Kino

"Es ist ein Trauerspiel"

Wer sich von der zentralen Podiumsdiskussion der Filmkunstmesse Leipzig ermutigende Signale erhoffte, wurde über weite Strecken enttäuscht. Was auch daran lag, dass eine unmissverständliche Botschaft an die Politik ausgesandt wurde: Weitere Unterstützung ist dringend notwendig.

16.09.2020 14:46 • von Marc Mensch
Ulrich Höcherl, Peter Dinges, Michael Kölmel und Christian Bräuer (Bild: Tom Schulze)

Nur selten zuvor durfte man im Kontext einer Branchenveranstaltung einen Oberleitungsschaden wohl so sehr bedauern wie bei dieser Filmkunstmesse. Denn ein solcher war es, der die Anreise der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union, Gitta Connemann, zur zentralen Podiumsdiskussion letztlich einen Strich durch die Rechnung machte. Eine hochrangige Vertreterin der Bundespolitik wäre gerade in dieser Zeit und bei diesem Thema ein ebenso wichtiger wie interessanter Gesprächspartner gewesen... Nun, die Botschaft wird nicht verloren gehen - und ohnehin ist die Union mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters höchst prominent auf dieser Filmkunstmesse vertreten.

"Kollaps oder Chance" war die von B:F-Herausgeber Ulrich Höcherl moderierte Debatte überschrieben - und auch wenn keine Rede davon sein kann, dass der Kollaps beschworen worden wäre, rückten etwaige Chancen in einer teils recht lebhaften Debatte weitgehend in den Hintergrund. Es war vor allem Frust, der auf der Bühne ventiliert wurde, insbesondere von Weltkino-Geschäftsführer Michael Kölmel, der seinen Unmut über mangelnde Unterstützung auch und insbesondere gegenüber der FFA und ihrem Vorstand Peter Dinges kund tat - bis hin zum unterschwelligen Vorwurf, diesem sei es eher um die Rettung seiner Institution als der Verleiher gegangen. "Für die Filmkunstverleiher ist die Lage viel schlimmer als für die Kinos", so Kölmel, "denn sie haben an den ganzen Hilfsprogrammen nicht teilgenommen."

Zwar wurde die Verleihförderung im Rahmen des Programms "Neustart Kultur" deutlich aufgestockt, allerdings gehe die Maßnahme laut Kölmel an den Nöten der Verleiher vorbei, wenn sie sich über die FFA nur an deutsche Filme richte. Man habe seitens der Verleiher gekämpft, habe gemeinsam argumentiert und gemeinsam verloren. "Derart grobe Fehler frustrieren extrem", so Kölmel.

Solch harsche Kritik ließ Dinges nicht unwidersprochen stehen, so verwies er nicht nur darauf, dass unter die "deutschen Filme" auch internationale Koproduktionen mit minoritärer deutscher Beteiligung zählten, dass es Instrumente wie beispielsweise UniFrance gebe, wo gezielt die Herausbringung französischer Filme gefördert werde - und dass man über die Förderung der deutschen Filme der Verleiher mittelbar ja auch ihren anderen Filmen helfe. Er habe nach einer ersten entsprechenden Fördersitzung mit einer "Förderintensität die ihresgleichen" suche, vielmehr den Eindruck, dass mit der Maßnahme ein Treffer erzielt worden sei. Dass womöglich das letzte Wort noch nicht gesprochen sei, dass nicht alles von Anfang an perfekt sei - auch das räumte Dinges ein. Allerdings müsse man sehen, dass man in kürzester Zeit habe reagieren müssen. Automatismen (auch) für ausländische Filme anzustreben, sei keine ganz einfache Forderung und gerade bei der Geschwindigkeit, mit der die Maßnahmen erfolgt seien, könne man nachvollziehen, dass man sich an bewährten Instrumenten orientiert habe.

Überzeugen ließ sich Kölmel von solchen Argumenten nicht, er warnte vor Verteilungskämpfen, die zum "gemeinsamen Untergang" führen würden. Aber auch er sieht wachsende Solidarität in der Branche, insbesondere was auf Ebene der unabhängigen Verleiher die Abstimmung zu Terminen für die so dringend benötigten Neustarts anbelange. Die Entscheidung, auch unter schwierigen Bedingungen relativ viele Filme zu bringen, verstehe man als Beitrag zur Förderung der Kinolandschaft. Auch wollte Kölmel trotz seiner Klagen über ungerechte Verteilung der Hilfen den Kinos keinesfalls weitere Unterstützung absprechen. Vielmehr mahnte er, dass Investitionsprogramme womöglich am Bedarf vorbeigehen würden. Denn Kinos wie Verleiher gleichermaßen benötigten Liquiditätshilfen in einer Krise, die längst nicht vorbei ist.

Womit die große Frage im Raum stand: Was droht eigentlich noch? Nun, dass sich diese Frage nicht beantworten lässt, liegt auf der Hand. Schließlich ist überhaupt nicht abzusehen, wie sich das Infektionsgeschehen weiter entwickelt und mit welchen Maßnahmen worauf reagiert wird. Fest steht aus Sicht von Christian Bräuer, dem Vorstandsvorsitzenden der AG Kino-Gilde aber, dass die aktuellen Beschränkungen in den allermeisten Bundesländern dazu führten, dass der Spielbetrieb eigentlich noch "keinen Sinn" mache. "Es ist ein Trauerspiel" lautete sein knappes Fazit nach einem "höchst frustrierenden August", in dem sich Abstandsregeln perpetuiert hätten, die im Grunde keine vernünftige Arbeit zuließen. Tatsächlich fuße der aktuelle Betrieb zahlreicher Programmkinos derzeit nicht auf wirtschaftlichem Denken, sondern darauf, dass man sich verpflichtet sehe, "für die Nachbarschaft, für die Filme, für die Vielfalt und die Demokratie" da zu sein. Was kommt, was wird? Aktuell fährt man auf Sicht, auch weil das Geschehen in den USA einer schnelleren Belebung einen Strich durch die Rechnung gemacht habe - worunter der Mainstream aber (noch) stärker leide als das Arthouse.

Wie furchterregend die Bilanz für das Gesamtjahr 2020 ausfallen könnte, skizziert unterdessen eine von der FFA beauftragte PwC-Studie, die laut Dinges kurz vor der Veröffentlichung steht. Sie prognostiziert bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen ein Minus von knapp über 50 Prozent gegenüber 2019 - unter der Prämisse, dass es bei den zum Zeitpunkt der Betrachtung gesetzten Startterminen bleibt (was ja schon nicht mehr der Fall ist, aktuell wird nun über die - recht wahrscheinliche - Verschiebung von Black Widow" spekuliert). Sollten laut PwC Starttermine noch in größerem Umfang verschoben werden, rede man von Einbrüchen jenseits der 80 Prozent. Eine Schreckenszahl, der man immerhin rein mathematisch entgegenhalten kann, dass mit den 220 Mio. Euro, die laut FFA bis Ende Juni umgesetzt waren (der Löwenanteil natürlich im ersten Quartal), bereits knapp über 20 Prozent der Vorjahresboxoffice erzielt waren... Dass man aktuell einen "Kampf gegen die Zeit" ausfechte, wie Dinges es formulierte, dem kann man jedenfalls kaum widersprechen. Und der FFA-Vorstand wurde noch deutlicher: "Wenn es bei den aktuellen Abstandsregeln bleibt, kommt man auch mit großen Filmen nicht in die schwarzen Zahlen!"

Kein Wunder also, dass die Abstandsregeln für Christian Bräuer das aktuell "frustrierendste Thema" seien - obwohl (oder gerade weil) man bei Forderungen nach maßvollen Anpassungen auf Expertenmeinungen (unter anderem aus der Charité) bauen könne. Es habe während der gesamten Coronazeit nach den vorliegenden Informationen keinen einzigen belastbaren Infektionsfall in einem Kino gegeben (übrigens insbesondere auch nicht in jenem Haus, in dem sich noch vor dem Lockdown ein später positiv getesteter Besucher aufgehalten hatte, Anm.d.Red.). Die Botschaft müsse lauten, dass im Kino alle Maßnahmen konsequent umgesetzt würden - und dass das Kino sicher sei. Sie zu überbringen, sei wiederum die Politik gefragt.

Schlug aber unterdessen nicht schon ohnehin die große Stunde der Streamer? Um es mit Peter Dinges zu sagen: "Vielleicht die Stunde, aber weder der Tag, noch die Woche oder der Monat." In den Jahren vor Corona sei das weltweite Boxoffice Jahr für Jahr von Rekord zu Rekord geeilt, auf dem Höhepunkt der Krise hätten 1,5 Mio. Besucher den Aufwand auf sich genommen, ihr Auto mit vor die Leinwand zu bringen. Er jedenfalls sei nicht bereit, sich Sorgen um das grundsätzliche Überleben des Kinos zu machen, solange die Leute gerne ins Kino gehen würden.

Streamer machen auch Christian Bräuer keine ernstzunehmenden Sorgen. Demnach mögen sich durch den Lockdown zwar mitunter Entwicklungen beschleunigt haben, allerdings könne er sich vorstellen, dass das Streaming mitunter auch ein wenig entzaubert worden sei. Vor allem aber sieht er Streamingkonsum nicht als Hindernis für den Kinobesuch - tatsächlich würden die Inhaber von Jahreskarten der Yorck-Gruppe im Schnitt deutlich mehr Streaming-Abos nutzen als andere Besucher.

Man habe, so Bräuer, schon viel Unterstützung erfahren, gerade auch durch das Publikum. Und Unterstützung benötige man auf Sicht weiter, denn noch sei der freie Fall der Filmwirtschaft nicht gestoppt.