Kino

KOMMENTAR: (Programm-)Kinos am Scheideweg

Nein, die Coronakrise ist noch lange nicht ausgestanden. Immerhin dürfen in diesen Tagen im kinofreundlichen Sachsen Programmkinobetreiber wieder leibhaftig zusammen kommen, um den Film zu feiern und sich den Kopf über ihre Zukunft zu zerbrechen.

10.09.2020 07:45 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Nein, die Coronakrise ist noch lange nicht ausgestanden. Immerhin dürfen in diesen Tagen im kinofreundlichen Sachsen Programmkinobetreiber wieder leibhaftig zusammen kommen, um den Film zu feiern und sich den Kopf über ihre Zukunft zu zerbrechen. Zumindest den Arthäusern haben die Coronahilfen in den harten Monaten der Kinoschließung überleben geholfen. Bund und Länder haben sich bei Soforthilfen und Programmpreisprämien großzügig gezeigt. Seit der Wiedereröffnung zeigen sich nur Sachsen und NRW großzügig, während sich 14 Bundesländer alle Mühe geben, mit überzogenen Abstandsregeln zu verhindern, dass Kinos wieder wirtschaftlich betrieben werden können. Auch sonst zeigt sich die Politik eher geneigt, Luftfahrt- und Autoindustrie mit Milliardenhilfen zu unterstützen, als dem kulturellen Sektor zu Hilfe zu eilen. Programmkinos wie Multiplexe brauchen aber staatliche Förderprogramme, wenn sie die Auswirkungen des Lockdowns oder die der unwirtschaftlichen Neueröffnungen überstehen wollen. Für kulturelle Vielfalt stehen auch die Independentverleiher, die von der Kulturpolitik im Virenregen stehen gelassen werden, aber gleichzeitig für ein abwechslungsreiches Programm sorgen sollen, während sich manch Major mit Filmstarts vorsichtig bedeckt hält. So haben viele (Programm-)Kinobetreiber ihr Überleben ihrem loyalen Publikum zu verdanken, das sie über Gutscheinkäufe u.ä. unterstützt hat und trotz der nicht enden wollenden, alarmistischen Berichterstattung gerne wieder ins Kino zurückkommen würde. Dieser besondere Bezug zum Publikum, der die engagierten Arthäuser gemeinhin auszeichnet, muss jetzt noch intensiviert werden. Selten war es so wichtig, die digitale Kommunikation mit den eigenen Kunden voran zu treiben. "Smart Data" statt "Big Data" bezeichnet AG-Kino-Gilde-Chef Christian Bräuer den neuen Königsweg. Längst hat das Online-Ticketing beim Kartenverkauf den Lead übernommen und bietet alle Möglichkeiten zur gezielten Kundenansprache. Sogar die Konkurrenz zu den Streamingplattformen wird nun von denen gelassener gesehen, die auf die unbestreitbaren Stärken des Kinoerlebnisses vertrauen und dabei sind, das eigene Angebot zur Marke auszubauen. Natürlich werden sich die Kinos ihre Zukunft hart erarbeiten müssen, natürlich kommt es auf die richtigen Filme an, die nun auch vermehrt Deutschlands Filmproduzenten und Förderer liefern müssen, und natürlich sind die Kinos, Verleiher und Produzenten in diesen dunklen Pandemiemonaten auf die Unterstützung der Kulturpolitik in Bund und Ländern angewiesen. In Leipzig darf sich die Branche endlich wieder in Person trefflich über diese Themen streiten. 600 Besucher haben ihr Kommen zugesagt, ein Indiz dafür, dass die Sehnsucht nach persönlichem Austausch fast so groß ist wie die nach dem nächsten Kinobesuch.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur