Kino

Anna Schoeppe: "Kino in der Fläche erhalten"

Seit Anfang Mai ist Anna Schoeppe neue Geschäftsführerin von HessenFilm und Medien. Blickpunkt:Film sprach mit ihr über den Neustart bei der Länderförderung, ihre Ziele, die aktuellen Herausforderungen und das Branchen-Qualifizierungsprogramm STEP.

04.09.2020 08:43 • von Frank Heine
Anna Schoeppe (Bild: HessenFilm)

Seit Anfang Mai ist Anna Schoeppe neue Geschäftsführerin von HessenFilm und Medien. Blickpunkt:Film sprach mit ihr über den Neustart bei der Länderförderung, ihre Ziele, die aktuellen Herausforderungen und das Branchen-Qualifizierungsprogramm STEP.

Sie haben am 1. Mai Ihr neues Amt angetreten und können inzwischen auf mehr als die ersten 100 Tage zurückblicken - Zeit für eine erste Bestandsaufnahme.

Anna Schoeppe: Transparenz, Zusammenarbeit mit der Branche am Standort sowie natürlich die Corona-Hilfsprogramme waren für mich die bestimmenden Themen der ersten Wochen, und trotz der Herausforderung ist mein Eindruck positiv. Das Team der HessenFilm ist motiviert und engagiert. Wir haben gut zusammengefunden und konnten schon zu Beginn viele Themen angehen. Für die kommenden Monate steht nun die strategische Neuausrichtung des Fördertopfes im Fokus. Wir konnten trotz der nicht ganz leichten Umstände in Coronazeiten mit neuen Formaten direkt einen guten Austausch mit der Branche etablieren. Seit Mitte Juni heißt es jeden Montagnachmittag "Durch den Park mit Anna Schoeppe". Zu den Spaziergängen sind Filmschaffende aus ganz Hessen eingeladen. Und so bin ich inzwischen schon knapp 40 Mal um die Bertramswiese spaziert und habe dabei sehr wertvolle Impulse für die Arbeit der HessenFilm mitgenommen. Das Format werden wir bis zum Herbst fortführen, danach werde ich, sofern Corona das zulässt, durchs Land fahren und die einzelnen Regionen noch besser kennenlernen.

Wir wollen nicht nachtarocken, aber Ihre Startbedingungen nach der Absetzung Ihres Vorgängers waren nicht ideal ...

Anna Schoeppe: Ich würde das nicht so sagen. Wie gesagt, ich habe ein ganz tolles Team vorgefunden, das direkt zum Start zahlreiche Themen eingebracht hat, bei denen es sich lohnt, sie weiterzuverfolgen. Ich habe meine Schwerpunkte mitgebracht, und so sind wir direkt in die Arbeit eingestiegen. Allerdings: Die Transparenz-Initiative stand nicht ohne Grund ganz oben auf der Agenda. Und jetzt blicken wir nach vorn.

Sie sind angetreten, um den Standort zu entwickeln und den Nachwuchs zu fördern. So kurz erst in der neuen Position, haben Sie bereits mit STEP ein Branchenqualifizierungs- und Weiterbildungsprogramm installiert.

Anna Schoeppe: Die Idee zu STEP existierte bereits, als ich gekommen bin und musste nur noch konkretisiert werden. Es ist eine Kombination aus Nachwuchsprogramm und einem Programm zur Behebung des Fachkräftemangels am Standort - beides zentrale Themen für Hessen. Mir ist wichtig, herauszustellen, dass Nachwuchsförderung eben nicht immer nur die Förderung von Regisseurinnen und Regisseuren ist, auch wenn sie mir - mit meinem Hintergrund beim Kuratorium junger deutscher Film - besonders am Herzen liegen. Wir ermöglichen über die Branchenqualifizierung, den Hauptstrang von STEP, Unternehmen und Antragsstellern, Praktikantinnen und Praktikanten zu finden und wir finanzieren diese Praktikumsplätze dann auch. Das gilt v.a. für die Berufe, in denen es wenig Ausbildungsmöglichkeiten und einen hohen Fachkräftemangel gibt. Wie in Hessen z.B. in den Bereichen Ton, (Motiv-) Aufnahmeleitung oder Szenenbild und für alle sonstigen Gewerke, in denen es Nachwuchssorgen gibt. Neben AbsolventInnen von Film- und Medienstudiengängen wollen wir damit bewusst auch Quer- und SeiteneinsteigerInnen ermuntern.

Fachkräftemangel-Klagen hört man aus allen Ecken der Republik. Wäre da nicht ein Länder übergreifender Ansatz wünschenswert?

Anna Schoeppe: Ja, wir sind natürlich auch im Austausch mit anderen Förderern und Standorten, zusammengeführt durch den Focus Germany Verbund, der in der Krise auch eng zusammengerückt ist. Da werden wir unsere Erfahrungen teilen und den KollegInnen berichten, wie das Programm anläuft. Darüber hinaus sollten wir gemeinsam mit den IHKs und den Arbeitsagenturen besprechen, was man tun kann, um Berufe zu zertifizieren und Menschen aus anderen Branchen, in denen es zum Beispiel auch coronabedingt weniger Jobs gibt, für Bereiche zu begeistern, in denen Fachkräftemangel herrscht. Die Standorte können da stark voneinander profitieren. Wir werden den STEP-Zugang auch etwas öffnen. Es sollte immer einen Hessenbezug geben, aber nicht alle Teile des Programms müssen in Hessen stattfinden.

Sie haben das Stichwort genannt - mit welchen Auswirkungen durch Corona hatten Sie bei Film Commission und Förderung zu kämpfen? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Anna Schoeppe: Mein Arbeitsbeginn Anfang Mai lag mitten in der Corona-Hochphase, kein Projekt war im Dreh. Wir haben uns am Soforthilfeprogramm der Bundes- und Länderförderer beteiligt, um schnell Unterstützung auf den Weg zu bringen. Wir sind da mit einer beachtlichen Summe dabei - weil eben auch viele Projekte betroffen waren. Ich glaube nach wie vor, dass das eine sehr gute, weil zielgerichtete Maßnahme war und ist. Dann haben wir ein Förderprogramm für die hessischen Kinos aufgelegt, mit dem wir rund 500.000 Euro an 54 hessische Kinos vergeben haben. Die Kinos konnten bis zu 10.000 Euro beantragen. Anders als andere Standorte haben wir uns entschieden, die Programmpreise nicht zu erhöhen - einfach weil durch dieses zusätzliche Programm deutlich mehr Kinos profitieren konnten. Mir ist es ganz wichtig, in dieser Situation Kino unbedingt auch in der Fläche zu erhalten. Da geht es nicht ausschließlich um ein kulturell prämiertes Programm, sondern darum, die Kinos in ihren täglichen Aufgaben zu stärken. Aktuell sind die Kinos in Hessen auch antragsberechtigt beim Programm "Hessen kulturell neu eröffnen" des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst im Rahmen der Spielstättenförderung.

Eine Aktion ist das SommerWanderKino - ist die Idee durch Corona entstanden?

Anna Schoeppe: Das ist sozusagen ein Crossover von zwei Maßnahmen, zu dem es ohne Corona vermutlich nicht gekommen wäre: Die HessenFilm unterstützt jedes Jahr den Kinosommer Hessen, der ausgerichtet wird vom Film- und Kinobüro Hessen, und hatte für 2020 zusätzliche Mittel für ein Wanderkinoprogramm bekommen. Die Wanderkinoidee soll Kino auch in hessische Orte ohne eigenes Kino bringen. Das sollte ursprünglich im Winter stattfinden, aber wir sind im Mai schnell übereingekommen, das Geld in diesem Jahr den Kinos zugute kommen zu lassen. Die einzige Möglichkeit war, den Sommer und die Open Air Saison zu nutzen, und Kommunen und Kinos zu Teams zu verbinden. Die Einnahmen der Abende gehen zu 100% an die Kinos. Das Film- und Kinobüro Hessen hat die Organisation übernommen.

Wie sind Ihre Erfahrungen, gibt es ersten Zahlen?

Anna Schoeppe: Die Erfahrungen sind durchweg positiv. Das Programm mit rund 40 Vorführungen in 14 Kommunen wird inzwischen sehr gut angenommen, von den Kinos und Kommunen und vor allem auch vom Publikum.

Auch nachhaltiges Drehen haben Sie sich ins Programm geschrieben ...

Anna Schoeppe: Ja, auch grünes Drehen gehört zu den Themen, denen wir uns schon konkret angenommen haben: Wir haben eine Projektstelle geschaffen und eine neue Kollegin für STEP und nachhaltige Entwicklungen beim Drehen eingestellt. Wichtig ist auch hier die Verbindung mit den anderen Standorten, die schon weiter sind und mit denen wir im Austausch stehen - man muss das Rad auch nicht neu erfinden, wenn es anderswo schon gute Ansätze gibt. Trotzdem stehen wir vor den speziellen Herausforderungen des Standorts und müssen die Infrastruktur entsprechend anpassen, damit die Vorgaben dann auch umgesetzt werden können. Wir bauen aktuell den Production-Guide so um, dass grüne Dienstleistungen in Zukunft besser gefunden werden können. Mit Hilfe von Inhouse-Schulungen lernen aber auch wir als Förderung, nachhaltiger zu arbeiten, es geht auch um unser eigenes Verhalten im Alltag.

Was man selber tun kann ist auch eine der Fragen in puncto Diversität. Wie steht es darum in der hessischen Filmbranche?

Anna Schoeppe: Wir machen im Moment eine Umfrage zusammen mit dem Filmhaus Frankfurt und der hessischen Film- und Medienakademie hFMA, in der es neben dem Filmnachwuchs u.a. um die Auswertung von Daten zum Thema Diversität geht. Die rückwirkend zu erheben, ist allerdings nicht leicht. Wir sind uns intern und mit der Branche aber einig, dass wir in der Hinsicht Nachholbedarf haben. Das gilt übrigens meines Erachtens für fast alle Standorte. Wir sind jetzt z.B. mit der FFHSH im Austausch, die als erste Förderinstitution eine Checkliste eingeführt hat. Wir gucken auch über die Landesgrenzen hinaus, z.B. aufs British Film Institute. Im Moment erarbeiten wir uns im Austausch mit der Branche eine fundierte Wissensgrundlage, um daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. Das ist ein komplexes Thema, das unbedingt jetzt angegangen werden muss. Bei der Entwicklung von STEP hat das Thema Diversität von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt.

Findet Nachwuchsarbeit schon Niederschlag in aktuellen Projekten? Welche Filme können wir aus Hessen erwarten?

Anna Schoeppe: Die ersten Dreharbeiten, die wieder stattfinden konnten, waren die zum Coming-of-Age-Thriller "Trübe Wolken", das Langfilmdebüt des hessischen Nachwuchsregisseurs Christian Schäfer, eine Koproduktion von Rabiatfilm mit dem Saarländischen Rundfunk. Weitere aktuelle Projekte sind Peter Meisters Langfilmdebüt, die schwarze Komödie "Das schwarze Quadrat" um zwei Kunstdiebe, u.a. mit Jacob Matschenz und Sandra Hüller besetzt. Ein Debüt mit Migrationsthematik ist "Borga" von York-Fabian Raabe, u.a. mit Eugene Boateng und Christiane Paul. In der deutsch-ghanaischen Koproduktion geht es um alltäglichen Rassismus, pauschale Vorurteile und die Sehnsucht nach Macht und Reichtum. Von der namhaften Regisseurin Angelina Maccarone haben wir "Klandestin" gefördert. Ich freue mich auf viele spannende Projekte und hoffe daher umso mehr, dass wir die dann auch wieder gemeinsam bei Festivals vor Ort im Kino sehen können.

Was macht den Standort Hessen als Location attraktiv? Wie stehen Sie da im Vergleich zu anderen Ländern?

Anna Schoeppe: Wir sind in der Mitte Deutschlands, von überall gut erreichbar, haben die internationalste und urbanste Großstadt, die mit ihrer Skyline ein Alleinstellungsmerkmal hat, und mit dem Rhein-Main-Gebiet ein riesiges Ballungszentrum. Aber Hessen ist nicht nur Rhein-Main, sondern ein Flächenland mit vielfältigen Motiven, das kann man aktuell ganz wunderbar in dem Kinofilm "Max und die Wilde 7" sehen. Wir wollen im Kontakt mit den Kommunen unsere Attraktivität stärken und noch mehr nach außen tragen. Und wir sind ein Standort der Filminstitutionen, des Filmerbes, der Filmfestivals und -kultur.

Auch die Förderung des Dokumentarfilms liegt Ihnen am Herzen?

Anna Schoeppe: Auf jeden Fall. Eines der Prestigeprojekte des letzten Jahres war "Born in Evin", für den Maryam Zaree u.a. den Newcomerpreis beim hessischen Filmpreis gewonnen hat. Die Verbindung von Nachwuchsprojekten und Dokumentarfilm ist sehr wichtig für den Standort, die wollen wir weiter stärken. Die AG DOK behält ja auch ihren Sitz in Frankfurt, worüber wir sehr froh sind.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Branche ein, wird es gelingen, einem veränderten Zuschauerverhalten Rechnung zu tragen? In Coronazeiten hat sich gezeigt, dass Kinos nicht die einzigen Abspielstätten für Filme sind...

Anna Schoeppe: Ich habe die Hoffnung, dass unser aller Bedürfnis nach Austausch und einem Ort des kulturellen Miteinanders durch die Krise eher größer wird und die Menschen zurückkehren werden ins Kino. Was die Förderungen tun können, ist, darauf zu achten, dass Filme unterstützt werden, die das Kino als Abspielort brauchen, für die die große Leinwand essenziell ist. Dann wird sich Kino durchsetzen können - aber diese Filme braucht es eben auch. Denn Streaming ist eher eine Konkurrenz des Fernsehens. Das SommerWanderKino rettet vielleicht nicht die Kinos in Hessen, aber ich glaube fest daran, dass wir gemeinsam nach neuen Ideen und Wegen suchen müssen.

Sie haben sich schon als Direktorin des Kuratoriums junger deutscher Film mit dem Nachwuchs beschäftigt, das ist ja immer auch ein Glaube an die Zukunft. Hat Sie Ihre vorherige Position auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet?

Anna Schoeppe: Ja, ich hatte vorher v.a. mit Nachwuchs- und Dokumentarfilm zu tun, auch mit Kinderfilm - drei Bereiche, die wir bei HessenFilm ausbauen wollen. Neben der expliziten Kenntnis dieser Förderbereiche hilft es mir natürlich sehr, dass ich seit sieben Jahren mit Herzblut Filmförderarbeit mache. Aber einen ganzen Standort im Blick zu haben, wie es jetzt bei der HessenFilm meine Aufgabe ist, finde ich sehr reizvoll. Auch das Zusammenspiel zwischen Filmschaffenden, Filmförderung und Institutionen in Hessen möchte ich stärken, darin liegt viel Potenzial.

Das Gespräch führte Marga Boehle.