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Review: "Tenet"

"Tenet" ist der Film, auf den die Kinos seit Ende des Lockdowns sehnlichst gewartet haben. Aber hält Christopher Nolans extravaganter Thriller, was er verspricht. Lesen Sie unsere Besprechung.

21.08.2020 18:01 • von Thomas Schultze
Zeit ist Welt: "Tenet" mit John David Washington (Bild: Warner Bros.)

Auf diesen Film haben die Kinos seit Ende des Lockdowns sehnlichst gewartet. Aber hält Christopher Nolans extravaganter Thriller Tenet" denn auch, was er verspricht? Lesen Sie unsere Besprechung.

Tenet

Visionärer Thriller von Christopher Nolan, in dem der Fluss der Zeit umgekehrt werden muss, um die Welt zu retten.

Versuchen Sie nicht, es zu verstehen - Sie müssen es fühlen. Diesen Ratschlag erhält der namenlose Protagonist, gespielt mit animalischer

Coolness von John David Washington aus BlacKkKlansman", gleich zu Beginn von Tenet. Es ist, als würde Christopher Nolan in diesem Moment ganz direkt zu seinem Publikum sprechen: Man muss die bizarre Prämisse, dass es möglich ist, Gegenstände und Menschen aus der Zukunft rückwärts in die Vergangenheit (und damit die Gegenwart des Films) zu schicken, nicht immer verstehen. Aber man muss den Film fühlen. Man muss den Bildern vertrauen und die gewaltigen Action-Setpieces, eines spektakulärer als das andere, insbesondere eine Aktion, bei der ein wahrer Jumbojet in einen Hangar gelenkt werden muss, und eine Autoverfolgungsjagd, in der nichts mit rechten Dingen zuzugehen scheint, spüren. Was freilich auch für das Actionpainting eines Michael Bay gilt, Kino, in dem immer nur der Moment zählt. Aber wie hier auch die Zeit formbar ist und umgedreht werden kann, dass die Handlung vorwärts geht, während sich die Bilder rückwärts bewegen, ist es so, dass die gnadenlose Bewegung, das bloße Momentum den Zuschauer in die Story und ihre physische Unmöglichkeit zieht, in der der Protagonist losgeschickt wird, die Welt zu retten: Das führt ihn, fast genauso wie in einem Bond-Film, über den gesamten Globus, von einer undurchschaubaren Figur zu nächsten, durch haarsträubende Szenarien, die einen elektrisieren und bisweilen den Atem rauben, auch wenn man sie sich nicht immer haarklein erklären kann. So nah am Experimentalfilm war wohl noch kein Blockbuster.

Schließlich fokussiert sich der Plot auf einen russischen Waffenhändler und dessen von ihm entfremdete Ehefrau, die vielleicht der Schlüssel zu dem Mysterium der invertierten Zeit sind, vielleicht aber auch nur Schachfiguren in einem noch größeren Spiel, das nicht so leicht zu durchschauen ist. Mehr über die Handlung zu verraten, hieße dem Zuschauer den Spaß zu verderben. Deshalb muss es ausreichen, wenn man schreibt, dass unfassbare und stets unerwartete Dinge geschehen auf dem Weg zu einem Showdown wie aus "Der Spion, der mich liebte" oder Diamantenfieber", dessen größte Überraschung ist, dass er auch sehr emotional und durchaus romantisch geraten ist und eine regelrecht bewegende tragische Fallhöhe besitzt. Das ist nicht die einzige Parallele zu Inception", Nolans anderem großem Füllhorn, das einem die Augen übergehen lässt mit Dingen, die man in dieser Form noch nie im Kino gesehen hat - auch wenn sich das Gerücht nicht bewahrheitet, die beiden Filme hätten inhaltllich miteinander zu tun. Herausragend sind an Washingtons Seite Robert Pattinson, Elizabeth Debicki und Kenneth Branagh sowie in Gastauftritten Aaron Taylor-Johnson, Michael Caine und Himesh Patel, die alle mindestens so großartig state of the art gekleidet sind wie der Film selbst aussieht: Prächtiger und körperlich spürbarer geht nicht in diesem sich wie eine Babushkapuppe von Szene zu Szene immer mehr offenbarenden Filmereignis, das das Genre des Agententhrillers mit propulsivem Soundtrack und üppigen Bildern ins dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts katapultiert, während in jeder Einstellung auch immer über die Magie des Geschichtenerzählens auf der großen Leinwand erzählt wird. Mit nur einer Botschaft: Das rockt so richtig einzig und allein im Kino.

Thomas Schultze