Kino

"Der Wunsch nach Inhalt wächst"

Hochklassige Dokumentationen, Serien oder Kinofilme: Oliver Berben und Rüdiger Böss von Constantin Film versprechen sich viel von der exklusiven Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung und nennen das derzeit größte Problem im deutschen Produktionsmarkt.

27.08.2020 13:27 • von Frank Heine
Oliver Berben und Rüdiger Böss (Bild: Constantin Film)

Constantin Film und Süddeutsche Zeitung haben eine exklusive Zusammenarbeit vereinbart (wir berichteten). Journalistische Stoffe, an denen die Redakteur*innen der SZ arbeiten, sollen von Produzent*innen der Constantin schneller auf ihre Eignung für Dokumentationen, Serien oder Kinofilme geprüft und in die Entwicklung gegeben werden können. Erste Projekte sind eine dreiteilige High-End-Dokumentation über die "Loveparade" und eine TV-Movie-Reihe unter dem Titel "German Crime". Blickpunkt:Film sprach mit Oliver Berben, Vorstand TV, Entertainment und digitale Medien, und Rüdiger Böss, Produzent bei der Constantin Film, über die exklusive Kooperation.

Wie kam die Idee zu dieser Zusammenarbeit zustande?

Rüdiger Böss: Die Idee entstand bei einem Treffen mit Christian Wegner, mit dem ich früher bei ProSiebenSat.1 zusammengearbeitet habe. Er ist jetzt als Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding auch für die Süddeutsche Zeitung verantwortlich. Wir haben uns gefragt, was wir miteinander machen können. Die New York Times ist in diesem Bereich sehr aktiv, wenn auch nicht exklusiv mit einem Partner. Aber mir schwebte eine exklusive Zusammenarbeit vor. Als ich den Vorschlag bei der Constantin Film machte, waren Oliver Berben und Martin Moszkowicz sofort begeistert. Die Verhandlungen haben ihre Zeit gebraucht. Wir haben unsere Gespräche im Oktober 2019 begonnen, und den Deal vor vier Wochen finalisiert. Es ist ein komplexes Werk geworden, doch es war uns sehr wichtig, dass sich die Redakteure der Süddeutschen Zeitung damit wohl fühlen.

Oliver Berben: Wir wollten nicht nur mit der exklusiven Zusammenarbeit, sondern auch mit ersten Projekten an die Öffentlichkeit gehen. Diese sind das Ergebnis von vielen Gesprächen zwischen den Journalist*innen auf der einen und den Produzent*innen auf der anderen Seite, denn die Zusammenarbeit muss auf beiden Seiten funktionieren. Natürlich ist es interessant für eine Produktionsfirma, auf journalistische Recherchen und die Menschen dahinter zugreifen zu können. Das funktioniert aber nur, wenn die Journalist*innen ebenfalls ein Faible für ihre filmische Umsetzung entwickeln. Als Rüdiger Böss damit zu uns kam, hat mich die Idee zutiefst beeindruckt. Wenn man die Texte in der SZ jenseits der reinen Nachrichten liest, dann stechen die Reportagen und Kolumnen wegen ihrer Inhalte und Fakten hervor, aber eben auch dadurch, wie sie erzählt sind. Das sind großartige Werke, die wir nun umgekehrt transferieren müssen. Die Seite Drei ist für mich das beste Beispiel, denn sie bietet immer kleine Geschichten, und das liegt dem, was wir tun, sehr nahe.

Die Constantin hat auch vorher journalistische Stoffe produziert. Was versprechen Sie sich von dieser Zusammenarbeit?

Berben: Nehmen Sie etwa den Baader Meinhof Komplex" und Stefan Aust oder Das Zeugenhaus" und Christiane Kohl: Wir wollen nicht nur über einen einzelnen, tollen journalistischen Stoff verfügen können, sondern strategisch vorgehen. Mit den wachsenden Auswertungsmöglichkeiten und einem Produktionsvolumen, das immer größer wird, wollen wir Projekte nachhaltig und mit größerer Schlagzahl anschieben und produzieren können, und angestoßen durch die kreativen Federn auf der anderen Seite an Ideen kommen, an die wir noch gar nicht gedacht haben. Das ist etwas anderes, als einen tollen Artikel zu lesen und daraus etwas machen zu wollen. Wir wollen schon zu einem frühen Zeitpunkt in die Entwicklung gehen können und umgekehrt kann es auch sein, dass wir mit einem Thema, über das wir nachdenken, zu den Journalist*innen der Süddeutschen gehen und fragen, ob sie sich damit beschäftigen wollen.

Der SZ kommt also nicht nur eine beratende Rolle zu?

Böss: Wir sind auf beiden Seiten sehr offen. Das Tolle für uns ist, dass dort gründlich und lange recherchiert wird, was morgen noch nicht in der Zeitung steht. Das sieht man auch in der jüngsten Vergangenheit: Da gab es die Panama-Papers oder das Strache-Video, und das alles hat man dort schon lange vorher gewusst. Wir können nun zu einem frühen Zeitpunkt noch während der Recherchen dabei sein und für uns entscheiden, was sich daraus machen lässt, mal eine Doku, mal etwas Fiktionales. Es dauert lange, bis eine Geschichte wirklich rund ist. Natürlich haben wir auch an den Wirecard-Betrug gedacht, aber ein Schnellschuss liefert nur eine Momentaufnahme. Bei der Süddeutschen arbeiten fünf Redakteure an diesem Komplex.

Berben: Es gibt genauso eine Vielzahl von Geschichten, die noch nicht publik sind, an denen dort schon lange Zeit gearbeitet wird. Und wir dürfen in gewisser Weise Teil davon sein. Wir beteiligen uns nicht etwa an der journalistischen Arbeit, aber wir haben zu einem frühen Zeitpunkt die Möglichkeit, uns Gedanken über eine filmische Umsetzung zu machen. Wir können den Stoff in aller Ruhe und in alle Richtungen prüfen, ob wir hier über eine hochklassige Dokumentation sprechen, über eine Serie oder über einen Kinofilm. Denkbar ist auch, einen fiktionalen Film mit einer realistischen Dokumentation zu begleiten. Diese Zusammenarbeit ist wirklich strategisch und langfristig ausgerichtet.

Was zeichnet diese Kooperation darüberhinaus aus?

Berben: Der hohe Qualitätsstandard, für den sowohl die Marke der SZ wie auch die der Constantin Film stehen, steht im Vordergrund der Zusammenarbeit. Es geht uns nicht um Schnellschüsse. Uns geht es um die Tiefe der Geschichten, und dort ist zunächst der serielle Bereich attraktiv, weil uns die Erzählzeit die Möglichkeit gibt, tief in die Charaktere und die Geschichten einzusteigen. Dabei ist es wieder egal, ob wir über dokumentarische, semidokumentarische oder fiktionale Serien sprechen.

Böss: Das Schöne ist, dass wir ein Erstzugriffsrecht haben. Natürlich wird es auch Vorschläge geben, die wir nicht weiterverfolgen werden, und vielleicht wird die eine oder andere Geschichte auch woanders landen. Aber ich hoffe, dass wir viele Geschichten umsetzen können und sich noch viel Vertrauen bildet, damit wir sagen können: Die kommen zuerst zu uns. Christian Wegner kommt aus dem digitalen Bereich und sucht für seine Verlagsgruppe nach Anknüpfungspunkten. Hier gibt es viele Möglichkeiten, einen neuen Spielfilm oder eine Serie zu begleiten. Auch wir sind im Übrigen verpflichtet, gute Qualität abzuliefern. Bei der SZ wird man sich das genau ansehen, und darüber bin ich ganz froh, weil wir das wie ein Gütesiegel nutzen können.

Ist der Süddeutsche Verlag auch Co-Produzent?

Berben: Wir schließen da gar nichts aus. In einer strategisch ausgerichteten Partnerschaft sollte man beiden Partnern die Lust und den Spaß an dieser Sache lassen. Das kann soweit gehen, dass die Journalist*innen Teil des Projekts werden.

Böss: Das ist auch schon beim ersten Projekt der Fall. Bei der dreiteiligen Dokumentation "Loveparade" hatten wir unglaubliches Glück, denn zum 10. Jahrestag gab es schon sehr viele Sendungen und Formate, die sich damit beschäftigt haben. Tatsächlich war der Redakteur, der das Thema für die SZ betreut hat, am Tag der Katastrophe in unmittelbarer Nähe, ist sofort an die Unglücksstelle geradelt und seitdem an dem Thema dran. Er kennt alle Akteure und weiß eine Vielzahl von Geschichten, die noch nicht erzählt worden sind.

Kommt journalistischen Stoffen eine größere Bedeutung im Markt zu?

Berben: Absolut. Denken Sie an American Crime Story", die Serie über O.J. Simpson oder Gianni Versace - das sind die Vorbilder, die wir uns nehmen. Schauen Sie sich die Budgets von diesen Produktionen an, die sind im Halbdokumentarischen wie im Fiktionalen hochprofessionell und sehr aufwändig produziert. Da liegt noch großes Potenzial für die deutschsprachige Produktion. Und die Geschichten, die man aus unserem Land, aus der Gegenwart und der Vergangenheit erzählen kann, sind extrem vielfältig. Wir zielen hier auf den obersten qualitativen Bereich. Gerade aber nicht nur im Streamingbereich sind hochbudgetäre Serien mit dokumentarischer Anmutung stark gefragt.

Geht die ebenfalls angekündigte TV-Movie-Reihe German Crime wieder beim "Mädchen Rosemarie" und Vera Brühne los?

Berben: Tatsächlich ist es eine Weiterentwicklung der German Classics von Bernd Eichinger, der damals mit den großen deutschen Klassikern gearbeitet hat. Bei German Crime hat jeder der Fälle, die hier erzählt werden, zu einer gesellschaftlichen Veränderung der Bundesrepublik geführt. Es sind nicht einfach nur irgendwelche Kriminalfälle, sondern sie haben dazu geführt, dass sich die Gesellschaft, das Rechtssystem oder der Polizeiapparat verändert haben. Das ist Grundvoraussetzung, um mit einem Fall in diese Reihe zu kommen. Was und wie das erzählt wird, muss andersartig und neu sein.

Gibt es dafür unterschiedliche Auswertungspartner?

Berben: Am Tag unserer Presseerklärung zwischen der SZ und Constantin Film haben wir zu beiden Projekten von vier Auswertungspartnern Angebote bekommen. Das zeigt: Es gibt ein großes Interesse an dieser Art der Erzählung. Die Leute, die mich kontaktiert haben, betrachten das als Coup, und es ist auch einer. Es ist nicht leicht, einen solchen Deal mit einer der größten Tageszeitungen hinzubekommen. Rüdiger Böss gebührt hier ein großer Dank für sein Gespür. Wir entwickeln zunächst in weiten Teilen selbstständig, um den Kreativen, den Autoren, Regisseuren und Produzenten einen geschützten Raum zu geben, damit dann die jeweils passenden Partner dazu gewonnen werden können.

Wie ist die Produktionssituation generell momentan?

Berben: Wir sprechen da über zwei verschiedene Dinge. Die Nachfrage ist größer geworden. Die Menschen wollen mehr Inhalte. Die Streaminganalysen der GfK zeigen für die letzten Monate Steigerungsraten von mehr als 20 Prozent alleine in Deutschland. Der Wunsch nach Inhalt wächst, unsere Schwierigkeit im Moment ist, ihn zu liefern. Das liegt aber daran, dass die Produktion unter den momentanen Bedingungen unglaubliche Schwierigkeiten hat. Unser größtes Problem - und ich sage das bei jeder Gelegenheit! - ist, dass der dringend benötigte Ausfallfonds von Bund UND Ländern bis heute nicht zustande gekommen ist. Ich will das Wort Bankrotterklärung nicht nennen, aber dieses Land geht in vielen Teilen großartig mit dieser Krise um, kümmert sich um Menschen, Industrien, und lässt den kulturellen Bereich, zu dem ich uns zähle, komplett im Regen stehen. Es ist mir ein völliges Rätsel, dass dieser Ausfallsfonds nicht zustande kommt, der noch nicht mal mit direktem Geldbedarf zu tun hat: Wir brauchen eine Rückversicherung, die im besten Fall gar nicht oder nur teilweise in Anspruch genommen wird. Dass hier mittlerweile Monate verstreichen, ist ein wirkliches Problem, das sich bei den größeren Firmen etwas langsamer als bei den kleineren bemerkbar macht, sich aber am Ende des Tages in der gesamten Branche desaströs auswirken wird. Firmen werden pleitegehen, Künstler und Kreative werden sich andere Berufe suchen müssen, weil sie von dem nicht mehr leben können, was sie tun. Und damit töten wir einen Teil der kreativen DNA dieses Landes.

Zumal es in Ländern wie Frankreich, England oder Österreich problemlos gelingt...

Berben: ...selbst in Südafrika ist seit einigen Tagen der Tax Incentive Fonds wieder in Betrieb. Wir haben einen großen Vorteil vor anderen Industrien: Die Nachfrage ist nicht nur da, sie ist gestiegen. Wenn morgen dieser Fonds etabliert ist, wird übermorgen gedreht. Wir fahren von Null auf Hundert hoch in sehr kurzer Zeit. Wir brauchen nicht Monate und Jahre, um wieder Interesse beim Publikum zu generieren, das ist schon da. In diesem Augenblick fällt das Kurzarbeitergeld weg und die Arbeitslosenzahlen sinken. All das ist teurer als eine mögliche Rückversicherung. Eine ganze Branche steht in den Startlöchern: Sie braucht dieses eine Instrument, und das ist nicht da. Das ist komplett unverständlich.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl