Kino

FFA-Halbjahresbilanz: Die Krisen-Chroniken

Mit ihren Zahlen für das erste Halbjahr 2020 macht die FFA die katastrophalen Auswirkungen des Lockdowns auf die Kinobranche erneut deutlich - auch wenn eine der Entwicklungen noch in trügerischer Sicherheit wiegen könnte.

15.09.2020 12:37 • von Marc Mensch
"Die Känguru-Chroniken" sah nach dem Startwochenende wie ein sicherer Besuchermillionär aus - dann kam der Lockdown (Bild: X Verleih (Warner))

Die Dramatik der Entwicklung des deutschen Kinomarktes im zweiten Quartal 2020 lässt sich auf vielerlei Arten illustrieren. Das vielleicht klarste Bild liefert folgende Zahl: Während des gesamten Zeitraums zwischen Anfang April und Ende Juni wurden hierzulande laut der nun veröffentlichten Zahlen der FFA exakt 1.983.545 Tickets verkauft - also insgesamt nur etwa gut 100.000 mehr als alleine am mittleren Februar-Wochenende, als Nightlife" und Sonic the Hedgehog" ihre erfolgreiche Kinoauswertung begannen. Wohlgemerkt: Diese knapp zwei Mio. Tickets, für die es in der bislang kritischsten Phase für das Kino am Ende noch reichte, verstehen sich inklusive der in den Autokinos gezählten Besucher. Ohne den Beitrag, den die Flut an temporären Einrichtungen (sowie die wenigen "traditionellen" Autokinostandorte) beizusteuern vermochte, verbleiben für das gesamte zweite Quartal 562.874 Besucher.

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Eine Zahl, die alleine am Startwochenende des ersten in Corona-Zeiten auf die Leinwandreise geschickten Blockbusters wieder deutlich übertroffen wurde. Kritisch anmerken könnte man an dieser Stelle noch, dass in Sachen "Autokino" womöglich noch etwas mehr drin gewesen wäre - hätten sich diverse Bundesländer nicht extrem zögerlich dabei gezeigt, eine Veranstaltungsform zuzulassen, der man von Anfang an kein nennenswertes Risiko bescheinigen konnte und die (ganz anders als religiöse Veranstaltungen) auch im Nachhinein nie mit einem Infektionsgeschehen in Verbindung gebracht wurde. Was aktuell übrigens auch für reguläre Kinos gilt. Nicht umsonst können die Verbände auch mit Expertenempfehlungen und Studien im Rücken um maßvollere Regeln für den Mindestabstand im Saal kämpfen. Eine Maskenpflicht im Saal stellt Betreiber als Bedingung allem Anschein nach vor die Wahl zwischen Pest und Cholera. Noch ein ergänzendes Wort zum Autokino-Boom: Tatsächlich schaffen die über kurzfristig geschaffene Angebote erzielten Umsätze (bei überproportional hohen Kosten) diversen Kinobetreibern nun Probleme beim Empfang von Corona-Hilfen, die umsatzorientiert gewährt wurden... Ein Problem, an dem die Verbände arbeiten.

Die massive Einschränkung der Kapazitäten ist jedenfalls auch ein wichtiger Faktor bei jenem zentralen Henne-Ei-Problem, dem sich die Kinobetreiber auch im dritten Quartal noch gegenübersehen und das vor allem im Juni und Juli, als bereits eine durchaus nennenswerte Zahl an Kinos den Betrieb wieder aufgenommen hatte, einer Erholung im Wege stand: Ohne Aussicht auf ausreichende Besucherzahlen nahezu keine hochkarätigen Neustarts, ohne diese kaum Besucher - grob formuliert, versteht sich. Ein Teufelskreis, der trotz ermutigender (oder im Falle von China sogar extrem ermutigender, wenn man einmal von "Mulan" absieht) Resultate in etlichen Märkten nach wie vor nicht durchbrochen ist - wofür vor allem die Situation in den USA verantwortlich ist. Denn auch wenn man sich trefflich darüber streiten kann, wie gut oder schlecht der dortige "Tenet"-Start unter den gegebenen Rahmenbedingungen (vor allem den anhaltenden Schließungen in den mit Abstand wichtigsten Märkten) auch war, kann man sich wohl darauf einigen, dass das Startwochenende zumindest nicht stark genug war, um Studios Gedanken an weitere Terminverschiebungen ad acta legen zu lassen. Wovon gerade erst unter anderem die Verschiebung von "Wonder Woman 1984" Zeugnis ablegte.

Aber zurück zum ersten Halbjahr in Deutschland. In welchem Umfang sich die Startlisten gegen Ende des ersten und während des gesamten zweiten Quartals leerten, zeigt die FFA-Bilanz überdeutlich: Im Halbjahresvergleich sank die Zahl der Neustarts gegenüber 2019 um mehr als die Hälfte (von 303 auf 148), innerhalb von sechs Monaten wurden nur 29 US-Produktionen neu gestartet, ihr Anteil an den Gesamtbesuchern sank zwischen Anfang Januar und Ende Juni von 61,8 auf 42,9 Prozent. Noch deutlicher wäre der Rückgang dokumentiert, wäre er gesondert für das zweite Quartal aufgeschlüsselt... Unter den "guten Nachrichten" könnte man übrigens die sehr positive Entwicklung des deutschen Marktanteils verbuchen (er stieg auf 34,1 Prozent), allerdings ist dieser aufgrund der besonderen Situation natürlich kaum aussagekräftiger als es die Erhebungen zum (desolaten) 3D-Anteil mit 6,8 Prozent sind...

Der nie dagewesene Einbruch bei Besuchern und Ticketumsatz im deutschen Kinomarkt nahm bis zum Ende des Halbjahres natürlich entsprechend dramatische Ausmaße an. Zum Stand 30. Juni zählt die FFA gut 25,9 Mio. verkaufte Tickets und ein Boxoffice von etwas über 220 Mio. Euro - was Rückgängen von 51,7 bzw. 52,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Nicht, dass damit schon das Ende der Abwärtsspirale erreicht gewesen wäre, denn auf Basis der ComScore-Zahlen lässt sich erkennen, dass sich der Abstand auf 2019 auch im Juli und über weite Strecken des Augusts noch vergrößerte.

Was in einem Jahr, dem man im Vorfeld bescheinigte hatte, potenziell eher herausfordernd zu werden, unter normalen Umständen dann doch möglich gewesen wäre, wird sich nicht mehr herausfinden lassen - an den Zahlen von Januar und Februar wäre ein gutes Kinojahr jedenfalls sicherlich nicht gescheitert, wie die FFA-Bilanz zeigt. Worüber diese leider keinen Aufschluss gibt, sind Umsätze, die den regulären Kinos während des Lockdowns über das vielfach erprobte "solidarische" Streaming von Neustarts zugeflossen sind. Stimmen aus der Branche sowie einzelne uns vorliegende Abrechnungen lassen allerdings nicht darauf schließen, dass damit nennenswerte Summen für die Kinos generiert wurden. Ebenfalls keine Aussagen trifft die Bilanz über die Beteiligung von Kinos an der frühzeitigen PVoD-Auswertung von Filmen, deren Kinoauswertung durch Corona gekappt bzw. unterbrochen wurde, wie etwa "Die Känguru-Chroniken" oder "Narziss und Goldmund".

Eine zunächst einmal gute Nachricht: Der Kinobestand blieb zumindest bis zum Ende des Halbjahres mehr oder minder stabil. Zwar zeigt die Bilanz einen leichten Rückgang bei den Leinwänden gegenüber dem Stand zum Ende des Jahres 2019, allerdings dürfte sich hierbei der Pandemie-bedingte Ausfall regelmäßiger Open-Air-Veranstaltungen niederschlagen, worauf auch die gegenüber dem Jahresende 2019 konstant gebliebene Anzahl an Kinounternehmen und -standorten hindeutet. Die kurzfristig aufgesetzten Autokinos zählt die FFA übrigens natürlich nicht zum Gesamtbestand. Schließungen, die Schlagzeilen machten, gab es 2020 aber durchaus: Nachdem das Jahr schon ohne das CineStar am Potsdamer Platz begann, gab der Ufa-Palast Stuttgart Ende Mai nur zwei Tage vor dem in Baden-Württemberg gesetzten Wiedereröffnungstermin auf; der Filmpalast Eisenhüttenstadt war wiederum Ende April zum ersten Corona-Opfer unter den Centern geworden. Auch das UCI Colosseum schloss während der Pandemie dauerhaft - Recherchen Berliner Lokalmedien legen allerdings nahe, dass die Eigentümer (nicht UCI) schon vor Corona andere Pläne für den Standort hatten.

Indes zeichnet die (auch bis Mitte September) anhaltende Stabilität ein trügerisches Bild, das über das Ausmaß der Krise hinwegtäuschen könnte. Denn die wirklichen Auswirkungen der Pandemie auf den Kinobestand werden erst in den kommenden Monaten sichtbar werden. Tatsächlich kämpfen zahlreiche Betreiber*innen weiterhin um ihre Existenz - und Experten warnen seit Monaten davor, dass die Ausnahmeregelungen zur Insolvenz gerade im Kulturbereich nur dafür sorgen können, Unternehmensaufgaben hinauszuzögern. Eine Tatsache, die gerade die Politik auch vor dem Hintergrund wieder anziehender Besucherzahlen keinesfalls vergessen darf.

FFA-Vorstand Peter Dinges blickt dennoch auch optimistisch nach vorne: "Das Kino hatte bis zum Lockdown einen sehr guten Lauf, und das Angebot der Autokinos setzte vielerorts insbesondere auf das Potenzial deutscher Produktionen. Das zeigt, dass die Lust auf Kino ungebrochen ist, sobald sich auch nur die Möglichkeit ergibt, Filme auf der großen Leinwand zu sehen. Ich bin davon überzeugt, dass die demnächst startenden Filme, darunter viele attraktive deutsche und europäische Produktionen, das Publikum zurück in die Kinos ziehen werden - bundesweit und in hoffentlich vielen geöffneten Spielstätten."

Noch ein Wort zu den erfolgreichsten Filmen des ersten Halbjahres: An dem vor Corona gestarteten "Bad Boys for Life" (1,8 Mio. Besucher) konnte im ersten Halbjahr natürlich kein anderer Film mehr vorbeiziehen, bei den deutschen Filmen rangiert "Nightlife" mit rund 1,3 Mio. Besuchern ganz vorne. Ebenso wie z.B. "Die Känguru-Chroniken" konnte "Nightlife" auch nach dem Lockdown noch zahlreiche Besucher vor die Leinwände ziehen, zunächst in Autokinos, später auch noch in regulären Häusern, im Falle von "Nightlife" etwa waren es rund 270.000.