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Gastbeitrag: "Wir sind wie die Gallier..."

Anhand ihrer aktuell gedrehten Miniserie "Schneller als die Angst" beschreiben Klaus Arriens und Thomas Wilke wie sich das Berufsbild des Drehbuchautors grundlegend verändert hat und welche Möglichkeiten und Anforderungen dieser Wandel mit sich bringt.

11.09.2020 12:16 • von Frank Heine
Thomas Wilke und Klaus Arriens bilden schon seit den frühen Nullerjahren ein Autorenteam und schrieben u.a. für Serienformate wie ?In aller Freundschaft?, ?Soko Stuttgart? oder ?Notruf Hafenkante?. (Bild: Frank Wartenberg)

Anhand ihrer aktuell gedrehten Miniserie "Schneller als die Angst" beschreiben Klaus Arriens und Thomas Wilke wie sich das Berufsbild des Drehbuchautors grundlegend verändert hat und welche Möglichkeiten und Anforderungen dieser Wandel mit sich bringt.

In unserer sechsteiligen Serie "Schneller als die Angst" (AT) erzählen wir die Geschichte einer Frau, die ums emotionale Überleben kämpft. Die einen Serienmörder jagt und gleichzeitig einen Mann im Nacken hat, der versucht sie durch sexuelle Gewalt zu kontrollieren und zu zerstören. Ein sehr persönliches Drama im Gewand eines knallharten Thrillers.

Basierend auf unserer Originalidee haben wir über Monate und on spec das Konzept für die Serie entwickelt - ohne dass wir vorher die Idee einer Produktion oder einem Sender vorgestellt hätten. Zu zweit haben wir kreiert, was wir selber gerne auf dem Schirm sehen wollen. Dabei haben wir nicht einmal auf einen bestimmten Sendeplatz geschielt. Wir waren frei. Es gab keine Limits außer unserer eigenen Phantasie. Das hat uns einen wertvollen Vorsprung verschafft: Wir kannten unseren Stoff, unsere Figuren. Erst als wir sehr genau wussten, wo wir hinwollten, sind wir den nächsten Schritt gegangen.

Das lief über ein persönliches Pitch-Telefonat zwischen Klaus Arriens und Jana Brandt (MDR), die sich (nach einer endlos wirkenden Schweigeminute) sofort für den Stoff begeisterte. Von diesem Moment an ging alles sehr schnell. Jana Brandt ging mit dem Konzept zur Degeto und schaffte es, auch diese Redaktion von dem Stoff zu überzeugen. In der Nachfolge zeigte sich wenig später auch der neue Redaktionsleiter Christoph Pellander von dem Stoff begeistert.

Mit dem sehr konkreten Interesse des Senders im Gepäck wählten wir die Rowboat als Produktionsfirma und somit auch Beta Film als Produktionspartner. In dieser Konstellation hatte die Serie - von nun an nannten es alle nur noch "das Projekt" - enormen Rückenwind. Das endgültige Greenlight von der Degeto und dem MDR kam im November 2019. Bis zum Drehbeginn dauerte es trotz pandemiebedingter Verzögerung etwas mehr als 1 1/2 Jahre. Das ist nicht nur für einen öffentlich-rechtlichen Sender ein sehr sportliches Tempo. Für uns als Autorenduo auch. Wir haben sämtliche Bücher geschrieben. Das ging nur, indem wir alle weiteren Aufträge absagten und uns für das "Projekt" exklusiv zur Verfügung stellten.

In der sehr intensiven Phase sind wir sowohl von den Produzenten Sam Davis und Kim Fatheuer als auch von den Redaktionen, namentlich von Barbara Süssmann (Degeto) und Adrian Paul (MDR), mit großer Liebe für den Stoff und Respekt für unsere Position als Autoren bestens unterstützt worden. Die Besetzung der Regie mit Florian Baxmeyer erwies sich in der Endphase der Entwicklung zudem als echter Glücksfall.

Aus der Genese des Projektes wird deutlich, dass sich unsere Position in der Branche nicht mehr auf die klassische Autorenrolle reduzieren lässt. Wir haben für unser erstes "eigen kreiertes" Serienprojekt einiges von dem geleistet, was traditionell eher die Aufgaben von Produzenten ist. Dabei wollten wir uns als Autoren ursprünglich nie mit so "spannenden" Dingen, wie Zielgruppenanalyse und Senderakquise beschäftigen. Produzententätigkeit war für uns so etwas wie rocket science. Produzenten trafen sich in unseren Vorstellungen mit Redakteuren in Hinterzimmern zu verschwiegenen Gesprächen und wussten danach, was der Sender "wollte". Es hat ein paar Jahre gedauert bis uns dämmerte, dass nur wenige von denen, die mit diesem Herrschaftswissen prahlten, tatsächlich wussten, was ihre potentiellen Auftraggeber tatsächlich wollen - oder brauchen. Viele hingegen schienen noch nicht einmal zu wissen, was sie selber wollen. Das lief bei den Autoren häufig nicht viel besser. Eine typische Autoren-Morgengymnastik bestand darin, herauszufinden, welcher Stoff beim Produzenten, der ja selber häufig im Nebel stocherte, am besten ankommen könnte. Eine absurde Wertschöpfungskette des Nichtwissens.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt großartige Produzent*innen, die wir bewundern, die sich wenig darum scheren, was die anderen wollen. Die einen klaren Blick für die Relevanz eines Stoffes für einen bestimmten Anbieter haben. Es gibt sehr fruchtbare und langjährige Partnerschaften zwischen Produktionen und Autoren. Wir wollen den Sinn dieser Partnerschaften keineswegs in Frage stellen. Für uns Autoren wird es in Zukunft jedoch sehr wichtig sein, uns selber wenigstens einige der Fähigkeiten der besten Produzent*innen zu eigen zu machen.

Das Aufkommen der Streamingdienste hat den Markt aufgemischt. Autorenschaft und Selbstverantwortung ist wieder gefragt. Sender und Streamingdienste treten direkt in den Dialog mit den Kreativen. "Schneller als die Angst" ist ein gutes Beispiel dafür, dass dieser Dialog für beide Seiten fruchtbar sein kann und intensiviert werden sollte.

Wir Autoren haben unser Berufsfeld inzwischen um den Aspekt der Relevanzforschung erweitert. Statt zu rätseln, was denn der Anbieter wollen könnte, beobachten wir den Markt und finden selbst heraus, was für ihn (und ggf. die Zielgruppe) relevant sein könnte. Unsere Stoffangebote orientieren sich an der Originalität UND der möglichen Marktfähigkeit. In dieser Phase können Produzenten als Partner eine wichtige Rolle spielen. Das ist aber nicht zwingend. Die Akquise und Formatentwicklung geht auch ohne die Beteiligung eines Produzenten. Der Produzent kann dann zu einem späteren Zeitpunkt ins Boot geholt werden. So hat es bei uns ja auch funktioniert.

Der Markt ist in Bewegung - genauso wie das Tätigkeitsfeld der Drehbuchautoren. In Deutschland gibt es nur sehr wenige Showrunner, die ihre Serie komplett selbst produzieren (wenn es überhaupt einen gibt). Häufiger sind Mischformen: Autoren, die auch Regie führen, Autoren, die nicht Regie führen, aber den Schnitt verantworten, Autoren, die co-produzieren...

Es zeigt sich auch, dass sich die gewählte Arbeitsform dem Stoff anpassen muss - nicht umgekehrt. Ein klassischer Writers' Room hätte bei "Schneller als die Angst" nicht funktioniert. Zu dicht, zu eng verwebt der über 270 Minuten erzählte Stoff. Der Vorteil der Arbeitsteilung wäre durch die Nachteile des erhöhten Kommunikationsaufwandes zunichte gemacht worden. Für diese Serie war unsere "Party of two" die belastbarste und produktivste Arbeitsform, zumal uns schon viele Jahre der Ko-Autorenschaft verbindet.

Ein Begriff, der für uns künftig wohl am ehesten passen würde, wäre jener der co-produzierenden Autoren. Durch die monatelange Entwicklung on spec und die nachfolgende Senderakquise haben wir einen grundlegenden Teil der Initialfinanzierung eingebracht. Wir waren eng in die Auswahl der Regie und der Besetzung eingebunden, um für den Stoff das Beste rauszuholen. Und wir begleiten die Vorproduktion im intensiven Austausch mit der Regie zur Anpassung der Bücher bis weit in den Dreh hinein. Unser unternehmerisches Risiko ist - das hat die Coronakrise noch verstärkt - ungleich höher als bei reinen Auftragsproduktionen für bereits bestehende Reihen und Serien. In einer Zeit, in der uns z.B. ein "Infektionsgeschehen" jederzeit einen Strich durch die Rechnung und zwei Jahre intensivste Arbeit zunichte machen kann, sind wir wie die Gallier. Wir schielen zusammen mit unseren tapferen und mutigen Mitstreitern jeden Morgen aus der Hütte - in der Erwartung, dass uns der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Die Entwicklung einer horizontalen Serie erfordert einen langen Atem und viel Selbstdisziplin. Wir konnten sie uns - im wahrsten Sinne des Wortes - nur leisten, weil wir in diesen fast zwei Jahren durch Wiederholungshonorare unserer Serien, die wir in den letzten 15 Jahren geschrieben haben, versorgt waren. Das ist ein Privileg, weil wir schon so lange im Geschäft sind, in den letzten sieben Jahren haben die Sender dieses Modell der Wiederholungsverträge eingestellt, weil es nicht mehr zeitgemäß sei. Aber das ist ein anderes Thema.

Denn aus unserer - und der Sicht vieler anderer Kollegen in einer ähnlichen Situation - ist die Entwicklung einer horizontalen Serie in Deutschland im Vergleich zur Arbeit an 90-Minütern bzw. formatierten Serien eher ein Verlustgeschäft. Dadurch verlangsamt sich der Aufbau einer kreativen Infrastruktur in Deutschland, die für die Entwicklung horizontaler Serien so notwendig ist. Anstatt dass die Autoren ihre in dem Vorprojekt gesammelten Erfahrungen ungebremst in die Entwicklung der nächsten Serie einbringen, sind sie gezwungen, sich quer zu finanzieren und parallel weiter Auftragsproduktionen anzunehmen.

Die Konkurrenzfähigkeit deutscher Serien im internationalen Markt hängt - neben vielen anderen Faktoren - von der Qualität der Produkte ab. Ein gewisser Garant für diese Qualität wäre es, erfahrenen Autoren einen stärkeren Anreiz für die Entwicklung dieser Produkte zu bieten. Deswegen wäre es von großem Vorteil, diese co-produzierenden Autoren in ihrer Funktion anzuerkennen - und dynamischere Vergütungs- und Beteiligungsmodelle zu entwickeln, die dieser Tätigkeit auch Rechnung tragen. Was zum Beispiel bislang komplett fehlt, ist eine Beteiligung, die sich auf die schlichte Formel herunterbrechen lässt: Je größer das von den Autoren eingebrachte Risiko - desto größer am Ende der wirtschaftliche Gewinn! Diese einfache Risiko-Gewinn-Rechnung muss aber in Zukunft von den Sendern und Plattformen zugunsten der Autoren aufgemacht werden. Der Umkehrschluss wäre sonst, dass die Entwicklung neuer Serien in Zukunft nur noch von besonders leidensfähigen Debütanten bestritten würde.

Es ist bewegend, den Drehstart der eigenen Serie zu erleben. Zu sehen, wie der eigene Traum nun Wirklichkeit wird, ist wie ein Schluck Zaubertrank. Deswegen haben wir diesen Beruf ja gewählt. Weil wir eine unstillbare Leidenschaft fürs Erzählen haben.

Die Branche wandelt sich und mit ihr auch die Anerkennung der Autorenleistung. Es ist nicht lange her, da wurden Autoren nicht einmal zu wichtigen Preisverleihungen der aus ihrer Feder entstandenen nominierten Filme eingeladen. Geschweige denn zu den nachfolgenden Partys. Doch zum Glück sind die Zeiten endlich vorbei, in denen der Barde - während die Anderen feierten - geknebelt und gefesselt in den Baum gehängt wurde.