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Christian Ditter: "Mir fehlen Abenteuer am Küchentisch"

Der "Biohackers"-Showrunner Christian Ditter spricht über das weltweite Potenzial deutscher Serien auf Netflix, die Corona-bedingte Verschiebung seines Formats und Hauptdarstellerin Luna Wedler als "Terminator".

20.08.2020 07:57 • von Michael Müller
Der Filme- und Serienmacher Christian Ditter startet am Donnerstag mit "Biohackers" auf Netflix (Bild: Gert Krautbauer)

Der "Biohackers"-Showrunner Christian Ditter spricht über das weltweite Potenzial deutscher Serien auf Netflix, die Corona-bedingte Verschiebung seines Formats und Hauptdarstellerin Luna Wedler als "Terminator". Die Serie "Biohackers" startet am heutigen Donnerstag weltweit auf Netflix.

Sie haben mit "Girlboss" schon mal eine Serie für Netflix gemacht. Wie anders war jetzt die Erfahrung bei "Biohackers"?

CHRISTIAN DITTER: Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet: Die Arbeit als Regisseur war ziemlich gleich. Im Endeffekt steht man immer mit ein paar Schauspielern und einer Kamera am Set und versucht, schöne Szenen zu machen. Der Hauptunterschied war, dass ich jetzt bei "Biohackers" erstmals Showrunner war, ich war also auch als Autor und Executive Producer tätig. Bei "Girlboss" war ich Regisseur und Executive Producer, aber Kay Cannon war die Showrunnerin. Ich hatte mit den Drehbüchern nichts zu tun. Kay und ich haben uns die Arbeit aufgeteilt. Ich war der Producing Director, wie die Amerikaner das nennen, wenn man die ersten Folgen macht. Die Regisseure für die späteren Episoden musste ich einarbeiten, damit letztlich alles mehr oder weniger gleich ausschaut. Dann gab es mit Charlize Theron noch einen Produktionspartnerin, die das Ganze ursprünglich an Netflix verkauft hatte. Bei "Biohackers" hatte ich jetzt alle Hüte auf. Ich habe das zusammen mit Claussen + Putz produziert, wobei die beiden tausendmal mehr Ahnung davon haben als ich. Aber ich habe es geschrieben und mir die Inszenierung mit Tim Trachte geteilt. Das ins-Leben-Rufen, das Schreiben, Inszenieren und das Herantragen an Netflix habe jetzt alles ich gemacht.

Macht das mehr Spaß?

CHRISTIAN DITTER: Ich würde gar nicht sagen, dass das mehr oder weniger Spaß macht. Bisher habe ich das Glück, dass mir alle Projekte Spaß gemacht haben. Bei meinen Filmen in Deutschland wie "Französisch für Anfänger", "Vorstadtkrokodile" oder "Wickie auf großer Fahrt" habe ich auch immer die Drehbücher geschrieben. Bei meinen amerikanischen Projekten nicht, weil das auch nicht meine Muttersprache ist. Da will ich mich auch nicht überheben. "Biohackers" ist auf Deutsch geschrieben und inszeniert. Da es auch meine Idee war und ich die Geschichte relativ schnell im Kopf hatte, hat das einfach Sinn gemacht. Wir haben dann auch einen Writers' Room organisiert und andere Autoren mit an Bord geholt, nachdem ich den Piloten und die Season Outline geschrieben hatte. Sich die Geschichte mit den Kollegen dort auszudenken, hat einen ganz anderen Vibe, weil dabei ein Team-Gefühl entsteht. Das hat mir einen großen Spaß gemacht. Wenn ich schreibe, ist das sonst eine relativ zurückgezogene Angelegenheit - so ein bisschen wie im Lockdown. Das macht schon auch Spaß. Dann ist es aber auch immer schön, wenn man anfängt zu produzieren und Regie zu führen, dass man mal wieder rauskommt.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Tim Trachte, der als Regisseur die zweite Hälfte der Serie übernahm?

CHRISTIAN DITTER: Das lief super. Tim ist ein alter Freund aus Filmschulzeiten von mir. Er ist ein sehr geschätzter Kollege und toller Regisseur. Als klar wurde, dass es zeitlich nicht geht, dass ich alles als Regisseur mache - von Beauftragung bis Abgabe war ziemlich genau ein Jahr -, da habe ich mich mit dem Tim beim Münchner Italiener in der Franz-Joseph-Straße getroffen. Wir haben uns zusammengesetzt, haben uns bei Pasta ausgetauscht. Wir stimmten sehr überein, was die Serie sein soll und haben noch am selben Abend ausgemacht, dass wir das zusammen angehen.

Es gibt Schauspieler, die fremdeln im Genre, andere wiederum bewegen sich darin natürlich. Bei Ihrer Hauptdarstellerin Luna Wedler sah man schon im Film "Blue My Mind", wie pudelwohl sie sich im Genre fühlt. Zu welchem Zeitpunkt der Produktion wussten Sie, dass sie ihre Protagonistin spielt?

CHRISTIAN DITTER: Ich hatte Luna in "Das schönste Mädchen der Welt" gesehen und habe mir natürlich auch "Blue My Mind" angeschaut. Ich hatte sie früh als Idealbesetzung im Hinterkopf. Dann haben wir ein Casting organisiert. Als sie dann Szenen gespielt hat, war sofort klar, dass sie perfekt für die Hauptrolle ist. Ich finde, Luna hat so eine wahnsinnige Präsenz. In jeder Sekunde ist es faszinierend, ihr zuzuschauen. Wie sie sich in die Rolle reingestürzt hat, zeigt schon ihr Ausnahmetalent. Das suche ich eigentlich immer bei allen meinen Projekten, jemanden für die Hauptrolle zu finden, bei dem es immer noch Spaß macht zuzuschauen, wenn die Kamera mal versehentlich weiterläuft ohne, dass es der Schauspieler weiß.

Was fanden Sie an Wedlers Charakter als Studentin mit tragischer Vergangenheit interessant?

CHRISTIAN DITTER: Ich finde an der Figur interessant, dass sie ihr Ding absolut kompromisslos durchzieht. Wenn sie fällt, steht sie sofort wieder auf und läuft weiter. Ich vergleiche das mit dem ersten "Terminator", auch wenn das auf den ersten Blick ein wenig anders wirkt. Aber wenn man sich Arnold Schwarzenegger in dem Film in Erinnerung ruft, dann ist der einfach unaufhaltsam, egal, was ihm widerfährt. Er steht wieder auf und will seine Mission erfüllen. Daran habe ich so ein bisschen gedacht, als ich die Figur geschrieben habe.

Ich habe beim Schauen stark an die Anfänge der Produktionsfirma Claussen + Putz mit den tollen Coming-of-Age-Geschichten wie "Nach Fünf im Urwald", aber auch "Anatomie" gedacht. Was waren Ihre Vorbilder?

CHRISTIAN DITTER: Ich habe eher an die frühen Amblin-Filme gedacht. Ich hatte das Gefühl: Momentan fehlen in der narrativen Landschaft Filme, wo Menschen wie du und ich mit Ereignissen konfrontiert werden, die deutlich größer sind als sie selber - und daran wachsen. Momentan gibt es entweder Superhelden, die die Welt immer aufs Neue retten müssen oder man hat Arthouse-Filme. Das schaue ich beides total gerne. Aber mir haben diese Adventures-in-Your-Backyard-Filme gefehlt, die Abenteuer am Küchentisch in unserem Fall. Das wollte ich vom Gefühl her machen. Wenn man sich jetzt "Biohackers" anschaut, ist es eine Freundschafts- und Familiengeschichte, bei der dann ein absolut irrwitziger, aber dennoch realistischer Science-Fiction-Aspekt obendrauf kommt. So funktionieren auch viele dieser Amblin-Filme, die Freundschaftsgeschichten sind. Es ist zwar ein unglaublich schlechter Pitch: Aber wir sind eigentlich "Jurassic Park" - nur ohne die Dinosaurier. (lacht) Die Produktionsfirma Claussen + Putz habe ich natürlich schon immer gekannt, seitdem ich an der Filmhochschule in München war. Ich habe die auch immer bewundert. Auch die von Ihnen genannten Filme fand ich alle toll und auch immer sehr inspirierend. Das war jetzt auch ein toller, passender Partner für die Serie.

Warum haben Sie als Setting die Universitätsstadt Freiburg gewählt?

CHRISTIAN DITTER: Das war ein ganz einfacher Grund: Ich habe ein Bild dieser wahnsinnig modernen Bibliothek in Freiburg gesehen, die eingebettet in diese ganzen Altbauten und altehrwürdigen Universitätsgebäuden ist. Ich fand das ein spannendes Bild. In Deutschland ist das zum Teil schon so, dass die Spitzenforschung oft an Orten sitzt, die selbst traditionell sind und alle Menschen auf der Welt Lederhosen und Bierkrüge vermuten würden. Das war ein guter Kontrast, den ich auch versucht habe, in der Serie fortzuführen. Spitzenforschung, aber dreckiger Küchentisch, wo noch die Müsli-Schale von vor zwei Tagen steht. Das verkörpert Freiburg sehr gut. Noch dazu liegt die Stadt in der Mitte des Schwarzwaldes. Das hat auch ein gewisse mythische Aufladung, die ich auch spannend fand.

"Biohackers" wurde aus Rücksichtnahme auf die Zuschauer wegen Corona in den August verschoben. Können Sie uns einen Einblick hinter die Kulissen geben, wie da die Entscheidungsfindung verlief?

CHRISTIAN DITTER: Klar. Die Serie sollte eigentlich Ende April starten. Als wir uns dann mit Netflix zu Gesprächen zusammengesetzt haben, war es Mitte März. Da war noch die Situation die, dass man über Corona nicht allzu viel wusste. Aber man wusste genug, um davon ausgehen zu können, dass es eine weltweite Pandemie wird. Was man auch spürte, war eine große Verunsicherung und Angst in der Bevölkerung. Wir fanden es einfach unpassend, zu diesem Zeitpunkt die Serie zu starten. Sie hat natürlich nichts mit einer Pandemie zu tun, aber bei uns geht es auch um synthetische Biologie und um biologische Forschung, die schief laufen kann. Wir wollten einfach nicht pietätlos sein und auch nicht zur Angst und Verunsicherung beitragen. Unser Interesse ist, dass die Leute Spaß haben und sich auf das Abenteuer einlassen können, wenn sie die Serie sehen. Wir haben das Gefühl, dass wir jetzt deutlich weiter sind und die Menschen sehr klar zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden können und aufgeklärt sind, was die Pandemie betrifft. Das war damals eher eine Vorsichtsmaßnahme. Ich glaube auch, dass es im Nachhinein die richtige Entscheidung war.

Eine ZDFneo-Serie wie "Sløborn" über einen Virusausbruch ist sehr nahe an der aktuellen Realität dran. "Biohackers" dagegen erfüllt da eher eine entlastende Funktion, wenn man sieht, wie schnell zum Teil für biologische Probleme Lösungen gefunden werden.

CHRISTIAN DITTER: Natürlich birgt ein Themenfeld wie synthetische Biologie riesige Gefahren. Potenziell steht das auf der offiziellen Risiko-Liste von Dingen, die zum Aussterben der Menschheit beitragen könnten, noch höher als Atomwaffen. Das macht es natürlich auch spannend für eine Serie. Aber synthetische Biologie bietet auch große Chancen, nicht nur um Krankheiten zu heilen, sondern auch die Menschheit zu retten, falls mal etwas schief geht. Die Menschen, die uns jetzt aus dieser Corona-Situation befreien werden, sind nun eben Wissenschaftler. Als wir die Serie entwickelt haben, war es noch zwei Jahre vor Corona. Aber ich fand dieses Spannungsfeld, was Wissenschaft generell hat, wie zum Beispiel auch bei den Erfindern der Atomkraft, interessant: Sie können saubere Energie generieren, aber auch potenziell Chernobyl oder eine Atombombe. Egal, was man erfindet, kann die Menschheit weiterbringen oder auch viele gefährden. Synthetische Biologie ist aktuell das Neueste und Modernste in der Wissenschaft - auch mit dem größtmöglichen Auswirkungen auf die Menschheit, weil es richtig in unser Leben eingreifen kann. Künstliche Intelligenz ist auch ein großes Thema, aber es ändert nicht potenziell unseren menschlichen Bauplan. Diese beiden Seiten wollte ich zeigen. Ich will weder warnen noch verurteilen. Ich will den Zuschauer in eine Position bringen, wo er vor allem Spaß hat und sich eine eigene Meinung bilden kann.

In den Credits taucht ein ganzes Wissenschaftskonsortium als Berater auf. Wie nah wollten Sie an der Realität dran sein?

CHRISTIAN DITTER: Mir war das sehr wichtig, dass das alles auf realistischen Vorbildern basiert. Und um nochmal auf die Vorbilder der Serie zurückzukommen, waren das vor allem auch Michael-Crichton-Geschichten - von "Jurassic Park" über "Coma" bis zu "Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All", die alle super recherchiert sind. Die funktionieren auch deswegen, weil man sich als Zuschauer oder Leser sagt: Das wäre in einem halben Jahr theoretisch möglich. Meine Inspiration kam auch über echte Geschichten, die ich über Biohackers und synthetische Biologie gelesen habe. Dann habe ich noch George Church getroffen. Das ist in den USA ein Guru für synthetische Biologie. Ich wollte es mir nicht einfach machen und zeigen wie es ist. Da ich aber Bio in der zehnten Klasse abgewählt habe und ich - wenn ich ehrlich bin - zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, haben wir Kontakte zu Wissenschaftler wie zum Beispiel dem Fraunhofer-Institut, aber auch zu Biohackern aufgenommen. Die haben uns in der Drehbuch-Phase beraten und waren dann teils sogar am Set.

Haben deutsche Serien wie "Dark" oder jetzt "How to Sell Drugs Online (Fast)", die auf Netflix vor allem auch international erfolgreich sind, für Ihre Serie so ein wenig das Feld bereitet?

CHRISTIAN DITTER: Ich glaube, dass es momentan ein guter Moment für Serien ist, weil "Dark" und "How to Sell Drugs Online (Fast)" auch einfach exzellent gemacht sind. Wenn ich vor einigen Jahren noch einen deutschen Film gemacht habe, wurde der in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet. In dem Moment, wo ich ein noch größeres Publikum erreichen wollte, musste ich einen amerikanischen Film machen. Das Faszinierende an Netflix ist dagegen, dass es darauf überhaupt nicht mehr ankommt. Man kann mit deutschen Erzählformen auch ein weltweites Publikum erreichen. "Biohackers" startet in mehr als 190 Ländern gleichzeitig. Im Endeffekt geht es jetzt nur darum, ob die Geschichte gut ist. Wenn es in Deutschland das geeignete Setting ist - und das ist es bei "Biohackers" -, dann spricht da nichts mehr dagegen, das als deutsche anstatt als amerikanische Serie zu machen. Man erreicht genau das gleiche Publikum. Das ist schon faszinierend. Das ist natürlich eine riesige Chance für deutsche Filmschaffende, ein bisschen über den Tellerrand zu schauen - und auch von außen in den Teller hineingeschaut zu bekommen.

Das Interview führte Michael Müller