Produktion

Pantaleon trotzt Corona

Die auf Publikumsstoffe spezialiserte Produktionsfirma hat sich durch Corona nicht ausbremsen lassen. Unterbrochene und verschobene Kinofilme sind bereits abgedreht, hochkarätige neue Projekte sind in der Vorbereitung.

11.09.2020 09:38 • von Heike Angermaier
Dan Maag (Mitte), Geschäftsführer und Produzent von Pantaleon Films, mit Florian David Fitz (li.) und Kida Khodr Ramadan am Set von "Oskars Kleid" (Bild: Pantaleon Films GmbH / Erfttal Film- und Fernsehproduktion GmbH & Co. KG / Warner Bros. Entertainment GmbH)

Die seit gut zehn Jahren aktive Pantaleon Films hat sich durch Corona nicht ausbremsen lassen. Unterbrochene und verschobene Kinofilme sind bereits abgedreht, hochkarätige neue Projekte sind in der Vorbereitung.

Pantaleon Films ist mit der deutschen Komödie Takeover" und ab 5. November mit dem internationalen Drama "Resistance" in den Kinos. Die Serie "Das letzte Wort" ist ab 17. September bei Netflix zu sehen. Für den Streamer entwickelt man außerdem gemeinsam mit Zack Snyder ein Prequel zu Army of the Dead". Kürzlich fiel die letzte Klappe zu Generation Beziehungsunfähig" und Oskars Kleid" und mit "Wolke unterm Dach" und Die Geschichte der Menschheit - leicht gekürzt" stehen die nächsten Kinoproduktionen an. Das sind eine Menge Projekte, die unter normalen Umständen auch parallel umzusetzen wären, aber nicht zu Corona-Zeiten, in denen andere Regeln gelten: "Je mehr Projekte eine Firma in der Pipeline hat desto größere Probleme hat sie. Normalerweise bedeuten mehr Projekte weniger Probleme und mehr Sicherheit. Jetzt ist es umgekehrt, es ist ein sehr seltsames Jahr bisher!", kommentiert Dan Maag, Geschäftsführer der vor gut zehn Jahren mit Matthias Schweighöfer und Marco Beckmann gegründeten Münchner Produktionsschmiede und Tochter der Pantaflix AG. "Einen abgebrochenen Dreh kann eine Firma wie Pantaleon verkraften, aber zwei Produktionen gleichzeitig ist eine andere Nummer", fährt Maag fort.

Die junge Verwechslungskomödie "Takeover", die von Pantaleons langjährigem Verleih- und Koproduktionspartner Warner gleich nach dem Lockdown Anfang Juli in die Kinos geschickt wurde, kam bisher auf über 160.000 Zuschauer*innen. "Wie viele wären es wohl unter normalen Umständen gewesen?" fragt sich Maag und ergänzt: "Es gibt keine Referenz zur aktuellen Situation." Immerhin hatten die Hauptdarsteller Roman und Heiko Lochmann bis vor einem Jahr als Youtube-Stars "Die Lochis" zahllose Follower. Die groß angelegte Premiere mit vielen Influencern im Europa-Park, der auch Schauplatz des Films war, fiel aus - und damit auch ein Gutteil der Promotion. Der Filmspaß unter der Regie von Florian Ross, dem Pantaleon mit Vielmachglas" zum Langfilmdebüt verhalf, läuft aber - wenn auch unter Sitzplatzbeschränkungen - wenigstens im Kino und das länger als unter normalen Umständen. Ende März wurde aus dem von IFC geplanten US-Kinostart von "Resistance", dem bis dato größten und ersten internationalen Kinoprojekt von Pantaleon, ein Start in ganz wenigen Autokinos bzw. als VoD. Auch die US-Premiere wurde zum Online-Event und die meisten der geplanten Festivalpräsentationen fielen aus. "Das ist sehr schade, wir hatten eine unglaublich gute Resonanz und viele Einladungen", so Maag und führt aus: "Man kann es nicht schönreden, für die Filme, die schon fertig produziert sind, läuft es in diesem Jahr einfach schlecht". Warner plant das Drama über das Engagement des wohl berühmtesten Pantomimen Marcel Marceau bei der Resistance am 5. November in die deutschen Kinos zu bringen. Inszeniert wurde es im Winter 2018 u.a. in Tschechien und in Bayern vom venezolanischen Regisseur Jonathan Jakubowicz, der sich auch als Drehbuchautor und Editor engagierte und mit seiner Firma Epicentral Studios zu den Produzenten gehört. Die britische Ingenious Media und die chinesische Bliss Media sind ebenso wie der FFF Bayern am Projekt mit US-Star Jesse Eisenberg als Marceau beteiligt. Schweighöfer ist als Klaus Barbie zu sehen. Ed Harris, Clemence Poésy und Edgar Ramirez aus Jacubowicz' Hands of Stone" gehören ebenfalls zum Ensemble.

"'Generation Beziehungsunfähig' war mein größtes Problem-Baby unter vielen", so Maag. Die romantische Komödie nach dem gleichnamigen Sachbuchbestseller musste in der Mitte des Drehs unterbrochen werden, "Oskars Kleid" stand eine Woche vor Drehstart, als der Lockdown ausgerufen wurde. "Eine Drehunterbrechung kann vorkommen, aber wenn man nicht weiß, wie lange sie dauert, kann man nicht planen", so Maag. Ab 15. Juni konnte man glücklicherweise mit den bewährten Kreativen vor und hinter der Kamera weitermachen - "was vorab unfassbar viel Kommunikation bedeutete, da alle ja Anschlussprojekte haben", wie Maag ergänzt - und Mitte Juli abdrehen. Der vielbeschäftigte Frederick Lau spielt einen selbsterklärten Beziehungsunfähigen, der sich ernsthaft in eine Frau (Luise Heyer) verliebt, die keine Bindung eingehen will. Die mit dem VGF-Nachwuchsproduzentenpreis ausgezeichnete Helena Hufnagel inszenierte nach einem Drehbuch von "Honig im Kopf"-Autorin Hilly Martinek. Zum angesagten Ensemble gehören außerdem Henriette Confurius, Maximilian Brückner, Verena Altenberger und Tedros Teclebrhan. Neben Warner ist Brainpool TV Partner wie auch beim kommenden "Eine Geschichte der Menschheit - leicht gekürzt". Gedreht wurde unter noch strengeren Sicherheits- und Hygienemaßnahmen als die von der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) geforderten, etwa mit noch mehr Corona-Tests und aufgeteilten, strikt voneinander getrennten Teams, so dass eines einsatzfähig ist, sollte es im anderen einen Positivtest geben. "Wir hatten bereits vor der BG ETEM unsere eigenen Richtlinien ausgearbeitet", so Maag. Um den Abstandsregeln gerecht zu werden, "mussten wir bei manchen Szenen im Nachtleben sehr kreativ werden, mit viel weniger Komparsen drehen und dafür in die Trickkiste greifen", so Maag.

Ähnliches gilt für die weiteren Drehs, wie beim um zwei Monate verschobenen, hauptsächlich in München realisierten und am 12. August abgedrehten "Oskars Kleid", für den Massenszenen mit Schülern umgearbeitet wurden. "Wir haben zwar manche Dinge anders gemacht, uns aber nicht inhaltlich beschnitten", betont Maag. Der gefühlvolle, auch komische Film um einen geschiedenen Vater, dessen neunjähriger Sohn eigentlich ein Mädchen ist, basiert auf der Idee und dem Drehbuch von Publikumsliebling Florian David Fitz, der mit Pantaleon bereits bei seinen Regiearbeiten "100 Dinge" und "Der geilste Tag" zusammenarbeitete, die zu Publikumshits avancierten mit jeweils weit mehr als einer Mio. Zuschauer*innen. Fitz spielt den Vater, überließ dem vielseitigen Hüseyin Tabak die Regie, der u.a. bei "Das Pferd auf dem Balkon" bereits mit Kindern arbeitete. An Fitz' Seite sind im "sehr besonderen Film", so Maag, die Entdeckung Laurì, Ava Petsch, Marie Burchard, Kida Khodr Ramadan, der gemeinsam mit Lau auch das Pantaflix-Orginal "Roccos Reise" realisierte, Burghart Klaußner und Senta Berger zu sehen. Neben Warner ist Erfttal Film Partner, die ebenfalls bereits mehrfach mit Pantaleon kooperierte. Auch bei "Oskars Kleid" konnte man mit den allermeisten der vorgesehenen Cast- und Crewmitgliedern arbeiten und an den meisten vorgesehenen Schauplätzen drehen. "Wir standen vor der Entscheidung, wann wir diesen, uns allen sehr am Herzen liegenden und fertig vorbereiteten Film machen sollen wenn nicht jetzt. Warten wir auf den Herbst, das Frühjahr oder gar auf einen Impfstoff? Ihn gleich, als die Infektionszahlen sehr niedrig waren, und schnell zu drehen, war die richtige Entscheidung", so Maag.

"Man gewöhnt sich schnell an die Maßnahmen, seien es die Teststäbchen im Rachen oder in der Nase oder die versetzten Essenszeiten, aber normalerweise freue ich mich auf den Dreh. Jetzt freue ich mich am meisten, wenn er zu Ende ist, ich mit einem Risiko weniger rechnen muss", fasst Maag seine Erfahrung nach zwei unter Coronabedingungen durchgeführten Produktionen zusammen und führt aus: "Denn wirkliche Sicherheit haben wir Produzenten auch mit den Maßnahmen nicht. Wir müssen weiterhin das Risiko tragen, wenn der Dreh wegen Corona unterbrochen werden muss. Einen Ausfallfonds der zukünftigen Projekten wie in Großbritannien oder in Österreich haben wir hier in Deutschland immer noch nicht." Er bedauert, dass es so vor allem für kleinere Firmen kaum möglich sei, ihre Projekte umzusetzen und damit der Branche einige schöne Filme verloren gingen. Bei den bisher durch den Drehabbruch bzw. die Verschiebung und die Hygienemaßnahmen entstandenen zusätzlichen Kosten würden die Förderungen und auch der verlässliche Partner Warner Pantaleon unter die Arme greifen", lobt Maag.

Bei den kommenden Drehs von "Wolke unterm Dach" und "Die Geschichte der Menschheit - leicht gekürzt" überlegt man, sie teils aus den Großstädten hinaus aufs Land zu verlagern, wo Cast und Crew in einer Unterkunft wohnen können, es weniger Kontakte gibt, und erneut, wann genau man angesichts der steigenden Zahl der Ansteckungen drehen soll. "Wolke unterm Dach", der neue Film mit Schweighöfer sollte ursprünglich im Frühsommer gedreht werden und wäre damit der dritte Film, den man neben "Generation Beziehungsunfähig" und "Oskars Kleid" fast parallel umgesetzt hätte. Die erste Klappe fällt nun voraussichtlich im Oktober. Der Film erzählt ähnlich wie "Oskars Kleid" die berührende Geschichte eines Vaters und seines Kindes, hier ist es eine Tochter. Beide trauern um die verstorbene Frau bzw. Mutter. Das Mädchen findet Trost darin, mit ihr in der Wolke zu sprechen. Das Drehbuch liefert Dirk Ahner, der mit Pantaleon und Schweighöfer bei Frau Ella" zusammenarbeitete und die Jim Knopf"-Filme schrieb. Der mit Familienstoffen, wie "Heidi" erfolgreiche Alain Gsponer ist als Regisseur an Bord.

"Die Geschichte der Menschheit - leicht gekürzt", die kürzlich Produktionsförderung aus NRW erhielt, soll Anfang nächsten Jahres in Angriff genommen werden. Die episodische, satirische Komödie mit der Creme de la Creme der deutschen Comedy-Szene, wie u.a. Christoph Maria Herbst,Carolin Kebekus, Bastian Pastewka und Christian Tramitz ist vom von Brainpool TV produzierten Format "Sketch History" inspiriert. Zum großen Ensemble gehören außerdem Milan Peschel, Hannes Jaenicke, Heino Ferch sowie Matthias Matschke und Carsten Strauch, die bereits in "Sketch History" zu sehen waren. Für die Regie vorgesehen ist Erik Haffner, der Pastewka und Tramitz in Folgen von Pastewka" bzw. "Hubert & Staller" inszenierte, nach einem Drehbuch, das er zusammen mit den auch hauseigenen Comedyspezialisten von Brainpool TV Chris Geletneky, Roland Slawik und Claudius Pläging geschrieben hat. Geletneky, stellvertretender Geschäftsführer bei Brainpool TV, und Slawik sind Headwriter bei "Sketch History".

Nach der Thrillerserie You Are Wanted", die 2018 zu einem Hit bei Amazon Prime Video avancierte, und der koproduzierten Serie Beat" ebenfalls für Amazon, realisierte Pantaleon mit der sechsteiligen Dramedy "Das letzte Wort" mit Anke Engelke und Thorsten Merten die nächste Serien-Zusammenarbeit mit einem Streamer. Aron Lehmann, der bei Highway to Hellas" bereits mit Pantaleon arbeitete, und Carlos V wirken als Showrunner, Lehmann führte gemeinsam mit Pola Beck auch Regie. Merten, der einen Bestatter spielt, lieferte die Idee zur Serie über eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes eine neue Berufung als unkonventionelle Trauerrednerin findet. Ab 17. September ist die Serie, die Engelke bei der Projektankündigung als "zum Heulen schön" beschrieb, bei Netflix abrufbar. In der Entwicklung für Netflix ist außerdem ein Prequel zu Snyders letzten für einen Start 2021 vorgesehenen Film "Army of the Dead", bei dem Schweighöfer Regie führen und die Hauptrolle übernehmen soll. Dafür wird sein Part in "Army of the Dead" als einen der Söldner, die ein Casino in Las Vegas ausrauben, während eine Zombieattacke im Gange ist, ausgebaut. Snyder, seine Frau Deborah und Wesley Quarry produzieren mit ihrer The Stone Quarry gemeinsam mit Pantaleon. In der Entwicklung ist außerdem u.a. ein Serienprojekt zusammen mit Joyn, "Spaceboys", das wie "Beat" in der Berliner Musikszene angesiedelt ist. "Aber wir haben uns in den nächsten Jahren vor allem Kino vorgenommen und entwickeln konsequent dafür - trotz der aktuell traurigen Situation. Es gibt einfach so viele tolle Geschichten zu erzählen, die für die große Leinwand und für ein möglichst breites Publikum gedacht sind. Gerade jetzt will es unterhalten werden und Komödien sehen", ist Maag überzeugt.

Heike Angermaier