Kino

"Kinomittelstand" sieht Existenz auf dem Spiel

In einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters haben die Vertreter von 68 Kinounternehmen, die für rund 1300 Leinwände stehen, dringend um weitere Hilfen gebeten - sowie um einen "Kinogipfel", bei dem diese sowie weitere Maßnahmen zur Krisenbewältigung diskutiert werden sollen. Maßnahmen, zu denen auch eine Regelung der Auswertungsfenster für internationale Produktionen zählen soll.

11.08.2020 09:52 • von Marc Mensch
Kulturstaatsministerin Monika Grütters wird in dem offenen Brief dringend um weitere Hilfen gebeten - und um Reformen, die das Kino auch künftig schützen sollen (Bild: Elke A. Jung-Wolff)

Um zu ahnen, wie dramatisch die Lage für die deutschen Kinos derzeit ist, reicht ein Blick auf die wöchentlichen Zahlen. Die Wiedereröffnungsphase gestaltet sich noch schwieriger, als ohnehin schon befürchtet, die finanziellen Belastungen wachsen nach dem Lockdown weiter. In dieser Situation haben sich 68 Kinounternehmen, die rund 1300 Leinwände und nach eigenen Angaben den "Kinomittelstand" repräsentieren, mit einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt, in dem sie nicht nur die prekäre Situation für die Branche schildern, sondern bereits konkrete Forderungen aufstellen. Dazu zählt nicht zuletzt weitere finanzielle Unterstützung: "Mittlerweile ist deutlich erkennbar, dass im Jahr 2020 maximal die Hälfte des Normalbesuchs realisiert werden kann", sagt Initiator Michael Pawlowski, geschäftsführender Gesellschafter der Filmpalast-Gruppe (Kieft und Kieft). "Bei einem fixkostenintensiven Geschäftsbetrieb und einem derartigen Umsatzrückgang sind Soforthilfen erforderlich."

Eine weitere Forderung betrifft die maßvolle Anpassung von Hygienevorgaben. Eine Forderung, die an Aktualität nur gewonnen zu haben scheint - denn in Berlin soll der Mindestabstand auf einen Meter von Sitzmitte zu Sitzmitte reduziert werden, was im Idealfall Signalwirkung entfalten würde. Die Änderung soll offenbar in der heutigen Sitzung des Senats beschlossen werden.

Zudem appellieren die Unterzeichner an die Bundesregierung, das Auswertungsfenster auch für nicht-geförderte internationale Produktionen gesetzlich zu regeln, nachdem mit Universal ein erstes US-Studio den Zeitraum auf 17 Tage reduziert habe. "Dies dürfte einen weiteren Besucherrückgang provozieren, den viele Unternehmen nicht mehr ausgleichen können", so Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch.

Da die Probleme vielfältig seien und zentrale Branchentreffen zuletzt Pandemie-bedingt ausfallen mussten, hoffen die Unterzeichner des Briefes auf die Einberufung eines Kinogipfels durch die BKM, um dort gemeinsam Überlegungen entwickeln zu können, wie man der dramatischen Situation der mittelständischen Filmtheaterunternehmen begegnen könne. Denn "bricht das Rückgrat der deutschen Kinowirtschaft weg, was ohne weitere Unterstützung in weiten Teilen der Fall sein wird, wird nur noch ein kleiner Teil in der Nische überleben können", beschreibt Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile die Dramatik der Situation.

DER OFFENE BRIEF IM WORTLAUT:

"Bitte zur Initiierung eines Branchentreffens "Kinogipfel"

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Grütters,

wir, die Unterzeichner dieses offenen Briefes, sind ein wesentlicher Teil der deutschen mittelständischen, familiengeführten Filmtheaterunternehmen, die in großer Sorge über ihre wirtschaftliche Zukunft sind. Unsere Unternehmen, die zum Teil in mehreren Generationen aufgebaut wurden und mit insgesamt mehr als 50 % aller Leinwände Kinokultur und Unterhaltung anbieten, sehen ihr Lebenswerk bedroht, wenn nicht kurzfristig weitere Hilfen ganz konkret auch unseren Unternehmertypus unterstützen. Wir wissen in Ihnen eine große Kämpferin für den deutschen Film und auch das deutsche Kino und möchten Ihnen zunächst für Ihre bereits vorgenommenen Hilfestellungen danken. Wir wissen, dass gerade auch im kulturellen Bereich die Not und damit die Anzahl der Hilfesuchenden besonders groß ist.

In den letzten fünf Jahren haben wir, die Unterzeichner sowie eine Vielzahl unserer Kolleginnen und Kollegen, mehrere 100 Millionen in den deutschen Kinopark investiert. Es wurden Standorte in der Provinz mit hochwertigen Kinoangeboten versehen, neue Servicekonzepte entwickelt und die Anzahl und Vielfalt der Filmangebote deutlich erhöht. Wie in der Gesamtwirtschaft stellt der Mittelstand auch in der Kinolandschaft das Rückgrat und den Motor dieses Kulturzweiges dar. Die deutschen Filmproduktionen, die Ihr Ministerium mit rund 100 Millionen im Jahr fördert, kommen in unseren Leinwänden zur Aufführung und tragen zum Erfolg und zur Vitalität der deutschen Filmlandschaft bei.

Diese Infrastruktur und die über 100 Jahre alte und einzigartige Art des Filmgenusses ist zurzeit dramatisch bedroht. Auch ohne eine weitere pandemiebedingte Schließungswelle wird ein nennenswerter Teil der deutschen Filmtheater diese Krise ohne weitere Hilfen nicht überleben. Denn durch die Schließung der Kinos seit Mitte März und der nur zögerlichen Öffnung seit Mitte Mai verzeichnen alle Kinobetreiber massive Umsatzeinbrüche und geraten in eine dramatische Liquiditätssituation. Kinos, die erneut schließen müssen, werden nur im Einzelfall wieder geöffnet werden. Die Folgen für das kulturelle Leben, die Belebung der Innenstädte für Gastronomie und Handel, sind auf lange Zeit irreversibel. Welche Folgen dies auf die Finanzierung der FFA und die Kinospielfilmproduktion hat, ist in ihrer Gänze noch gar nicht abzusehen.

Wenn wir es also nicht schaffen, die aktuelle Entwicklung aufzuhalten, gehen in Deutschland viele Arbeitsplätze verloren, die bei den Gewinnern dieser Entwicklung, den Streamingdiensten, sicher nicht parallel entstehen werden. Ganz zu schweigen, dass die meisten Streamingdienste, wie Netflix, Amazon und Co, ihre Steuern nicht in Deutschland entrichten.

Obwohl wir wissen, dass Ihnen all diese Gründe hinlänglich bekannt sind, möchten wir trotzdem noch einmal auf die wichtigsten Aspekte der Krise, verbunden mit konkreten Wünschen, wie man diesen Problemen begegnen kann, hinweisen.

1. Abstandsregelung und Herausbringung geförderter deutscher Filme: Dass die Phase der wiedereröffneten Kinos problematischer ist als die Zeit der Schließung, liegt vor allem daran, dass uns unser wichtigstes Produkt - aktuelle Filme - fehlt. Dies wiederum liegt teilweise auch an den kapazitätsbedingten Einschränkungen für eine für beide Seiten gewinnbringende Auswertung. Für den Start großer internationaler Produktionen, aber auch für zahlreiche größere deutsche Filme, die auch mit Ihrer Unterstützung entstanden sind, sind Lockerungen der Hygienerichtlinien zwingend erforderlich. Während in einigen Bundesländern die Abstandsregelung von 1,50 m bereits abgeschafft wurde, gilt leider immer noch im überwiegenden Teil des Landes eine faktische Kapazitätsbegrenzung von 75 %. Vor diesem Hintergrund scheuen sich nationale wie internationale Verleihunternehmen mit der Herausbringung ihrer, von uns dringend benötigten, Filmproduktionen. Der HDF hat hierzu ein sehr hilfreiches Gutachten der TU Berlin erarbeiten lassen. Wir hoffen, dass mit Ihrer nicht nachlassenden Unterstützung und diesem Gutachten kurzfristig eine flächendeckende Normalisierung des Spielbetriebs möglich wird. Ist es nicht gerade jetzt geboten und geradezu eine Pflicht, dass diese von Ihnen mit vielen Mio. geförderten, abspielfertigen Produktionen jetzt und sofort herausgebracht werden?

2. Soforthilfe und finanzielle Unterstützung: Deutlich schwieriger gestaltet sich das Maßnahmenpaket zur finanziellen Unterstützung der Kinos. Während von den Ländern und Ihrem Ministerium vor allem Programmkinos Unterstützungen erhielten, entstand bei uns der Eindruck, als sei unsere Arbeit auch in kultureller Hinsicht weniger wert und somit eine Unterstützung nicht erforderlich. Mittlerweile ist deutlich erkennbar, dass im Jahr 2020 maximal die Hälfte des Normalbesuchs realisiert werden kann. Bei einem fixkostenintensiven Geschäftsbetrieb und einem derartigen Umsatzrückgang sind bedingungslose Soforthilfen erforderlich. Das Zukunftsprogramm Kino II könnte eine solche Hilfe sein, wenn es nicht mit Investitionen und einem weiteren Eigenanteil verknüpft wäre. Sehr geehrte Frau Grütters, die noch zur Diskussion stehenden Billigkeitshilfen wären ein geeigneter Anfang, sie dem bereits im März vom HDF vorgelegten Konzept zur Unterstützung der Kinos zu widmen. Dieses Konzept sieht einen Erstattungsbetrag pro fehlendem Besucher im Vergleich zu 2019 auf Basis bereits reduzierter Fixkosten von 4,62 Euro vor. Auch die bayerische Landesregierung unterstützt mit ihrem Soforthilfeprogramm alle bayerischen Kinos auf Basis des Besuchs 2019.

3. Fixierung einer Fensterregelung auch für internationale Produktionen: Und als wären die Probleme nicht dramatisch genug, erreichte uns diese Woche die Botschaft, dass das Auswertungsfenster zwischen dem weltgrößten Kinobetreiber AMC und einem der größten Studios Universal nunmehr von 90 auf 17 Tage reduziert wurde. Sollte dies auf dem deutschen Markt ebenso Schule machen (immerhin ist die deutsche AMC-Tochter UCI nach dem Merger von CinemaxX und Cinestar das zweitgrößte deutsche Kinounternehmen), dürfte dies einen weiteren Besucherrückgang provozieren, den viele Unternehmen nicht mehr ausgleichen könnten. Nicht umsonst hat Ihr Ministerium für deutsche Produktionen ein verpflichtendes Fenster von sechs Monaten festgelegt. Aus der gleichen Überlegung heraus hat unser Nachbar, und in Filmsachen Vorbild, Frankreich ein verpflichtendes Fenster von vier Monaten auch für internationale Produktionen festgeschrieben. Denn dies dient nicht nur dem Kino, sondern auch der lokalen Produktion, wenn gewissermaßen gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Wir möchten Sie herzlich bitten, eine solche Sperrfristenregelung auch für internationale Produktionen im Gesetz zu prüfen.

Da in diesem Jahr der HDF-Kongress in Baden-Baden, die internationale Kinomesse in Barcelona und auch die Filmmesse in Köln ausfallen mussten, würden wir uns über einen von Ihnen einberufenen Kinogipfel freuen, bei dem wir Ihnen persönlich und Ihren Mitarbeitern unsere Überlegungen noch einmal darstellen können. Gleichzeitig aber auch Ideen entwickeln, wie man der dramatischen Situation der mittelständischen Filmtheaterunternehmen begegnen kann. Denn ohne eine flächendeckende Lockerung der Kapazitätsauflagen, wirtschaftliche Hilfen und politische Rahmenbedingungen wird es alsbald keine Filme, keine Besucher und keine Kinos mehr geben.

Bricht das Rückgrat der deutschen Kinowirtschaft weg, was ohne weitere Unterstützung in weiten Teilen der Fall sein wird, wird nur noch ein kleiner Teil in der Nische überleben können. Schaffen Sie bitte die Voraussetzung dafür, dass wir auch weiterhin Vielfalt, Qualität und Wirtschaftlichkeit in der deutschen Kinolandschaft darstellen können.

Mit freundlichen Grüßen

Deutscher Kinomittelstand (der wegen der Kürze der Zeit nur einen Teil der Unternehmen (über 1.300 LW / ca. 40 % Marktanteil) zur Unterstützung zusammenführen konnte)

Die Unternehmerfamilien

Bode, Bresser, Brinkmann, Brunotte/Hebbel, Burmester, Closmann, Dunz, Ellmann, Esch/von Meerscheid, Ewert, Fläxl, Flebbe, Geiger, Glandorf, Griesser, Gschöpf, Haas, Hartung, Höfer, Holl, Hüsch/Leicher, Jaeger, Kemme/Gläser, Kieft/Pawlowski, Lehmann, Lochmann, Martin, Maurer, Meier, Mertins/Sundarp, Michel, Muckli, Müscher, Negele, Nennmann/Thies & Thies, Nieuwdorp, Ostertag, Oude, Kotte, Pannenbecker, Presse/Weiss/Gornowitz, Rabe, Reck, Riech, Rißmann, Rusch, Rüttgers, Sailer, Sawatzki, Schäfer, Schäfers, Scheele, Schlinker, Schrick, Schultz, Schweikart, Spickert, Strassenburg, Stürtz, Theile, Thomas, Thomsen, Thye, Thyen, Turowskiv, Fehrn- Stender, Vesper, Weber, Wildmann