Produktion

Walker + Worm wachsen mit "Schachnovelle" und "Sisi"

Tobias Walker und Philipp Worm stellen mit ihrer Münchner Firma ihr bis dato größtes Projekt fertig, "Schachnovelle", und bereiten mit "Sisi und ich" ein noch aufwändigeres vor.

28.08.2020 08:28 • von Heike Angermaier
Das Produzentenduo von Walker + Worm Film mit zwei historischen Stoffen (Bild: Walker + Worm Film)

Tobias Walker und Philipp Worm stellen mit ihrer Münchner Firma ihr bis dato größtes Projekt fertig, "Schachnovelle", und bereiten mit "Sisi und ich" ein noch aufwändigeres vor. Das Drama setzt sich auf besondere Weise mit der österreichischen Kaiserin auseinander.

Die beiden Produzenten und Geschäftsführer der 2008 in München gegründeten Walker + Worm Film, mit der sie ausgewählte Stoffe fürs Kino entwickeln und umsetzen, die hochgelobt und teils preisgekrönt sind, hatten Glück im Unglück. "Schachnovelle" befand sich in der Endphase des Drehs, als sich die Coronapandemie ausbreitete. Man drehte acht Tage am Stück und hatte das historische Drama gerade noch rechtzeitig im Kasten bevor der Lockdown ausgerufen wurde. Den Schnitt machte Regisseur Philipp Stölzl über Fernsteuerung fertig. So hat es wegen Corona eigentlich keinen Zeitverlust gegeben, es war sogar "der schnellste Schnitt" eines Projekts der Firma, erinnert sich Worm. Dabei ist die Neuadaption der Novelle von Stefan Zweig laut Walker das "mit Abstand größte Projekt - inhaltlich wie budgetär" für die beiden Produzenten. Es sei aber nicht "komplizierter" als die bisherigen Projekte gewesen: "Wir sind durch eine gute Schule gegangen, in der Filmhochschule selbst und mit unseren bisherigen Projekten", wie die beiden betonen. Auch dieser Dreh sei ein "lehrreicher Prozess" gewesen dank einem sehr erfahrenen Regisseur und Team (u.a. Bildgestalter Thomas Kiennast, Szenenbildner Matthias Müsse und Kostümbildnerin Tanja Hauser) und nach einer "intensiven und gründlichen Vorbereitung".

Worm erzählt, dass er sich schon als Schüler nach der Lektüre von "Schachnovelle" im Unterricht und der Sichtung von Gerd Oswalds Film von 1960 gedacht habe, dass er den Stoff neu verfilmen wolle, sollte er später in die Branche kommen. Worm und Walker gingen schließlich mit der Idee auf den Studienkollegen an der HFF München, Eldar Grigorian, zu, der Drehbuchautor und passionierten Schachspieler ist, und man entwickelte gemeinsam die Adaption des dramatischen Stoffes, dessen Rechte seit 2013 frei sind. Üblicherweise arbeiten Worm und Walker von Anfang an gemeinsam mit der Regie an einem Projekt. Die vertraute man vor knapp drei Jahren Stölzl an, der zunächst beratend tätig war. "Wir haben lange überlegt, ob er der richtige ist, weil er ja sonst ganz andere Filme macht, aber es war eine wirklich tolle Zusammenarbeit", schwärmt das Duo. Stölzl war zuletzt mit dem Musical Ich war noch niemals in New York" im Kino und mit Der Medicus" besonders erfolgreich.

Oliver Masucci tritt als Mann, der die Gestapohaft dank der Beschäftigung mit Schach übersteht und auf der Dampferfahrt ins Exil gegen den amtierenden Schachweltmeister antritt, in die Fußstapfen von Curd Jürgens. Mit Masucci und dem in diesem Jahr gleich zweifach Lola-prämierten Albrecht Schuch fand man eine herausragende Besetzung für den Hauptcast und mit u.a. Birgit Minichmayr,Rolf Lassgard, Andreas Lust und Samuel Finzi auch für die weiteren Rollen. Den vielleicht größten Unterschied zu den vergangenen Projekten macht für die Produzenten die VFX-Arbeit aus, die bereits beim Dreh im Bavaria und im Berliner Studio begann: "So frei einen Film gestalten wie hier dank Effekten und Studiobedingungen konnten wir bei unseren vorherigen Filmen nicht", stellt Walker fest. Sie entstanden an Originalschauplätzen. Die Wiener Dor Film und Studiocanal sind Produktionspartner, Studiocanal ist auch Verleih von "Schachnovelle". Der aktuelle Starttermin, Anfang Januar nächsten Jahres, ist für Walker und Worm ein "Traumtermin", auch wenn eine Festivalpremiere vorstellbar gewesen wäre und man natürlich nicht weiß, wie es mit Corona weitergeht. "Wir machen uns auch Sorgen, wie es um die Kinolandschaft im Allgemeinen stehen wird, um die es ja bereits vor Corona nicht zum besten stand, wenn die aktuelle Situation mit minimalem Einspiel für die Kinos noch weiter andauert. Um uns, unsere Firma machen wir uns keine Sorgen. Solange die Qualität unserer Filme und die Rahmenbedingungen stimmen, können wir uns auch vorstellen, sie bei einem Streamer unterzubringen", so Walker. Aber die beiden sind erklärte Kinofans. Auch ihre nächsten Projekte sind wie fast alle vorherigen für die große Leinwand gedacht.

Anfang September soll die erste Klappe zu Jessica Krummachers bewegendem und sehr zeitgemäßen Drama Zum Tod meiner Mutter" fallen. Die HFF München-Absolventin, die mit u.a. "Totem" Aufmerksamkeit erregte, hat auch das Drehbuch geschrieben, in das viel persönliche Erfahrungen geflossen sind. Die Geschichte um eine Frau, die Sterbebegleitung bei ihrer Mutter macht, die nicht mehr trinken und essen will, "hat jeden zu Tränen gerührt, der sie gelesen hat", so Walker. Birte Schnöink und Elsie de Brauw übernehmen die Hauptrollen. Grandfilm ist als Verleih an Bord. Im nächsten Jahr sind zwei Produktionen geplant. Ein weiteres feines Arthouseprojekt ist das Langspielfilmdebüt von Alex Schaad, Studentenoscar-Gewinner mit Invention of Trust". Der HFF-München-Absolvent schrieb auch das Drehbuch zu Marmor", einem ungewöhnlichen, modernen und Liebesfilm um ein Paar, das an einem Experiment teilnimmt, bei dem man sich in einen anderen Körper versetzen lässt. Er hat nichts mit Science-Fiction oder Near-Future zu tun, wie man annehmen könnte, sondern setzt sich philosophisch und humorvoll mit Beziehung auseinander.

Für 2021 vorgesehen ist außerdem "Sisi und ich", bei dem Walker + Worm nach dem auch provozierenden Gesellschaftsporträt Finsterworld" erneut mit Regisseurin und Autorin Frauke Finsterwalder und ihrem Mann, Autor Christian Kracht, zusammenarbeitet. Dieses Kostümdrama ist mit seinen vielen Schauplätzen noch einmal größer angelegt als "Schachnovelle", Worm und Walker stemmen es mit dem österreichischen Partner bei "Schachnovelle", Dor Film, und der Schweizer C-Films sowie DCM als Verleih, The Match Factory als Weltvertrieb und in Zusammenarbeit mit BR/Arte. Gedreht werden wird der Film über die letzten zehn Jahre der österreichischen Kaiserin u.a. in Bayern, NRW, der Schweiz und auf Malta. "Wir waren sehr überrascht, als mehrere andere Sisi-Projekte angekündigt wurden, aber unser Film hat mit seiner so besonderen Umsetzung ein Alleinstellungsmerkmal", sind Worm und Walker überzeugt. In Arbeit ist etwa eine Serie bei Satel und Story House und der Spielfilm Corsage" von Marie Kreutzer, der ebenfalls in österreichisch-deutscher Zusammenarbeit entstehen soll, hier mit u.a. Komplizen Film. Angekündigt wurde auch eine englischsprachige Serie nach Allison Patakis Roman. "Der Film ist kein historisch genaues Biopic, sondern er geht sehr frei mit den Fakten um", so Walker. Erzählt wird aus ungewöhnlicher Perspektive, der von Sisis Hofdame und über das Historische wird vor allem Zeitgemäßes diskutiert. Insbesondere die besondere Art der Dialoge und des Humors, die bereits "Finsterworld" auszeichnete, werde das Projekt von den anderen Entwicklungen oder vorherigen Filmen und Serien über Sisi abgrenzen, so Worm. Cast und Crew stehen bereits fest, über die Besetzung ist aber Stillschweigen vereinbart. Zum Team gehören Kameramann Markus Fördererund Szenenbildnerin Katharina Wöppermann, die bereits bei "Finsterworld" dabei waren.

In der Entwicklung befindet sich gemeinsam mit Anca Miruna Lazarescu der Thrillerstoff Bestie" um einen jungen Rumänen, der den mutmaßlichen Mörder seines Vaters in einer deutschen Fleischfabrik sucht. Mit ihr hatte Walker + Worm zuvor die Tragikomödie Glück ist was für Weicheier" realisiert, die Mitte Juli im ZDF zu sehen war.

"Über die Jahre sind wir mit unserer Firma gewachsen und unsere Projekte mit uns" sagt Worm mit Blick auf die neuen und größten Projekte "Schachnovelle" und Sisi und ich". Die nächste Weiterentwicklung ist nun, auch englischsprachige, internationale Produktionen in Angriff zu nehmen. Ein notwendiger Schritt, denn auch wenn Walker und Worm keinen Drehabbruch zu beklagen haben, sie merken, dass mit Corona neben den veränderten Drehbedingungen, die sie nun bei "Zum Tod meiner Mutter" zu beachten haben, "auch die Finanzierungsmöglichkeiten für neue Projekte nicht eben einfacher geworden sind", wie Walker zurückhaltend formuliert. Das Produzentenduo hat schon viele Ideen, auch für Projekte außerhalb des Kinos.