Kino

Pro Quote Film kritisiert Entscheidung der Berlinale

Mit der Frage "Spielt das Berlinale-Leitungsduo mit einem genderneutralen Schauspielpreis das Ringen um Gleichstellung und Diversität gegeneinander aus?" kritisiert Pro Quote Film die Entscheidung der Berlinale zur künftigen Vergabe der Darstellerpreise.

25.08.2020 12:05 • von Barbara Schuster
Pro Quote Film: "Bisher ist die Berlinale von Gendergerechtigkeit weit entfernt" (Bild: Pro Quote Film)

Mit der Frage "Spielt das Berlinale-Leitungsduo mit einem genderneutralen Schauspielpreis das Ringen um Gleichstellung und Diversität gegeneinander aus?" kritisiert Pro Quote Film die Entscheidung der Berlinale zur künftigen Vergabe der Darstellerpreise. Im Wortlaut schreibt der Verband:

In der gestern veröffentlichten Pressemitteilung der Berlinale kündigen Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Einführung eines genderneutralen Schauspielpreises an, der die Preise für die beste Darstellerin* und den besten Darsteller* ersetzen wird. Damit wollen sie ein Signal für ein gendergerechtes Bewusstsein in der Filmbranche setzen.

Bisher ist die Berlinale von Gendergerechtigkeit allerdings weit entfernt. Im Wettbewerb des Festivals laufen viel weniger Filme von Regisseurinnen* als von Regisseuren*. Weltweite Erhebungen zeigen, dass es in Filmen unter männlicher* Autorenschaft, Regie und Produktion weit weniger Rollen für Schauspielerinnen* als für ihre männlichen* Kollegen gibt, und diese, darüber hinaus, oftmals stereotyp und sexistisch verzerrt sind. Hinzukommt, dass Frauen* ab 30 Jahren mit zunehmendem Alter sukzessive von der Leinwand verschwinden. Im Ergebnis sind zwei Drittel der Rollen für Männer* geschrieben. Das gilt auch für Arthouse Filme. Das heißt: auf der Berlinale werden Schauspielerinnen* in Zukunft einem weiteren Konkurrenzkampf ausgesetzt, der von seinen Voraussetzungen her unfairer nicht sein kann.

Der neue Preis scheint ein Versuch zu sein, der geschlechtlichen Vielfalt Rechnung zu tragen. Die beiden Kategorien Schauspielerin* und Schauspieler* sprechen ausschließlich Cisgender Menschen an. Es ist allerdings fraglich, ob der neue genderneutrale Preis, die Sichtbarkeit der geschlechtlichen Diversität fördert. "Voraussetzung für Genderneutralität ist eine gleichberechtigte Filmbranche, in der Gendervielfalt sichtbar und Teil der Normalität ist. "Aber davon sind wir weit entfernt", so die Agentin für Schauspieler*innen und Mitglied bei Pro Quote Film Chun Mei Tan. "Die Berlinale Leitung ignoriert bei ihrer Entscheidung die bestehenden ungleichen Machtverhältnisse die, wie überall, in der Branche und in den Strukturen der Festivals fest verankert sind".

"Deshalb wird dieser pseudogenderneutrale Schauspielpreis auch nichts an dem System der Chancenungleichheit ändern, weder für Frauen* noch für geschlechtlich diverse Menschen. Er wird ihn im Gegenteil noch verstärken", sagt Barbara Rohm Vorsitzende von Pro Quote Film. "Echte Innovation schafft Raum und Sichtbarkeit für Vielfalt und bringt sie nicht noch mehr in Konkurrenz zueinander. Warum wird nicht ein Preis für gendersensible Darstellung hinzugefügt?".

Bisher hatte die Berlinale nicht mal genderneutrale Toiletten. Die Berlinale Leitung sollte also darauf achten, dass divers geschlechtliche Menschen, die in Zukunft mit dem genderneutralen Preis ausgezeichnet werden, ein stilles Örtchen finden, das nicht zum Spießrutenlauf für sie wird.

Am Ende wird, was von der Berlinale als Innovation gemeint ist, weiter zu einem Backlash im Bereich Gleichstellung und Diversität beitragen. Einem Backlash, der nicht zuletzt auch in der Filmbranche durch die Corona Krise und den größeren werden Existenzkampf bereits eingeläutet wurde, und der das alte Argument einer vermeintlichen Qualität als Kategorie für die Bewertung einer Leistung betonen muss, wenn alles andere darum herum die altertümliche, patriarchalische Ordnung stützt und aufrecht erhält.