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Venedig-Chef Alberto Barbera: "Wir glauben an Qualität"

Heute beginnt die 77. Mostra in Venedig - das erste große Filmfestival, das in der Coronazeit wieder physisch stattfindet. Festivalchef Alberto Barbera erzählt von einem schwierigen Jahrgang, der seiner Meinung nach auch ein guter sein wird.

02.09.2020 08:30 • von Thomas Schultze
Alberto Barbera betont die Bedeutung physisch stattfindender Filmfestivals (Bild: Biennale)

Die in Venedig will als erstes großes Festival, das in der Coronazeit wieder physisch stattfindet, ein Zeichen setzen. Festivalchef Alberto Barbera erzählt von einem schwierigen Jahrgang, der seiner Meinung nach auch ein guter sein wird.

Die 77. Mostra in Venedig ist das erste große Filmfestival seit Beginn der Coronakrise im März, das wieder physisch stattfindet. Stand das für Sie immer fest? Wann waren Sie sicher, dass das Festival in dieser Form stattfinden würde?

ALBERTO BARBERA: Bis Ende Mai sahen wir keine Möglichkeit, dass das Festival stattfinden könnte. Fast alle Festivals, die im Frühjahr oder Sommer gestartet werden, waren zu diesem Zeitpunkt entweder bereits komplett abgesagt oder hatten ihren Termin verschoben. Und für uns sah es so aus, als müssten wir denselben Weg gehen und ebenfalls die Waffen strecken. Ende Mai wurde der Lockdown in Italien gelockert, erstmals entspannte sich die Gesamtsituation nach den drei schrecklichen Monaten davor, die uns alle schockiert hatten. Erstmals hatte man den Eindruck, man könne wieder nach vorne orientiert denken. Mitte Juni trafen wir dann endgültig die Entscheidung, dass die Mostra stattfinden sollte. Da war klar, dass wir wenigstens 50 Filme würden einladen können. Jetzt starten wir mit 65 Filmen in der Auswahl, nicht viel weniger als bei der letztjährigen Ausgabe des Festivals. Wir haben eine Reihe abgesagt, Scofini, die aber ohnehin nur aus sieben Titeln besteht. Und die Venice Classics haben wir ins Festival in Bologna verlegt, das vergangene Woche stattfand. Im Herbst wird diese Auswahl regulär in den italienischen Kinos laufen.

Sie haben auch die Entscheidung getroffen, dass die Mostra ohne digitale Komponente starten wird.

ALBERTO BARBERA: Wir haben lange über das Für und Wider einer digitalen Ausgabe diskutiert. Eine Weile haben wir sogar eine hybride Variante präferiert mit 50 Filmen vor Ort in Venedig und einer Reihe davon auch online. Im Raum stand auch, Journalisten und Filmkritiker, die nicht anreisen können, digital einzubinden. Aber dann haben wir uns dagegen entschieden. Die meisten Filmemacher und Produzenten sind nicht begeistert von der Idee, dass ihre neuen Werke online Premiere feiern. Vor allem aber denken wir, dass das Konzept eines Festivals entschieden mit einem Ort verbunden ist. Festival bedeutet für uns, dass sich Menschen an einem Ort versammeln und gemeinsam Filme in einem Kinosaal erleben, in Anwesenheit der Filmemacher, verbunden mit Pressekonferenzen und Interviews. Wenn wir diese Parameter nicht bieten können, dann lassen wir es lieber sein.

Andere Festivals haben positive Erfahrungen gemacht, gerade mit hybriden Ausgaben.

ALBERTO BARBERA: Ich verstehe, dass es diesen Festivals wichtig war, ein Ausrufezeichen zu setzen. Aber waren sie wirklich erfolgreich, werden sich die Menschen wirklich daran erinnern, abgesehen von ein paar Filmen, die sie Zuhause auf ihrem Computer gestreamt haben, zwischen zwei Netflix-Serien? Für eine gewisse Form von Filmen mag das funktionieren, Kurzfilme oder Dokumentarfilme zum Beispiel. Sie profitieren von der Präsenz bei einem Onlinefestival, erhalten eine Sichtbarkeit, die sie sonst nicht hätten. Aber für ein großes Filmfestival, das die neuen Werke relevanter Filmemacher präsentiert, kann das keine Option sein. Das muss mit einem echten Event verbunden sein, mit einem Raum und einem Termin, mit einer Feier. Nur so ist garantiert, dass ein Film wirklich eine Verbindung eingehen kann mit dem Publikum, mit der Kritik. Ich höre immer, das klassische Filmfestival sei ein von der Zeit überholtes Relikt. Ich kann dem nicht zustimmen. Ich bin überzeugt, dass Filmfestivals auch in der Zukunft nur als physische Events eine Relevanz haben können. Ich sperre mich nicht gegen neue Technologien. Natürlich bin ich überzeugt, dass auch ein Festival wie die Mostra davon profitieren und noch mehr Aufmerksamkeit generieren kann. Man kann Marktaktivitäten noch besser promoten oder die Welt an einzelnen Events teilhaben lassen. Aber im Kern muss es einen physischen Event geben, der Struktur und Form gibt.

Wird sich die ureigene Magie des Festivals einstellen unter den gegebenen Umständen?

ALBERTO BARBERA: Natürlich wird es anders sein. Alle werden sehr strenge Auflagen einhalten müssen. Masken sind Pflicht auf dem gesamten Festivalgelände, in den Kinos und außerhalb. Wenn man einen Film sehen will, ob in einem öffentlichen Screening oder einer Pressevorführung, muss man ihn vorab online buchen. Wer spontan vor dem Kino auftaucht, wird keine Chance haben, einen Film zu sehen. Die Abstandsregeln müssen strikt eingehalten werden, die Kinos werden also nur zur Hälfte ausgelastet sein können. Es kann schon sein, dass das anstrengend sein wird, ich kann mir auch vorstellen, dass das nervt. Aber das sind die Voraussetzungen dafür, dass das Festival stattfinden kann. Und vor allem: Dass es eine sichere Veranstaltung ist. Kein Mensch soll krank werden, weil er einen Film genießen will. Aber darüber hinaus, und das ist mir wichtig, wird die Mostra genauso sein, wie man sie kennt. Ein Ort, ein Event, an dem man sich zusammenfindet, um das Kino zu feiern.

Reden wir über die Filmauswahl. Konnten Sie bereits während des Lockdowns mit der Sichtung beginnen?

ALBERTO BARBERA: Wir beginnen immer Anfang März mit der Sichtung der Filme. Das war auch in diesem Jahr nicht anders, wenngleich der Rahmen ein völlig anderer war. Aufgrund des Lockdowns machten wir das Zuhause, wir haben die Filme im Wohnzimmer gestreamt. Ich habe eigentlich jeden Tag damit verbracht, Filme zu sehen und sie mit meiner Mannschaft in Videokonferenzen zu besprechen. Wir haben zu diesem Zeitpunkt auch schon erste Einladungen ausgesprochen, obwohl wir nicht wussten, ob es tatsächlich ein Festival geben würde. Das Gros wurde aber erst später eingeladen, im Juni und Juli, wie das in jedem Jahr der Fall ist. In Einzelfällen war es heikel, weil Filme aufgrund der Krise erst sehr spät fertiggestellt werden konnten und bis zum letzten Moment am Schnitt oder der Postproduktion feilten. Aber wir erhielten mehr Einreichungen, als wir erwartet hatten, und konnten mehr oder weniger aus dem Vollen schöpfen. Es ist ein sehr guter Jahrgang.

Allerdings fast ohne die Amerikaner, die in den letzten zehn Jahren stets eine besonders wichtige Rolle in Venedig gespielt haben.

ALBERTO BARBERA: In Hollywood herrscht eine große Ungewissheit und Angst, weil man nicht weiß, wie sich die Pandemie speziell in den USA entwickeln wird. Mir ist bewusst, dass Venedig als idealer Ort angesehen wird, um die Oscarsaison zu starten. Weil aber alle Oscartermine nach hinten gerutscht sind und Reisen nach Europa ein größeres Problem darstellen, hält Hollywood seine hochkarätigen Titel zurück. Bestimmte Filme wollen sogar ein Jahr warten und wurden mir schon für 2021 versprochen. Andere werden versuchen, in Berlin oder Cannes zu starten. Sicher, das ist schade. Aber Sie werden sehen: Der Qualität der diesjährigen Mostra tut das keinen Abbruch.

Dass Netflix in diesem Jahr auf Festivalbeteiligung verzichten würde, stand schon länger fest. Im vergangenen Jahr hatten Sie drei Netflix-Titel im Wettbewerb.

ALBERTO BARBERA: Wir haben lange miteinander geredet - wir kennen uns mittlerweile seit Jahren und haben eine ausgezeichnete Partnerschaft. Aber wie die traditionellen Filmstudios oder aber auch Apple und Amazon haben sie sehr strenge Protokolle. Niemand darf reisen, niemand darf ins Büro, niemand darf in den Studios an der Postproduktion der Filme arbeiten, alle müssen von Zuhause aus arbeiten. Man muss das positiv sehen: Diesen Firmen liegt die Gesundheit ihrer Mitarbeiter am Herzen. Sie nehmen den Lockdown ernst. Es hat aber auch weitreichende Konsequenzen. Sie werden erst wieder aktiv ins Geschehen eingreifen, wenn eine Aussicht darauf besteht, die Titel sicher fertigstellen und auswerten zu können.

Vor einem Jahr sahen Sie sich heftiger Kritik ausgesetzt, nur einen Film einer Regisseurin für den Wettbewerb ausgewählt zu haben. In diesem Jahr haben Sie acht Filmemacherinnen eingeladen - die höchste Anzahl für ein A-Festival aller Zeiten.

ALBERTO BARBERA: Das war nicht geplant. Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Kriterien für unsere Auswahl nicht geändert haben. Wir glauben nicht an Quoten. Wir glauben an Qualität. Die acht Filme von weiblichen Filmemachern, die wir ausgewählt haben, sind allesamt sehr gut. Ob das darauf hindeutet, dass sich die Dinge in der Filmindustrie schneller ändern, als man gedacht hat, kann ich nicht sagen. Ich hoffe aber, dass wir ein Zeichen für die Zukunft setzen können. Die Diskriminierung von Frauen hat keinen Platz in unserer Gesellschaft und keinen Platz in der Filmindustrie. Wir müssen daran arbeiten, dass sich die Zustände verbessern, dass Frauen unter den gleichen Voraussetzungen arbeiten können wie ihre männlichen Kollegen. Warten wir ab. Ich bin gespannt, wie sich die Situation in der Auswahl für die 78. Mostra darstellen wird, ob wir wieder die Hälfte des Wettbewerbs mit Arbeiten von Frauen bestücken können werden. Einmal kann ja auch ein Ausreißer sein, ein Zufall. Primär muss es mir um die Qualität der Filme gehen: Ich fände es herablassend und gönnerhaft, wenn man einen Film nur deshalb einladen würde, um eine Quote zu erfüllen.

Es hätte sogar noch ein Film von einer Frau mehr sein können: Es war fest damit gerechnet worden, dass On the Rocks" von Sofia Coppola Weltpremiere bei Ihnen feiern würde.

ALBERTO BARBERA: Wir haben für den Film gekämpft. Wir wollten ihn unbedingt haben. Monatelang haben wir mit Engelszungen auf die Produzenten und Rechteinhaber eingeredet. Es war nicht einfach. Jede Woche änderten sie ihre Meinung. Wir wollen kommen, wir wollen nicht kommen, wir wissen nicht, wann wir ihn ins Kino bringen können. Apple hatte sich die Rechte gesichert. Das machte die Situation nicht einfacher. Sie wollten ihn nicht für ein Festival freigeben, zu dem man aus den USA nicht reisen kann. Wir haben bis zum Wochenende vor der Pressekonferenz um "On the Rocks" gerungen. Und haben ihn nicht bekommen. Das hat Kraft gekostet. Jetzt läuft er in New York. Ich freue mich für die Kollegen.

Dafür zeigen Sie im Wettbewerb erstmals seit fast 20 Jahren wieder einen Film einer deutschen Filmemacherin, Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz.

ALBERTO BARBERA: Margarethe von Trotta schrieb mir in einer Mail, sie hätte einen ausgezeichneten Film einer befreundeten Filmemacherin gesehen, ich solle ein Augenmerk darauf haben. Als wir "Und morgen die ganze Welt" ansahen, waren wir sofort in den Film verliebt. Noch während des Screenings wusste ich, dass ich Julia von Heinz einladen würde. 1981 hatte Margarethe von Trotta mit Die bleierne Zeit" den Goldenen Löwen gewonnen - ich war damals als Filmkritiker vor Ort und kann mich noch gut erinnern, was für einen Aufschlag der Film hatte. Es war damals der letzte Titel des Wettbewerbs, ganz am Ende des Festivals. Er haute uns alle um, eine riesige Überraschung. "Und morgen die ganze Welt" löst ganz unmittelbar dieselben Emotionen in mir aus, dieselben komplizierten Gedanken. Natürlich sind die beiden Filme nicht miteinander zu vergleichen, sie sind sehr unterschiedlich, tragen ganz andere Handschriften. Aber beide Filme werfen einen sehr genauen Blick auf das Deutschland ihrer Zeit. Sie machen es sich nicht einfach. Sie sind hin- und hergerissen. Sie ringen. Und erzählen sehr persönliche weibliche Geschichten, die untrennbar verwoben sind mit der politischen Situation im Land. "Und morgen die ganze Welt" ist etwas Besonderes, ein wichtiger Film. Weil er von Deutschland erzählt, aber eine Situation einfängt, die weit über die Grenzen Deutschlands hinausweist. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Film auf meinem Festival der Welt vorstellen darf.

Ein weiteres Highlight ist Nomadland" von Chloe Zhao, einer der beiden amerikanischen Titel im Wettbewerb. Sie werden ihn in einer einzigartigen Aktion mit dem Toronto International Film Festival am 11. September als parallele Weltpremiere zeigen. Wie überhaupt Solidarität zwischen den Filmfestivals großgeschrieben wird: Zum Auftakt der Mostra werden die Festivalleiter von Cannes, Berlin, San Sebastian, Locarno, Rotterdam, Karlovy Vary und London gemeinsam mit Ihnen auf der Bühne stehen.

ALBERTO BARBERA: Einer der positiven Nebeneffekte in der bitteren Coronazeit war, dass wir uns nicht mehr als Wettbewerber sahen. Während des Lockdowns fand ein sehr intensiver Austausch mit den anderen Festivalleitern statt. Erstmals haben wir uns richtig miteinander unterhalten, angetrieben von unserer gemeinsamen Liebe für das Kino, die Kunstform des Films. Wir haben uns überlegt, wie wir gemeinsam dieser unerwarteten, einmaligen Situation begegnen sollen, was wir tun können. Daraus resultierte die Entscheidung, gemeinsam an einem Strang ziehen zu wollen, ohne Vorbehalte und Konkurrenzgedanken. Wenn wir gute Filme entdecken, wollen wir sie nicht für uns behalten, sondern mit den Kollegen teilen, um sie in diesen schwierigen Zeiten für unsere Kunstform so gut und nachhaltig zu unterstützen wie möglich. Die Aktionen in Venedig sollen nur der Anfang sein, viele werden folgen. Im Fall von "Nomadland" war es so, dass zunächst eine gemeinsame Weltpremiere mit Telluride geplant war. Als Telluride abgesagt werden musste, kamen wir mit Toronto ins Gespräch. Der Film wird parallel auf den beiden Festivals gezeigt; Chloe Zhao und Frances McDormand werden den Film per Zoom vorstellen und nach der Vorführung mit dem Publikum sprechen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns diese positive Haltung bewahren. So sollten wir auch künftig an die Arbeit gehen. Gemeinsam. Nicht gegeneinander. Als Freunde und Partner, nicht als Konkurrenten.

Werden Sie auch Teil dieser Zukunft sein - ihr Vertrag läuft in diesem Jahr aus? Sie haben Venedig wieder groß gemacht und führen das Festival durch eine der größten Krisen der Weltgeschichte. Wäre ja auch eine gute Zeit zu sagen: Das war's.

ALBERTO BARBERA: Danke für die Blumen. Mir macht die Arbeit Spaß. Aber ich kann nichts dazu sagen. Im Oktober wird die Biennale bekanntgeben, wer die Leiter der einzelnen Segmente für die nächsten vier Jahre sein wird. Sollte man meinen Vertrag verlängern, würde ich nicht ablehnen.

Das Gespräch führte Thomas Schultze