Kino

Die Powerfrau des deutschen Films

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Iris Berben wird 70. Die großartige Schauspielerin bleibt vielbeschäftigt vor der Kamera, in ihrem Einsatz für die Zivilgesellschaft und den deutschen Film. Eine schwärmerische Verbeugung von Blickpunkt:Film-Chefredakteur Ulrich Höcherl.

12.08.2020 08:32 • von Jochen Müller
Iris Berben feiert heute ihren 70. Geburtstag (Bild: Deutsche Filmakademie / Florian Liedel)

Mit 70 fühlt sich Iris Berben nach eigenem Bekunden so, wie sie schon mit 18 war: "Die Radikalität ist wieder zurück!". Das schreibt sie in einem Vorwort für ein Buch, das Frauen über siebzig als cool, rebellisch und weise feiert. Das trifft auch auf die Berben zu und das zeit ihres Lebens. Was sie an diesen Frauen bewundert, das lebt sie selbst. Haltung zeigen und sie öffentlich vertreten, das ist ihr wichtig, schon ihr ganzes Leben lang. Die Berben, wie sie respektvoll genannt wird, zeichnet wie nur wenige ihrer Schauspielkolleg*innen aus, dass sie sich neben ihrem fordernden Beruf, neben den vielen Rollen, denen sie über die Jahre Glaubwürdigkeit und Leben verliehen hat, neben ihrem Sinn für Humor und gutes Entertainment, der sie auch als ausgelassene Komödiantin hat brillieren lassen, immer und von Anfang an mit größter Leidenschaft politisch und gesellschaftlich engagiert hat im Kampf gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und erstarkende rechte Ideologien. Als Präsidentin der Deutschen Filmakademie hat sie sich für den deutschen Film und die Filmbranche als Glücksfall erwiesen mit ihrem unermüdlichen Einsatz, ihrer einenden Kraft und ihrem Talent, auf Leute zuzugehen und sie für eine gemeinsame Sicht der Dinge zu begeistern.

Aus Detmold in Nordrhein-Westfalen führte ihr Weg in die Welt, erst nach Hamburg und Berlin und dann nach München. Schon in der Schule war sie rebellisch und neigte zu starken Ansichten und Überzeugungen. Als Blumenkind der 68er-Generation war sie hautnah mit dabei, als es galt, die "bleierne Zeit" der Adenauer-Ära zu überwinden und den gesellschaftlichen Aufbruch in der Bundesrepublik zu wagen. Als Kind der Nachkriegszeit sah sie die verdrängte Schuld der Elterngeneration besonders kritisch, eine Reise nach Israel und der Aufenthalt in einem Kibbuz haben sie geprägt und ihr Engagement gegen jede Form von Antisemitismus in unserer Republik begründet.

Ihre ersten Filmrollen erhielt sie dann auch von den eher rebellischen Filmemachern des jungen deutschen Films, von Klaus Lemke in Brandstifter", wo sie an Margarethe von Trottas Seite eine RAF-Terroristin spielt, oder von Rudolf Thome, der in Detektive" und "Supergirl" das aufmüpfige Schwabinger Lebensgefühl erkundet und auf ihren unbestrittenen Sexappeal setzt. Mit ihr versucht der junge Willy Bogner in Stehaufmädchen" an den Erfolg von "Zur Sache, Schätzchen" anzuknüpfen. Selbst ein Italowestern fehlt in ihrer filmischen Vita nicht: Der große Sergio Corbucci holt sie an die Seite von Franco Nero und Jack Palance in Laßt uns töten, Companeros!".

Mehr als 160 Kino- und Fernsehfilme zählt die Filmdatenbank IMDb in der bisherigen Karriere von Iris Berben. Und sehr viel unterschiedlicher, vielseitiger, mutiger und ausgefallener könnte ihre Arbeit vor der Kamera gar nicht sein. In den 70ern ragt ihr Auftritt in der Slapstick-Sitcom Zwei himmlische Töchter" heraus. Der ewig unterschätzte Michael Pfleghar, wahrscheinlich der innovativste Entertainment- und Showregisseur Deutschlands, der mit seinen frühen Filmen sogar ins Festival von Cannes eingeladen wurde, setzte auf sie und Ingrid Steeger, um im deutschen Fernsehen anarchisch-respektlose Unterhaltung zu etablieren, die er dann mit dem TV-Klassiker Klimbim" weiterführte. In den 80ern erlebt die Berben bundesweite Popularität mit der Serie "Das Erbe der Guldenbergs", in bester Dallas"- und "Denver Clan"-Tradition. Überhaupt traut sich Iris Berben, ihre komödiantische Seite auszuspielen, in Ach du lieber Harry" mit Dieter Hallervorden und in Sigi, der Straßenfeger" mit Harald Juhnke, den wohl größten Profis in Sachen Entertainment in der damals eher herablassend kommentierten deutschen Unterhaltungslandschaft. Damals war sie Gast in vielen populären Fernsehserien, beim "Kommissar", bei "Derrick", auf dem Traumschiff", beim "Fall für zwei", im "Tatort" oder bei Meister Eder und sein Pumuckl", bevor ihr schon bald eigene Serien und Reihen auf den Leib geschrieben werden sollten.

Sie spielt in vielen Fernsehfilmen, die gerade von den engagiertesten Regisseuren und TV-Autoren geschrieben und gedreht werden, darunter Oliver Storz, Peter Patzak oder Carlo Rola, der viele Jahre fast ihr Stammregisseur werden sollte und mit dem sie über 50 Filme realisiert hat. In der Moovie, der gemeinsamen Produktionsfirma mit Rola und ihrem Sohn Oliver Berben, der längst zu einem der bedeutendsten und stilbildenden Produzenten Deutschlands geworden ist, entsteht die Figur der engagierten und aufrechten Berliner Kriminalkommissarin "Rosa Roth", die sich von 1994 bis 2013 in 31 Fällen mit Alltagsverbrechen der deutschen Gegenwart beschäftigt. Hier wird nun alles verhandelt, was die Republik bewegt. Ob die Verbrechen gesellschaftlich, politisch oder sexuell motiviert sind, worüber Deutschland diskutiert, findet Eingang in die Bücher der Reihe. Iris Berben erreicht darüber eine ungeheure Popularität, ist das vertraute Gesicht und die Figur, der man vertraut, die in all diesen Fällen Haltung zeigt und Orientierung gibt. Was hier verhandelt wird, hat Gewicht, und die richtige Haltung dazu vermittelt Iris Berben gleich mit. So weit entfernt von ihrer Haltung im richtigen Leben ist das nicht. Die Berben zeigt hier exemplarisch den aufrechten Gang, dem sie sich selbst mit großer Konsequenz verschrieben hat.

Auch ins Kino kehrt Iris Berben in den 90ern zurück. Und wieder ist ihr die Unterhaltung näher, die schwierigste Filmform von allen, die Komödie, die sie mit ihrem sicheren Timing und einer ausgelassenen Fröhlichkeit bereichert. Rennschwein Rudi Rüssel" ist ein großer Erfolg beim Familienpublikum, Peanuts - Die Bank zahlt alles" ist pure Satire und "Frau Rettich, die Czerni und ich" zeigt furchtlos komische, starke Frauen. Doris Dörrie holt sie für Bin ich schön?" und "Enfant Terrible" Oskar Roehler für "Fahr zur Hölle, Schwester!". Ungebrochene oder gebrochene, aber immer starke Frauen sind spätestens ab den Dreiteilern "Die Patriarchin" und Afrika, mon Amour" ihre Rolle. Iris Berben spielt sie alle, Elisabeth Buddenbrook, Bertha Krupp bis hin zu Cosima Wagner. Wie sicher sie sich im komischen wie im ernsten Fach bewegt, zeigt sie mit ihrer bewegenden Rolle in dem Nachkriegsdrama Das Zeugenhaus" von Matti Geschonneck und der vergnüglichen Komödie Traumfrauen" von Anika Decker, die nur mit wenigen Wochen Unterschied Premiere feiern. Da versöhnt sie E und U, in Deutschland immer noch getrennte, weit entfernte Welten, fast im Alleingang. Differenzierte Frauenportäts für die Ewigkeit liefert sie in Dominik Grafs Hanne" und Nina Grosses Mehrteiler "Die Protokollantin". Der Hunger nach neuen Rollen und damit neuen Herausforderungen ist bei Iris Berben - Gottseidank! - noch lange nicht gestillt. Fast programmatisch wirken da die Titel der TV-Movies, die sie zu ihrem 70sten im Fernsehen feiern und durchaus (selbst-)ironisch Mein Altweibersommer" und Nicht tot zu kriegen" heißen. Noch treffender ist da der Titel eines TV-Movies, in dem sie nur eine Szene als Hommage an die viel zu früh verstorbene Kollegin, Hannelore Elsner, spielt: Lang lebe die Königin".

Dass bei dieser schauspielerischen Lebensleistung Preise nicht zu kurz kommen dürfen, hat auch die Berben erlebt. Von der Goldenen Kamera über den Bambi, die Romy, den Bayerischen Fernsehpreis, den Max Ophüls Preis bis hin zum Grimme-Preis ist bei ihren Würdigungen alles dabei. Vor allem aber finden sich hier Preise für ihre Courage und ihr von Leidenschaft und Empathie geprägtes Engagement, in unserer Zivilgesellschaft Flagge zu zeigen. Wenige Schauspieler*innen nutzen wie sie ihre große öffentliche Bekanntheit, um sich für gesellschaftliche Themen, die ihnen wichtig sind, furchtlos einzusetzen. Iris Berben tut das seit ihren Anfängen. Ihr Einsatz gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels trug ihr 2002 den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland ein. Weil sie genauso für Toleranz und gegen jede Form von Rassismus, für Kinder- und Frauenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter, für Minderheitenrechte und das Schicksal von Migranten kämpft, hat sie auch hier für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Ausgezeichnet wurde ihr Engagement u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, der Bayerischen Verfassungsmedaille in Gold und gerade erst dem Landesverdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Iris Berben engagiert sich in der Deutschen Aids-Stiftung und war 2017 Mitglied der Bundesversammlung. Wann sie sich die Zeit nimmt, um sich neben den vielen beruflichen Verpflichtungen auch noch für ihre Mitmenschen und gegen vielfältige Mißstände zu engagieren, bleibt ihr Geheimnis.

Insbesondere für den deutschen Film hat sich ihr besonderer Einsatz als Glücksfall erwiesen. Drei Amtszeiten lang stand sie der Deutschen Filmakademie als Präsidentin vor. Drei Amtszeiten lang hat sie sich von 2010 bis 2019 für das Kultur- und Wirtschaftsgut Film stark gemacht, für mehr Verständnis in den Reihen der Politik gesorgt für die besonderen Nöte einer Kunstform, die nachhaltig auf öffentliche Förderung angewiesen ist. Zuvor hatte sie schon als erste Schauspielerin in der Vergabekommission der FFA Flagge gezeigt und sich für sperrige Projekte eingesetzt. Lampenfieber in Potenz habe sie gehabt, als sie im Februar 2010 zugesagt habe, gemeinsam mit Bruno Ganz die Nachfolge von Günter Rohrbach und Senta Berger anzutreten, die ihre Aufgabe mit Bravour gelöst hatten. Und als Bruno Ganz sich lieber wieder der Schauspielkunst widmen wollte, da hat sie als alleinige Präsidentin dafür gesorgt, dass die deutsche Kulturpolitik auch den Film als Kunstform ernst nimmt und nicht bloß der Unterhaltung zuordnet. Viel diplomatisches Geschick, viel Gespür für Befindlichkeiten und das sofortige Nutzen von Chancen haben die Berben ausgezeichnet bei ihrem unermüdlichen Einsatz für den deutschen Film. Vor dem höchsten deutschen Gericht hat sie erfolgreich für die Verfassungsmäßigkeit der Filmabgabe an die Filmförderungsanstalt gekämpft, kaum ein Festival oder eine Filmpreisverleihung, bei der sie nicht auf die Bedeutung des deutschen Films und seine Entwicklungschancen hingewiesen hat. Für den Nachwuchs, für die einzelnen Gewerke, für den Frauenanteil beim Filmemachen, kaum ein Thema, das die Berben sich nicht zu eigen macht und mit Nachdruck verfolgt. Die großen Fußstapfen, die sie vorgefunden hat, hat sie mit großer Leidenschaft, aber auch mit unermüdlichem Arbeitseifer und einer gewissen Gelassenheit ausgefüllt, und dabei selbst bei ihrem Abschied vergangenes Jahr so große Fußstapfen hinterlassen, dass sich nun ihr Nachfolger alle Mühe geben muss, dem Erbe gerecht zu werden.

Längst hat sich die Berben wieder ins Filmemachen vertieft. Aus der "Miss Sixty" wird nun eine "Miss Seventy" werden, für die zunehmendes Alter nur mehr Weisheit und mehr Gelassenheit und jedenfalls keinerlei Einschränkung bedeutet. Schon mit 60 hat sie unter dem Motto "Älter werde ich später" ein Buch geschrieben und ihr Geheimnis, "schön und sinnlich, fit und entspannt zu sein", gelüftet. Für den Film in jeder Form brennt Iris Berben immer noch. Ein Blick auf ihre Arbeiten im Dreh kann die Fanbase nur beruhigen: Für Ruben Östlund wirkt sie in Triangle of Sadness" mit, und Sherry Hormann verfilmt mit ihr Dörte Hansens Bestseller Altes Land", und mehr ist sicher in der Entwicklung und am Entstehen. Dass man eine streitbare und wache Filmlegende bis ins hohe Alter bleiben kann, hat Olivia de Havilland vorgemacht: Über 100 Jahre ist sie geworden.

Dass sie mindestens noch bis dahin uns mit ihrer Kunst, ihrer Leidenschaft und ihrem Engagement begeistert, das erwarten wir auch von Iris Berben. Älter werden kann sie später noch.

Ulrich Höcherl