Festival

Urs Spörri zu Heimat Europa: "Austausch vor Ort"

Am 9. August starteten die Heimat Europa Filmfeststspiele in Simmern. Blickpunkt:Film sprach mit Festivalleiter Urs Spörri über die Herausforderung, ein Festival in Zeiten von Corona über vier Wochen nur im Kino auf die Beine zu stellen und die Besonderheit des Festivals im Hunsrück.

12.08.2020 09:42 • von Heike Angermaier
Urs Spörri (Bild: Sophie Schüler)

Am 9. August starteten die Heimat Europa Filmfeststspiele in Simmern. Blickpunkt:Film sprach mit Festivalleiter Urs Spörri über die Herausforderung, ein Festival in Zeiten von Corona über vier Wochen nur im Kino auf die Beine zu stellen und die Besonderheit des Festivals im Hunsrück.

Einige Festivals gingen ob der Corona-Pandemie ins Netz, entschieden sich für ein Hybridmodell oder strichen die Ausgabe 2020. Was war ihre erste Reaktion?

Urs Spörri: Meine erste Reaktion war, wir müssen auf Veranstaltungen in geschlossenen Räumen verzichten! Wir wollen auf keinen Fall online gehen, auch das Hybridmodell sehen wir kritisch. Für uns bedeutet Filmfestival im Kern der Austausch der Menschen mit den Filmemachern vor Ort. Wir sagten bewusst, wir gehen ins Risiko und versuchen ein Festival im Rahmen der Möglichkeiten. Und das bedeutete Autokino und Open Air. Wir verabschiedeten uns vom schon fertigen Programm und fokussierten uns auf Deutschland. Wir griffen "Urlaub zu Hause" als Thema auf, schicken die Zuschauer mit unserem Programm auf eine Weltreise im Kino. Ich zog auch Autokinoexperten als Ratgeber hinzu. So kam es zur Sonderreihe Auto-Kult-Filme. Wir besorgten uns rasch das bestmögliche Equipment, einen Christie-Projektor für eine 16-mal-8-Leinwand, der zwei Wochen später schon nicht mehr zu haben gewesen wäre. Reine Open-Air-Veranstaltungen waren wegen der Auflagen zu kompliziert in der Umsetzung. Nun sind wir in der glücklichen Lage, dass wir 350 Stühle vor die Autos stellen dürfen, d.h. die Gäste, die mit den Autos kommen, können das Konzert vor dem Film auch Open Air genießen. Ich bin sehr dankbar, dass wir so zumindest einen Hauch von Normalität versprühen und das Leben feiern können.

Wie haben sich die Umstellungen auf ihr Budget ausgewirkt?

US: Wir müssen das doppelte Budget für Technik und Infrastruktur ausgeben als ursprünglich geplant. Das fehlt an anderer Stelle, wir sind mehr auf Goodwill von Sponsoren und ehrenamtlichen Helfern, auch Sachleistungen angewiesen. Die meisten Partner, die wir angesprochen haben, gaben uns Sonderkonditionen. Außerdem schichteten wir auf ein einziges Kino um, das Pro-Winzkino in Simmern, das Ausrichter des Festivals ist. Seit 33 Jahren wird es auf genossenschaftlicher Basis von denselben neun Leuten betrieben. Sie engagieren sich enorm und betreten mit der Mischung aus Autokino und Open Air Neuland. Da kann ich nur den Hut ziehen. Eine Veranstaltung dieser Größe mit täglichem Programm ist auch unter normalen Umständen eine Herausforderung.

Wie wird das Programm angenommen, läuft der Ticketverkauf?

US: Wir haben das Pech, dass wir die ersten sind, die ein Live-Festival über vier Wochen anbieten. Die Leute sind vorsichtig, wollen sich sicher fühlen. Auf der anderen Seite sehnen sie sich nach etwas Neuem. Alle anderen Veranstaltungen in der großen Region wurden abgesagt. So werden uns die Programme aus den Händen gerissen. Wir haben fast ausverkaufte Veranstaltungen, aber über die gesamten vier Wochen läuft der Vorverkauf noch schleppend. Vor Corona hat es ja meist gereicht, sich am selben Abend Kinotickets zu holen.

Viele kennen das Festival noch nicht, das erst zum zweiten Mal stattfindet. Wie entstand das Festival?

US: Der Kultursommer des Landes Rheinland-Pfalz gab den Anstoß zur Gründung mit seinem letztjährigen Thema "Heimat" bzw. "Heimaten". Die Idee war, dass der Hunsrück als Heimat der "Heimat" mitmacht. Edgar Reitz ist "Übervater" der Region und Schirmherr des Festivals. Er drehte seine Film-Reihe über Jahrzehnte überall im Hunsrück, auch mit Laien, etliche Familien spielten oder halfen mit. Man mag sich fragen, braucht es ein weiteres Filmfestival? Dieses ja, denn hier in der Region wird kulturell sehr wenig geboten und mit der "Heimat"-Reihe identifizieren sich die Menschen. Gerade in einer Zeit, in der der Heimatbegriff von Rechts außen vereinnahmt wird, zeigen wir Heimat als etwas, das in der Kunst und bei ganz normalen Menschen "beheimatet" ist - und wir weiten den Begriff auf Europa aus.

Letztes Jahr stellten wir ein erstes, relativ improvisiertes Festival auf die Beine mit wenigen Veranstaltungen über den Sommer verteilt. Highlight war die Präsentation von Gundermann" und die vorherige musikalische Performance von Andreas Dresen und Alexander Scheer Die Idee des Festivals war auch, verschiedene Künste zu kombinieren.

Heimat Europa hat auch einen Wettbewerb...

US: ...mit einem sehr ungewöhnlichen Preis, dem Edgar. Er wird vor der Verleihung vor Publikum und Gewinner vom Schmied aus "Die andere Heimat" geschmiedet und wie Edgar Reitz' Goldpreis in Hof von nur einer Person und keiner mehrköpfigen Jury verliehen. Bei uns ist es Katja Riemann, die mit etwa Verdingbub" dem Heimatfilm verbunden ist. Wir haben auch zwei Kurzfilmwettbewerbe. Luise Befort ist Patin des Wettbewerbs für Kinder und Jugendliche, die Jury des Wettbewerbs der Erwachsenen besteht u.a. aus Vertreter*nnen der drei Kinos, die wegen Corona nicht spielen können.

Was ist Ihre Definition von Heimatfilm? Im Wettbewerb sind höchst unterschiedliche Filme versammelt, etwa "All I Never Wanted"?

US: In "All I Ever Wanted" geht es u.a. um den Clash von Stadt und Provinz, um den Verlust von Heimat. Ich stellte ganz allgemein fest, dass sich viele Filme aus dem städtischen Milieu entfernen, eher im ländlichen spielen. Dort werden die großen Themen der Weltgeschichte im Kleinen erzählt. Das ist ein Trend, der auch außerhalb Deutschlands zu spüren ist. Auch deswegen definierten wir das Filmfest als ein europäisches.

Wie geht es mit dem Festival in den nächsten Jahren weiter?

US: Ich sage ganz ehrlich, so wie es dieses Mal lief und läuft, will ich es nicht noch einmal machen! Es hat mich einige graue Haare gekostet, das Festival neu auf die Beine zu stellen in einer Region mit wenig Infrastruktur und das mit Coronaregeln, die sich jede Woche ändern.

Ich habe einen Auftrag über fünf Jahre. In den nächsten vier Jahren wird der Kultursommer Rheinland-Pfalz die vier Himmelsrichtungen von Europa beleuchten, dementsprechend wird auch der Schwerpunkt im Wettbewerb sein. Wir beginnen mit Nordeuropa.

Das Gespräch führte Heike Angermaier