Festival

Matthias Helwig: "Wir schaffen es nur mit Solidarität"

Matthias Helwig ist nicht nur leidenschaftlicher Kinomacher, sondern auch leidenschaftlicher Festivalleiter. Hier spricht er über sein 14. Fünf Seen Film Festival, das gestern feierlich eröffnet wurde, und die Branche im Corona-Jahr.

27.08.2020 06:38 • von Barbara Schuster
Matthias Helwig (Bild: Pavel Broz)

Matthias Helwig ist nicht nur leidenschaftlicher Kinomacher, sondern auch leidenschaftlicher Festivalleiter. Hier spricht er über sein 14. (FSFF), das gestern feierlich eröffnet wurde, und die Branche im Corona-Jahr.

Wie erleben Sie die Vorbereitungen auf ein Festival während Corona?

Die Vorbereitung auf unser Festival beginnt direkt am Jahresanfang mit Festivalbesuchen. Im März und April schließt sich die Phase des Filmesichtens an. Der positive Effekt des Lockdowns war, dass ich dieses Jahr tatsächlich auch viel Zeit dazu hatte, weil meine Kinos, die ich auch noch betreibe, geschlossen waren. Der negative Effekt war, dass man nie genau wusste, was passiert, was möglich sein wird. Im Prinzip haben wir sehr viel Arbeit reingesteckt, wussten aber dieses Mal nicht, ob es letztendlich auch fruchtet.

Das FSFF ist eines der ersten Festivals, die physisch stattfinden können. Was musste angepasst werden, welche Hürden gab es zu überwinden?

Ich komme von der Kinobetreiberseite. Alle Vorschriften und Sicherheitsmaßnahmen für Kinos waren mir bekannt. Um die Ausstattung meiner Festivalspielstätten musste ich mich also nicht weiter kümmern - das hatte ich bereits gemäß den Vorschriften umgesetzt. Für mich stellte sich eher die Frage, was mit den ins Festival eingebundenen Events geschieht. Das ist selbst jetzt noch eine Schwierigkeit. Wir haben erkannt, dass die Bevölkerung den freien Raum draußen einigermaßen akzeptiert. Deshalb war klar: Wir müssen Open Air gehen und unsere Events draußen anbieten. Aber wer Open Air kennt, weiß, dass es ein Hochrisikogeschäft ist. Das Wetter lässt sich nicht mal über drei Tage genau vorhersagen, im Sommer kommen noch mögliche Gewitter dazu, was die Vorhersage selbst stundenweise schwierig macht. Trotzdem war es die einzige Lösung. Wobei wir alle Events, wie die Festivaleröffnung oder die Feiern unserer Ehrengäste wie Nina Hoss, Klaus Doldinger und Lars Eidinger, zweifach geplant haben, Open Air und als Plan B in reservierten Kinosälen. Das hat die Vorbereitung mühsam und anstrengend gemacht. Ich schaue täglich nach der Wettervorhersage. Ewig hinauszögern, welche Location wir jetzt für die Eröffnung am 26. August benutzen, kann ich auch nicht. Irgendwann muss man ein "Go" geben. Selbst wenn Open Air möglich ist, verkaufen wir nur so viele Karten, wie in den Kinosälen erlaubt sind. Was das Filmprogramm selbst betrifft, bieten wir aufgrund der eingeschränkten Platzzahl die Filme dieses Jahr häufiger an - was auch die Verlängerung des Festivals erklärt.

Konnten Sie dieses Jahr aus einem größeren Filmangebot schöpfen?

Eigentlich nicht. Wobei verschiedene Haltungen zu beobachten waren. Pepe Danquarts "Vor mir der Süden" feiert bei uns seine Weltpremiere. Sowohl beim Regisseur als auch beim Verleih war der Wunsch da, den Film nicht länger zu schieben, sondern ihn jetzt zu präsentieren. Also haben sie sich dazu entschlossen, zu mir zu kommen - was mich sehr freut! Andere Verleiher und Vertriebe wiederum warten auf die großen Festivals, die Filme werden also einfach verschoben. Viele liebäugeln für ihre Filme mit der Berlinale, die ohne Corona nie im Gespräch gewesen wäre. Und natürlich steht Venedig vor der Tür, wo der neue Film von Julia von Heinz zu sehen sein wird. Über den hätte ich mich auch gefreut, Julia wohnt hier gleich in der Nähe. Aber ich verstehe natürlich, dass sie Venedig vorzieht. Venedig steht über allem! In der Regel hoffen die Verleiher, dass sich alles normalisiert und verschieben ihre Filme einstweilen. Sie haben keinen Druck, ihre Filme jetzt unbedingt auf ein Festival zu bringen, weil auch die Situation in den Kinos noch überhaupt nicht klar ist. Schließlich entscheidet man sich nur für ein Festival, wenn man eine gewisse Aufmerksamkeit generieren kann. Glücklicherweise stand der Großteil der Filme unseres Programms bereits vor dem Corona-Lockdown. Neben Deutschland lege ich stets den Schwerpunkt auf das aktuelle Filmschaffen in der Schweiz und in Österreich. Die Schweizer Filmtage konnten noch stattfinden, und die Diagonale hat wenigstens ihr Programm auf dem Papier veröffentlicht. Das hat uns sehr geholfen.

Gibt es auch etwas, das sie vermissen werden bei dieser Ausgabe, das wegen Corona nicht umsetzbar war?

Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie und ob sich das Festivalfeeling wirklich einstellt. Das können Sie mich in zwei Wochen wieder fragen. Seit Anfang August betreibe ich bereits ein Open-Air-Kino in Starnberg. Die Besucher verhielten sich anfangs zögerlich, haben mittlerweile aber gemerkt, dass man einen schönen Abend verbringen kann und dass es völlig ungefährlich ist. Leider ist uns das in der Gesamtbranche noch nicht geglückt, die Besucher davon zu überzeugen, dass im Kino keine Gefahren lauern. Da spielt sicherlich die Haltung der Politik mit rein, aber auch die Presse. Kino steht immer an letzter Stelle. Gleichwohl haben wir als Branche auch viel falsch gemacht, wir haben es nicht geschafft, den Erlebnisort Kino positiv zu besetzen. Jetzt lautet es nur noch "Kino unter Hochsicherheitsmaßnahmen". Das ist die völlig falsche Herangehensweise, weil dadurch impliziert wird, dass der Ort Kino doch gefährlich sein könnte. Das A und O ist, dass es endlich in den Köpfen der Leute ankommt, dass Kino ungefährlich ist, dass hier die Sicherheitsmaßnahmen ebenso eingehalten werden wie in der Gastronomie. Mit meinem Open-Air-Kino sehe ich, dass es funktioniert! Das hoffe ich für unser Festival natürlich auch. Wir haben besondere Filme, auch wenn es allgemein derzeit immer heißt, es gibt keine Filme. Aber gerade als Festival kann man zeigen, dass es tolle Filme gibt. Der Content ist bei uns vorhanden.

Sie sind, wie bereits angesprochen, auch Kinobetreiber: Wie läuft das Geschäft nach dem Lockdown in Ihren Häusern wieder an?

Ich bin ein begeisterter Kinomacher und habe meine Häuser relativ früh, am 15. Juni, wieder geöffnet. Es standen zu jenem Zeitpunkt auch noch etliche Starttermine guter und großer Filme. Doch die Durststrecke hat auch mich erwischt. Vier Wochen später waren die attraktiven Filme verschoben. Ich finde, eine Branche muss zeigen, dass sie Qualität hat und Großes vorhat. Wir müssen uns viel enger zusammentun. Nur mit Solidarität schaffen wir es aus der Krise. Das gilt für die Kinobesitzer, aber auch für die Verleiher. Meiner Meinung nach wäre es nach dem Lockdown möglich gewesen, die Leute wieder zurückzugewinnen, in ihren Köpfen zu verankern, dass Kino etwas Tolles ist, dass tolle Filme auf sie warten, die sie unbedingt gesehen haben müssen. Alle - Kinos, Verleiher, Produzenten - hätten sich viel besser überlegen müssen, wie ein Neuanfang nach dem Lockdown aussehen könnte. Schließlich machen wir die größte Krise unserer Branche durch! Da braucht es doch ein durchdachtes Konzept! Natürlich spielt die Politik eine Rolle oder die Tagespresse, die oft nur die Aspekte der Gefahr großschreibt. Aber die Menschen gewöhnen sich an die neuen Umstände! Die Gastronomie lief anfangs auch schleppend wieder an, die Menschen trauten sich nicht wirklich. Inzwischen läuft es, die Menschen kommen, haben die Gegebenheiten verinnerlicht und fühlen sich sicher. Fast ist es, als müssten die Koordinaten neu eingestellt werden. Da wir im Kino leider kaum Persönlichkeiten haben, die den Ort Kino als etwas Positives nach außen kommunizieren, stecken wir immer noch in der Krise. Die Zahlen sind desaströs! Aber sie sind nicht aufgrund der Abstandsregeln desaströs. Sondern weil mindestens die Hälfte der Bevölkerung sich nicht mehr traut, ins Kino zu gehen. Auch die Cineasten, wohlgemerkt! Die gehen nicht mehr ins Kino, weil sie Angst haben. Es geht nicht darum, die Positivität durch eine Hygienestandard wie im Krankenhaus versuchen zu erreichen, sondern wir müssen unser Produkt positiv besetzen! Dann kommen die Leute auch. Sie kommen für gutes Essen ins Restaurant, sie kommen aber auch für gute Filme zu uns! Das haben wir völlig verschlafen und verschlimmern es immer mehr. Wir reden nur noch über Verschiebungen. Ich kann nun lokal versuchen, das Ruder herumzureißen. Das tun wir mit dem Fünf Seen Film Festival: Wir bieten den Leuten ein tolles Programm und laden obendrein noch tolle Gäste ein. Den Besuchern ist es doch egal, ob wir weniger Plätze verkaufen. Sie wollen sich nur sicher fühlen. Wir müssen vorangehen. Und ich finde, wir gehen überhaupt nicht gemeinsam solidarisch voran.

Richten soll es nun "Tenet". Glauben Sie, dass es danach "back to normal" heißen kann?

Für manche Verleiher ist es extrem wichtig, auf diesen Start zu schauen. Die Besuchergruppe, die mit "Tenet" angesprochen wird, war in dieser Breite seit dem Lockdown noch nicht wieder im Kino. Aber auch "Tenet" ist kein Film, der die Altersgruppe Fünf bis Fünfundachtzig vor die Leinwand zieht. Er hat ein spezielles Publikum, das muss man einfach wissen. Ich bin gespannt, ob diese Besuchergruppe mehr ins Kino geht, als die Gruppe, die sich vielleicht Arthousefilme anschaut. Die Angst existiert in der Gesellschaft. Sie hängt nicht an Abstandsregeln. Die Leute haben Angst, in Räume zu gehen. Das hat sich auch in den letzten zwei Monaten gezeigt. Wie hoch dieser Prozentsatz nun bei einem Film wie "Tenet" sein wird, ob er auch bei 50 Prozent ist, weiß ich nicht. Ein "back to normal" wird es erst geben, wenn wir positiv vermitteln können, dass man bei uns einen tollen Abend verleben kann. Für die Sicherheit ist gesorgt. Das ist mittlerweile selbstverständlich. Über den Gang in den Supermarkt mit Maske verliert auch keiner mehr ein Wort.

Können Sie die zögerliche Haltung der Verleiher verstehen bzw. auch das Handeln der Großen, das Weiterverkaufen von Filmen direkt zu Streamern etwa?

Nein, das ist furchtbar! Das ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Im März oder April, als ich die ganze Corona-Entwicklung noch gar nicht vorhersehen konnte, habe ich bereits gesagt: "Das Schlimmste wäre, wenn die Großen beginnen, die Filme an Streamingdienste zu geben." Schlimmer geht's nicht mehr. Ich unterstreiche noch einmal: Kino kann nur dadurch leben, wenn wir das Produkt und den Ort feiern und hochleben lassen. Wenn wir es hingegen kleiner reden und mit der Weitergabe an einen Streamingdienst signalisieren, dass es völlig ausreicht, den Film auch daheim anzuschauen, ist das unser Ausverkauf. Dieses Handeln geht an den Leuten nicht spurlos vorbei, das verankert sich in ihren Köpfen. Zudem weiß keiner von uns, was im September, Oktober, November passiert, wie sehr sich die Bevölkerung eventuell wieder zurückziehen wird in ihre eigenen vier Wände. Leider ist es wahrscheinlich so, dass die Menschen lieber zuhause bleiben, weil eh überall von Gefahr geredet wird. Deshalb müssen wir etwas bieten!

Wird von Staatsseite genügend getan, um die Kinos zu unterstützen?

Meine Kinos haben Förderung bekommen, für die ich mich sehr bedanke und ohne die ich gar nicht überlebt hätte. Der Staat hat uns für den Moment schon sehr unterstützt. Sicherlich wäre es schön, wenn die Abstandsregeln gelockert werden würden. Viel wichtiger ist es aber, dass es mutige Verleiher gibt und mutige Kinobesitzer. Wir haben in all den Jahrzehnten schon so viele Krisen überstanden. Man muss nur den Mut haben, da rauszukommen. Das ist nicht die Aufgabe des Staates. Ein Staat muss vorsichtig sein. Wir müssen dagegen sagen: "Es gibt keine einzige Infektion im Kino!" Und das immer und immer wieder. Allerdings wäre mein größter Wunsch, wenn ein hochrangiger Politiker als Fürsprecher fürs Kino auftreten würde und den Menschen klarmacht, dass sie bei uns sicher sind - dafür gibt es ja all die Regeln!

Warum laden Sie dann nicht Herrn Söder auf Ihr Festival ein?

Hab' ich ja. Er hat leider keine Zeit...

 Das Gespräch führte Barbara Schuster