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Benedikt Röskau: "Die Geschichte hätte ich von niemand anderen verfilmen lassen"

Benedikt Röskau ist seit den 1990er-Jahren erfolgreicher Drehbuchautor. Für den Film "Eine Almhütte für Zwei" stieg er jetzt das erste Mal auf den Regiestuhl. Im Blickpunkt:Film-Interview verrät er, warum er das tat.

04.09.2020 08:59 • von Michael Müller
Der Drehbuchautor und jetzt auch frischgebackene Regisseur Benedikt Röskau (Bild: Lion Leuke)

Benedikt Röskau ist seit den 1990er-Jahren erfolgreicher Drehbuchautor. Für den Film "Eine Almhütte für Zwei", der am Samstag um 20.15 Uhr in der ARD läuft, stieg er jetzt das erste Mal auf den Regiestuhl. Im Blickpunkt:Film-Interview verrät er, warum er das tat.

Billy Wilder wurde Regisseur, weil die Filmemacher regelmäßig seine Drehbücher verhunzt haben. War das bei Ihnen ähnlich?

BENEDIKT RÖSKAU: Wenn ich stets durchgängig als Autor fairer behandelt worden wäre, hätte ich den wunderbarsten Beruf der Welt, nämlich Drehbuchautor zu sein, nicht durch den zweitwunderbarsten Beruf der Welt, Regisseur zu sein, ersetzt. Also es hat schon etwas damit zu tun. Diesen Film und diese Geschichte hätte ich von niemand anderen verfilmen lassen als von mir selber.

Aber Sie haben sich ein wenig Zeit gelassen, Regisseur zu werden.

BENEDIKT RÖSKAU: Da kam mir ein bisschen die Karriere als Drehbuchautor dazwischen. Ich habe natürlich meinen ersten Kurzfilm in den Achtzigern gemacht. Da haben wir alle vom Filmemachen geträumt. Aber ich habe es damals weder auf die Filmhochschule noch in die Drehbuchwerkstatt geschafft. Ich habe mich dann allein durchgeschlagen, was eine Weile dauern kann. Die Achtziger waren auch keine einfache Zeit, und ich habe sehr vom Fernseh-Boom in den Neunzigern profitiert. Da ging die Karriere als Drehbuchautor recht gut los. Dann hat man Familie und sagt: Den eigenen Film kannst du auch nächstes Jahr noch machen. So werden dann schnell 20 Jahre daraus.

Nachdem Sie jetzt bei "Eine Almhütte für Zwei" Regie führten, haben Sie Blut geleckt?

BENEDIKT RÖSKAU: Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich nicht die Perspektive gehabt hätte, es wieder zu machen. Der Regieberuf ist unfassbar schwer, wird auch von manchen Regisseuren sehr unterschätzt. Ich habe mich viele Jahre darauf vorbereitet, es zu machen. Einfach nur Regie zu führen, um das auszuprobieren, macht man nicht. Ich bin da mit einer großen Ernsthaftigkeit rangegangen, die für jede gute Komödie zwingende Voraussetzung ist.

Was war die größte Herausforderung?

BENEDIKT RÖSKAU: Ich habe das Drehen gelernt, da wurde noch auf Film gearbeitet. Heute haben wir mit den digitalen Kameras wahnsinnig große Vorteile, die ich auch genutzt habe: Der größte Vorteil ist, dass das Material nicht mehr so viel kostet wie früher. Sie haben heute ein Drehverhältnis von 1:20. Dafür wären Sie früher geteert und gefedert worden. Jetzt können Sie die Kamera laufen lassen und mit den Schauspielern arbeiten. Das habe ich auch gemacht - und das war großartig. Aber das größte Problem ist, dass am Set überall Monitore herumstehen. Alle kucken immer nur auf diese HD-Monitore. Dabei eine Konzentration auf die Menschen zu behalten, das ist eine große Herausforderung. Ich hatte viele enge Sets wie die Almhütte, wo ich auf Monitore verzichtet und mich aufs Zuhören konzentriert habe.

Das Drehbuch basiert auf Ideen Ihrer Frau, die leider nicht mehr am Leben ist. Wie sahen diese Ideen aus?

BENEDIKT RÖSKAU: Als wir ein junges Paar waren, sind wir mit unserem Sohn in die Berge gefahren. Im Film gibt es diese Szene, wo die Protagonistin Beate mit dem Pferd davon reitet. Diese Szene, wo die Stute und das Fohlen geschlachtet werden sollen, haben meine Frau und ich erlebt. Meine Frau als passionierte Reiterin war schockiert, dass vor ihrer Nase das passieren sollte, weil die Pferdehalter den Platz brauchten. Damals waren wir von der Situation zu überrumpelt und nicht verrückt genug und hatten auch nicht das Geld, um einfach zu sagen: Komm, jetzt kaufen wir uns die Pferde. Das Tragischste an der ganzen Sache ist, dass meine Frau zwei Tage später das echte Vorbild der Figur Leonhard kennenlernte. Und Leonhard hätte Platz für die beiden Pferde auf seiner Alm gehabt. Das war für meine Frau sehr hart: mitzuerleben, dass sie nicht helfen konnte. Sie sagte: Was wäre passiert, wenn dieser Leonhard die Frau, die er sich immer wünschte, getroffen hätte. Und dann geht los, was bei Autoren immer losgeht: Dann fangen die Sachen an zu schwirren und zu exkludieren. Im Nachlass meiner Frau habe ich die allerersten Notizen zu dieser Geschichte gefunden. Wenn Sie die lesen, werden Sie feststellen, dass das der halbe Film ist. Das ist oft so, dass in den allerersten Notizen von Autoren der Film schon fast in seinen wesentlichen Elementen feststeht. Dann ist es wirklich die harte Arbeit, daraus etwas zu machen.

Dann könnte man ja fast sagen, dass Sie hier einen Autorenfilm gemacht haben.

BENEDIK RÖSKAU: In einer gewissen Weise schon, weil die Verbindung schon sehr eng ist. Aber grundsätzlich finde ich die Aufteilung der Gewerke Buch und Regie sinnvoll. Gerade im deutschen Kino ist der Autorenfilm eher ein Problem, weil er auch wirtschaftlich nicht funktioniert. Es kommt natürlich immer auf den Einzelfall an. Aber generell kann ich sagen, dass der Autorenfilm nicht immer die einzige Chance für den deutschen Film ist.

In Ihrem Film werden die beiden erwachsenen Menschen mit Behinderung bevormundet. Sehen Sie das auch selbst als Problem in Deutschland?

BENEDIKT RÖSKAU: Es ist differenzierter: Unsere Gesellschaft tut gerade für beeinträchtigte Menschen enorm viel. Aber es ist immer die Frage, wer es tut und auf wessen Kosten das geht. Darüber müssen wir uns mehr Gedanken machen. Wir müssen vor allem immer den Einzelfall im Auge behalten. Nicht jeder Mensch mit Beeinträchtigung kann ein normales Familienleben führen. Aber wenn es möglich ist und wenn der Aufwand für unsere Gesellschaft herstellbar ist, dann ist es selbstverständlich, dass wir ihnen das zugestehen. Im Film geht es darum, den beiden Protagonisten Leonhard und Beate trotz ihrer Beeinträchtigung ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Wo das möglich ist, finde ich, haben die Menschen auch einen Anspruch darauf.

Ich Banause kenne den Schauspieler Tom Beck eher aus "The Masked Singer". Wie sind Sie auf ihn als Ihren Leonhard gekommen?

BENEDIKT RÖSKAU: Das war ein Tipp von meinem Caster Tobias Ullrich. Ich wäre alleine nicht auf Tom gekommen. Ich war genauso überrascht wie Sie. Tobias hat gesagt: Lade ihn doch zum Casting ein! Dann hat Tom sich durchgesetzt, weil er unglaublich für diese Rolle gebrannt hat. Als ein Schauspieler, der sehr stark über seinen Instinkt kommt, hat er mit traumwandlerischer Sicherheit genau die Art und Weise der Darstellung gefunden, die ich mir vorgestellt habe. Tom hat im Film relativ wenig Text. Alles, was er macht, macht er über seine Augen und sein brillantes Timing. Wie übrigens Anna Drexler, die Beate spielt. Wie sie als grandiose Theaterschauspielerin völlig vorurteilsfrei auf Tom reagiert hat - sie haben sich auf Anhieb toll verstanden.

Ihr Film hieß ursprünglich mal "Leonhards Traum". Wie kam der Almhütten-Titel zustande?

BENEDIKT RÖSKAU: Die Degeto hat sich von uns einen Titel gewünscht, mit dem sie annimmt, den Film besser vermarkten zu können. Das ist ihr gutes Recht. Ich muss ganz offen sagen: Ich bin als Autor wie als Regisseur noch nie so gut behandelt worden wie von der Degeto, deren Redakteur Sascha Mürl und der Amalia Film. Absolute Unterstützung, eine völlige Freiheit in der Besetzung, ich konnte machen, was ich wollte, und sie haben alles unterstützt. Sie haben mir die erste Regie ermöglicht, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Wenn die Degeto will, dass der Titel zu ihren Wünschen geändert werden soll, wäre ich der letzte, der sich dagegen wehrt. Wenn Sie nach 30 Jahren Berufserfahrungen jetzt so gut behandelt werden .... Wer bin ich denn, dass ich mich darüber beklage. Wenn wir durch den Titel am Ende eine halbe Million mehr Zuschauer kriegen, sind am Ende alle froh.

Das Interview führte Michael Müller