefragt haben wird diese Auswertungen jedenfalls.

Wofür die Programmkinostudie mit ihren Zahlen, die natürlich so gar kein Spiegel der aktuellen Situation sein können, allerdings ohne Zweifel dienlich ist: Als Erinnerung daran, wie stark das so oft schon totgesagte Kino vor der Pandemie tatsächlich dastand. Denn auch der Programmkinosektor hatte ein ausgesprochen starkes Jahr 2019, auch wenn die Entwicklung nicht so steil nach oben verlief wie im restlichen Markt. Was vor allem daran lag, dass es für das Arthouse-Segment auch nicht galt, sich aus einem veritablen Tal herauszuarbeiten. Niedrigere prozentuale Zuwächse bedeuten natürlich einen (wenn auch nur leichten) Rückgang des zuvor deutlich gestiegenen Marktanteils der Programmkinos.

Knapp in Zahlen ausgedrückt: In Programmkinos wurden 2019 rund neun Prozent mehr Tickets (knapp 16,4 Mio.) verkauft als im Vorjahr, die Umsätze stiegen von 113,2 auf gut 126,6 Mio. Euro und im Jahresvergleich sank der Marktanteil nach Besuchern von 14,2 auf 13,8 Prozent, jener nach Umsatz blieb mit einem Minus von 0,2 Prozentpunkten (zuletzt 12,4 Prozent) sogar nahezu stabil. Und auch beim Bestand gibt es positives zu vermelden, die Zahl der Spielstätten wuchs um sechs Prozent auf 585 (und damit prozentual stärker als jene im Gesamtmarkt).

Klammert man das "Katastrophenjahr 2018" (eine Titulierung, die aus heutiger Sicht natürlich schon beinahe ironisch wirkt) und die Kino-Sonderformen, die im Zuge der letzten heißen Sommer über den Open-Air-Boom massiv zulegen konnten, einmal aus und stellt den Vergleich 2017/2019 an, konnten Programmkinoleinwände (also auch solche in Centern mit gemischtem Programm) im Vergleich zu herkömmlichen Kinos und Multiplexen sowohl bei den Leinwänden (plus sieben Prozent), als auch den Besuchern (plus sieben Prozent) und dem Ticketumsatz (plus zwölf Prozent) jeweils am stärksten zulegen - wobei man auch mit einem Preisplus von vier Prozent die Spitze bildete.

Besonders stark ausgeprägt ist beim Publikum von Arthouse-Filmen natürlich auch weiterhin der Anteil der Heavy User (sieben Leinwandbesucher oder mehr pro Jahr), der mit 20 Prozent exakt doppelt so hoch lag wie im Gesamtmarkt. Und wenngleich sich die Besucher von Arthouse-Filmen beim Verzehr auch 2019 zurückhaltender zeigten als die Gesamtkinobesucher, schloss sich die Lücke bei den tatsächlich Verzehrenden doch etwas und lag nach einem Plus von elf Prozent (Gesamtmarkt: fünf Prozent) noch bei 7,12 vs. 7,99 Euro.

Zu den leider zu kurz gekommenen Informationen zu aktuellen Entwicklungen zählte unter anderem eine Umfrage, die die FFA vor kurzem durchgeführt hatte und die einmal mehr eindrucksvoll unterstreicht, wie sehr das Genesen des Marktes vom Start der Hochkaräter abhängt. So antwortete über ein Drittel der Umfrageteilnehmer (37 Prozent) auf die Frage, weshalb man seit der Wiedereröffnung der Kinos noch kein solches aufgesucht hätte, mit "Filmauswahl nicht ansprechend". Ähnlich hoch rangierte nur "fehlendes Interesse/keine Zeit" mit 33 Prozent. Angst vor gesundheitlichen Risiken (so zumindest muss man die Antwort "Corona-Pandemie" wohl auslegen) gaben 22 Prozent an, bei zehn Prozent war zum Zeitpunkt der Umfrage das Kino noch geschlossen bzw. hatte erst vor Kurzem eröffnet. "Generell selten im Kino" sagten übrigens sechs Prozent, zwei Prozent gaben finanzielle Gründe an und die Kategorie "Sonstiges" vereinte vier Prozent der Stimmen auf sich.

Interessant sind die Abweichungen zwischen Kino-Fans und sporadischen Kinogängern. Denn naheliegender Weise war das fehlende Interesse bei den Fans seltener (21 Prozent) der Grund für den noch nicht erfolgten Kinobesuch, während 37 Prozent der anderen Gruppe diese Antwort zückte. Auch die Tatsache, dass das Kino schlicht noch geschlossen war, hinderte Fans in besonderem Maße (26 Prozent) - und tatsächlich war die Angst vor Ansteckung bei Kinofans ein deutlich stärkeres Argument gegen einen Besuch (27 Prozent) als bei den sporadischen Kinogängern (19 Prozent). Klagen über die mangelnde Filmauswahl hielten sich indes mit 31 vs. 35 Prozent beinahe die Waage.

Und noch eine sehr aufschlussreiche Statistik, die illustriert, wie langsam der Kinomarkt bis einschließlich Juli wieder anfing, auf die Beine zu kommen. Gegenüber dem Vorjahres-Vergleichsmonat wurden im deutschen Kinomarkt im April vier Prozent des Brutto-Umsatzes erzielt, zwölf Prozent im Mai, 14 Prozent im Juni und 16 Prozent im Juli. Ähnlich das Bild bei den Besuchern, hier ging es von drei auf elf, dann auf 15 und bis Ende Juli auf 19 Prozent.

Die Programmkinostudie ist übrigens noch nicht gänzlich finalisiert und soll erst demnächst komplett veröffentlicht werden.

Weitere interessante Insights lieferte im direkten Anschluss noch ComScore. So ist im Prinzip beinahe schon wieder eine Art Normalität erreicht, was die Anzahl der Neustarts (zuletzt im Schnitt 13 pro Woche gegenüber 14 bis 17 vor Corona) und deren Anteil am Gesamtergebnis (29 Prozent der Besucher gegenüber durchschnittlich 31 Prozent 2019) anbelangt - allerdings sprechen wir leider nicht von Neustarts in der üblichen Größe.

Im Rahmen seiner PostTrak-Analyse fragte ComScore im positiven Sinne nach dem Grund für einen bereits wieder erfolgten Kinobesuch - und was überrascht: Die auf der Filmkunstmesse mehrfach eingeforderte offizielle Erklärung, dass ein Kinobesuch sicher sei, wurde schon von 20 Prozent der Umfrageteilnehmer nicht nur empfangen, sondern gab für sie den Ausschlag. Ein neuer Film, den man habe sehen wollen, lag mit 21 Prozent nur knapp darüber. Topantworten waren "Aktivität mit Freunden/Familie (28 Prozent) und "Ich hatte keine Bedenken" mit 26 Prozent; Mehrfachnennungen waren dabei möglich.

Dass die Nutzung von On-Demand-Diensten im Lockdown massiv zugenommen hat, belegt auch die PostTrack-Auswertung von ComScore: So legte unter den Befragten die Nutzung von Netflix von 39 auf satte 67 Prozent zu, bei Amazon Prime ging es von 27 auf 32 Prozent und Disney+ machte prozentual den mit Abstand stärksten Sprung nach vorne, wenn auch von einem ungleich niedrigeren Niveau ausgehend: So steigerte sich der Anteil der Nutzer von fünf auf 13 Prozent. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von Konsumenten, die nach dem Lockdown bereits wieder im Kino waren...

Abschließend noch eine Zahl die Mut macht: 92 Prozent jener, die bereits wieder im Kino waren, gaben an, (sehr) wahrscheinlich zeitnah wieder ein Kino besuchen zu wollen. Wer im Kino war, fühlt sich dort somit ganz offenbar sicher - und dass mittlerweile etwa ebensoviele Tickets über die Kinowebsite gekauft werden wie an der Kinokasse, ist eine Entwicklung, die sich gerne fortsetzen kann.