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Review: "The Third Day"

Und wieder ein Juwel von HBO: Die sechsteilige Miniserie "The Third Day" mit Jude Law und Naomie Harris liefert verstörenden Grusel im Stil von "The Wicker Man". Am Wochenende feierte sie Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival; ab heute ist die englischsprachige Originalfassung auf Sky Ticket und über Sky Q abrufbar. Hier unsere Besprechung.

15.09.2020 08:43 • von Thomas Schultze
Nichts Gutes erwartet Jude Law in "The Third Day" (Bild: TIFF)

Und wieder ein Juwel von HBO: Die sechsteilige Miniserie "The Third Day" mit Jude Law und Naomie Harris liefert verstörenden Grusel im Stil von The Wicker Man". Am Wochenende feierte sie Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival; ab heute ist die englischsprachige Originalfassung auf Sky Ticket und über Sky Q abrufbar. Hier unsere Besprechung.

In einem deutlich entschlackten Fernsehprogramm war "The Third Day" das einsame Highlight des Toronto International Film Festival, wo die zwei ersten Folgen der sechsteiligen Miniserie von HBO zur Aufführung kam. Das ist ein ganz schweres Kaliber: In den ersten drei Folgen - "Sommer" - spielt Jude Law die Hauptrolle, in den nächsten drei Folgen - "Winter" - steht Naomie Harris im Mittelpunkt. Geeint werden die komplett separaten Geschichten von derselben Kulisse, einer kleinen Insel unmittelbar vor England, die während Ebbe über einen schmalen Pfad mit dem wenige Kilometer entfernten Festland erreichbar, bei Flut aber von der Außenwelt abgeschnitten ist, und deren eigenartigen Einwohnern, zu denen weiter namhafte Schauspieler wie Katherine Waterston, Emily Watson und Paddy Considine gehören.

Hinter der Miniserie steht Dennis Kelly, Mastermind der bahnbrechenden britischen Serie "Utopia": Der Mann versteht es, weitflächigen Schrecken zu verbreiten. Und setzt das auch hier wieder brillant um, wie immer mit vielen Twists und Wendungen, aber vor allem der sichtbaren Freude daran, mit Sehgewohnheiten zu brechen, und - HBO sei Dank - so drastisch und ambitioniert vorzugehen, wenn man gezielt für ein erwachsenes Publikum arbeitet. Unterstützt wird er im Law-Erzählstrang von Regisseur Marc Munden, in Kürze mit der Neuverfilmung von "Der geheime Garten" in den Kinos, aber auch schon Kellys Mitstreiter bei "Utopia"; im Harris-Part der Miniserie hat die nicht minder versierte Philippa Lowthorpe, ab 1. Oktober mit Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution" im Kino, die Regie übernommen. Beide haben ihren ganz eigenen Stil, haben einen ganz eigenen Look & Feel geschaffen, beide Erzählungen, die in der letzten Folge vielleicht zusammengeführt werden, vielleicht aber auch nicht (die Presse bekam Episode 6 noch nicht zur Sichtung), zeichnen sich aus durch ihre unheimliche Tonalität: Die Insel und ihre Bewohner zwingt die jeweiligen Protagonisten in prekäre Extremsituationen.

Vor allem "Sommer" spielt genussvoll mit Referenzen an den ultimativen britischen Terrorklassiker, "The Wicker Man" von Robin Hardy aus dem Jahr 1973, der 2006 (schlecht) von Neil LaBute mit Nicolas Cage neu verfilmt wurde und eindeutig auch die Inspiration für den überfrachteten Midsommar" von Ari Aster im vergangenen Jahr war. Wie in "The Wicker Man" kommt ein Mann auf eine von der Außenwelt abgeschlossene Insel, in der ein religiöser Kult herrscht und der Fremde unwissender Spielball in einem größeren Ritual ist: Sam ist ein gebrochener Mann, als er auf Osea Island aufschlägt, nachdem er am Jahrestag des gewaltsamen Todes seines Sohnes im Unterholz ein Mädchen retten musst, das sich zu Erhängen versucht hatte. Er lernt die Inselbewohner kennen, das Ehepaar Martin und andere bizarre Gestalten, und die Besucherin Jess, zu der Sam schnell Vertrauen fasst: Wem man aber wirklich glauben kann, wer wirklich nicht mit Hintergedanken agiert, das muss sich erst erweisen, wenn Sam nach und nach den Halt verliert und schließlich nach einem LSD-Trip gegen Ende der zweiten Folge vollkommen in eine Zwischenwelt eintaucht, ein Limbo, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Man muss sich erst einmal gewöhnen an den extremen visuellen Stil: Die Tableaus wurden digital nachbearbeitet, die Kamera arbeitet mit desorientierenden Unschärfen - und manchmal Überschärfen, die jede Pore im Gesicht der Schauspieler erkennbar machen -, der Sound und die Musik verstärken das Gefühl des Ausgeliefertseins, der permanenten Bedrohung, ähnlich innovativ und faszinierend wie der titelgebende geheime Garten in Mundens Neuverfilmung, aber gleichzeitig sein düsterer Gegenentwurf: Dies ist ein Ort des Sterbens und des Niedergangs, nicht des Lebens und die Fantasie. "Winter" ist visuell nicht ganz so abgefahren, aber profitiert natürlich von dem Wissen, das der Zuschauer in den ersten drei Folgen über die Insel gesammelt hat: Wenn Helen mit ihren zwei Töchtern zu einem entspannenden Wochenende auf Osea erscheinen, weiß man, dass nichts Gutes folgen kann. Mehr über die Handlung zu erzählen, würde bedeuten, den Spaß zu verderben. Es sei also nur soviel gesagt, dass man sich erst einmal "The Third Day" anfreunden muss. Wenn man aber mal gepackt ist, geht man mit den Hauptfiguren bereitwillig buchstäblich durch die Hölle.

"The Third Day", eine Koproduktion von HBO und den Sky Studios, steht ab heute in der englischen Originalfassung auf Sky Ticket und über Sky Q mit wöchentlich einer Episode auf Abruf zur Verfügung. Die Ausstrahlung der deutsch synchronisierten Fassung wird ab 26. November immer donnerstags ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic erfolgen.

Thomas Schultze