Kino

"Kurz vor dem Abgrund"

Die Mehrheit der deutschen Kinos hat wieder geöffnet, doch die Zahlen sind noch weit von jeglicher wirtschaftlicher Erholung entfernt. Während sich nun alle Augen auf "Tenet" richten, sprachen wir mit der HDF-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg darüber, wie wichtig es ist, dass der Knoten Ende August wirklich platzt.

10.08.2020 11:57 • von Marc Mensch
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino (Bild: Mike Auerbach)

Wir hatten es schon an anderer Stelle geschrieben: Tenet" hat sich seinen Platz in der Kinogeschichte wohl bereits redlich verdient. Doch welche Hoffnungen sind mit dem ersten Tentpole-Start der Corona-Zeit tatsächlich verbunden - und welche Risiken? Und wo steht der deutsche Kinomarkt nach etlichen Wochen höchst überschaubarer Ergebnisse - und neuer Hiobsbotschaften? Wir sprachen darüber mit der HDF-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg.

Noch ein Hinweis: Das Interview wurde unmittelbar vor der Absage des Kinostarts von "Mulan" geführt. Ergänzend zu der Antwort auf eine kurzfristig nachgeschobene Frage sei auf das offizielle Statement des HDF verwiesen, das Sie hier finden.

BLICKPUNKT: FILM: Rund drei Monate sind vergangen, seit die ersten Kinos wieder öffnen durften, doch die Zahlen sind noch sehr weit von jeglicher Normalität entfernt. Wo steht der Markt auf der sprichwörtlichen "Road to Recovery"?

CHRISTINE BERG: Die Zahlen sind in der Tat noch katastrophal. Wir sprechen derzeit von Umsatzeinbrüchen um rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum - ohne dass man schon eine wirkliche Erholung ausmachen könnte. Von einer Genesung kann noch keine Rede sein, allenfalls von einem Wechsel der Symptome. Damit die Motivation nicht noch weiter sinkt, müssen wir das Krisenmanagement noch weiter verbessern und die unzureichende Kommunikation in den Griff bekommen.

BF: Können Sie dennoch ein Licht am Ende des Tunnels erkennen?

BERG: Ich kann den Lichtblick sogar ganz klar benennen - er lautet "Tenet". Nach zermürbenden Wochen wiederholter Verschiebungen ist das nun der erste ganz große Film, der verlässlich kommt. Womit ich keineswegs schmälern will, was andere Partner bereits getan haben. Wir müssen ganz grundsätzlich den Mut all jener Verleiher anerkennen, die schon in den vergangenen Wochen mit Neustarts für das Publikum da waren. Und auch in den nächsten Wochen gibt es viele vielsprechende Filmstarts. Filme wie After Truth", "The King´s Man", Wonder Woman 1984", Drachenreiter", Es ist zu deinem Besten" haben ein klares Zielpublikum und werden von den Kinos sehnlichst erwartet.

BF: Wobei es vor allem im Familiensegment durchaus schon Programm gab - beispielhaft seien Meine Freundin Conni" oder im AC-Segment Paw Patrol: Mighty Pups" genannt - das bewies, wie sehr sich ein Start trotz aller Einschränkungen schon lohnen kann.

BERG: Auf jeden Fall - und diese Lichtblicke, diese Filme, die ein gewisses Potenzial schon jetzt ausschöpfen - sind enorm wichtig. Zumal es im Sinne der gesamten Branche nicht nur darum geht, in welchem Ausmaß sich ein Start im Einzelfall wirtschaftlich lohnt. Es geht darum, überhaupt wieder ein Fundament zu schaffen, das klare Signal auszusenden: Kino ist wieder da! Wir befinden uns in einer Situation, in der es drei primäre Problemfelder gibt, die sich gegenseitig beeinflussen: die Abstandsregeln, der Mangel an Neustarts und die fehlende Sichtbarkeit beim Publikum. Dessen Vertrauen können wir nicht von heute auf morgen wiedererlangen. Niemand hat erwartet, dass wir gleich wieder mit großen Blockbustern starten können - und Filme wie zum Beispiel eben "Meine Freundin Conni" spielen eine wichtige Rolle. Aber wir können nicht mehr länger auf Blockbuster, die ja auch andere Filme mitziehen, verzichten, wenn geöffnete Häuser kein Minusgeschäft sein sollen.

BF: Sie haben die Abstandsregeln als Grundproblem angesprochen. Weshalb ist die Frage der Kapazitäten schon jetzt so entscheidend, obwohl die verfügbaren Plätze noch kaum ausgelastet sind?

BERG: Es hat durchaus schon Veranstaltungen gegeben, für die man wesentlich mehr Tickets hätte verkaufen können, als es aktuell möglich ist. Aber es geht vor allem darum, jetzt ein klares Signal zu setzen - für die Verleiher, für die großen Filme. Denn wir müssen jetzt so schnell wie möglich nach vorne kommen - und wir brauchen auch programmatische Perspektiven. Dass man Tenet dort wo es möglich ist, in x Sälen parallel spielen wird, steht außer Frage, aber das ist keine dauerhafte Lösung. Ich weiß nicht, ob allen klar ist, wie prekär die Situation ist. Wir stehen buchstäblich kurz vor dem Abgrund. Wir brauchen jetzt Signale, dass neue Filme kommen, dass sie eher früher als später kommen. Dann kommt auch das Publikum wieder - anders werden wir es nicht zurückgewinnen.

BF: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die öffentlichkeitswirksam verbreitete Forderung nach einer Reduzierung des Mindestabstandes den Kinos als leichtfertiger Umgang mit dem Gesundheitsschutz aus rein wirtschaftlichen Gründen angekreidet werden könnte?

BERG: Uns ist klar, dass es ein schmaler Grat ist, aber letzten Endes sollte jedem klar sein, dass der Schutz von Gästen und Mitarbeitern den Kinos per se nicht egal sein kann. Im Gegenteil. Wir sind in einer Situation, in der jeder Einzelne mit dafür Verantwortung trägt, dass die Pandemie nicht wieder voll ausbricht. Denn das wäre verheerend - gerade auch für jene Unternehmen, für deren Betrieb dies unmittelbare Folgen hätten. Es ist absolut nicht im Interesse der Kinos, irgendwelche Kompromisse bei den Schutzmaßnahmen einzugehen. Und ich denke, das haben wir schon über die vergangenen Monate bewiesen, nicht zuletzt mit ausgeklügelten Konzepten und deren strikter Befolgung. Tatsächlich sind wir als HDF meines Wissens der einzige Verband weltweit, der eine eigene Studie in Auftrag gegeben hat, um eine Basis für eine solche Forderung zu schaffen. Eine Studie, die jetzt weltweit angefragt wird. Lassen Sie uns zudem nicht vergessen: Wir sprechen von der Forderung nach einer Regelung, wie sie in anderen Ländern, darunter in Frankreich, Österreich und der Schweiz, längst praktiziert wird - und in ähnlicher Form auch in den ersten Bundesländern.

BF: Wurde denn während des gesamten Verlaufs der Pandemie schon irgendwann einmal ein Kino als Infektionsherd identifiziert?

BERG: Unseres Wissens nach nicht. Selbst in dem einen deutschen Kino, in dem sich in der Frühphase der Pandemie und noch vor den Schließungsanordnungen nachweislich ein infizierter Gast aufgehalten hatte, war es nicht zu Ansteckungen gekommen. Ich möchte gerne wiederholen: Wenn wir ein Risiko in einem geringeren Mindestabstand im Saal sähen, würden wir ihn nicht fordern. Dasselbe gilt für Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die sich schon mehrfach öffentlich hinter dieses Anliegen gestellt hat. Dass sehr genau geprüft wird, finden wir absolut in Ordnung. Aber wir fangen schon an, uns zu fragen, wieso man den Schritt nicht bundesweit gehen kann, obwohl gerade in den Kinos nachweislich alles getan werden kann, um das Risiko auf das Minimalste zu reduzieren. Nordrhein-Westfalen und Sachsen haben es schließlich vorgemacht und wir hoffen sehr, dass die erfreuliche Entscheidung des Berliner Senats nun Signalwirkung für die Branche entfaltet.

BF: Würden Sie sich aber auch unabhängig von der Kapazitätsfrage mehr Mut bei der Herausbringung insbesondere deutscher und europäischer Filme wünschen?

BERG: Ja, selbstverständlich, vor allem was die geförderten Filme anbelangt. In diesem Zusammenhang würde ich mir auch wünschen, dass man zu einem viel stärkeren und intensiveren Dialog innerhalb der Branche findet. Weshalb gibt es denn zum Beispiel keine digitalen Tradeshows? Als HDF stecken wir viel Energie in den Dialog, wir veranstalten regelmäßige Videokonferenzen, zu denen wir auch Verleiher und Förderer einladen. Aber das müsste man alles noch auf eine ganz andere Ebene hieven - denn es herrscht völlige Verunsicherung, Ratlosigkeit auf allen Seiten. Wir müssen es schaffen, uns gegenseitig besser zu informieren, gemeinsam zu überlegen, wie man am besten mit den Bedingungen umgeht. Da findet meiner Ansicht nach noch kein ausreichender Austausch statt.

BF: Wäre es nicht sinnvoll, einen Förderanreiz für vorgezogene Starts zu setzen?

BERG: Wir haben uns schon frühzeitig bei BKM und FFA massiv dafür eingesetzt, die Verleihförderung für deutsche Filme zu erhöhen - was ja nun Ende Juli seitens der BKM auch umgesetzt wurde. Denn es ist tatsächlich wichtig, die Verleiher jetzt zu stärken, ihr Risiko nach Möglichkeit zu minimieren, damit sie in die Lage versetzt werden, ihre großen deutschen und europäischen Filme nicht mehr auf die lange Bank zu schieben. Denn das ist die einzige Möglichkeit, überhaupt an attraktives Programm zu kommen, solange über Blockbuster-Starts noch vorwiegend der teils noch völlig instabile Weltmarkt entscheidet. Soweit Verleiher weitergehende Forderungen und Ideen haben, muss man diese rechtzeitig platzieren, muss dafür kämpfen - wie es ja zum Beispiel auch die Produzenten für ihren Ausfallfonds tun.

BF: Wie wichtig ist denn das Signal, das mit "Tenet" gesetzt wurde?

BERG: Immens wichtig. Zum einen ist "Tenet" per se ein Titel, der ein Millionenpublikum anziehen kann, also genau die Art von Film, die wir so dringend brauchen. Zum anderen kann der Mut, jetzt rauszugehen, nicht zuerst in den USA zu starten, nicht zu warten, bis der Heimatmarkt wieder auf Kurs ist, das entscheidende Signal für viele andere Filme, für viele andere Verleiher sein. Selbstverständlich wird sehr genau beobachtet werden, wie sich "Tenet" in diesem Umfeld schlägt. Und die Hoffnung ist natürlich, dass im Erfolgsfall nachgezogen wird. Nicht umsonst haben wir unsere Mitglieder dafür sensibilisiert, wie immens wichtig es ist, den Film bestmöglich zu begleiten; alles zu tun, um unter Beweis zu stellen, dass Erfolg möglich ist - damit sich die Startlisten schon bald wieder füllen.

BF: Nun ist das natürlich ein zweischneidiges Schwert. Denn wenn der Film die Erwartungen nicht erfüllt...

BERG: Darüber will ich aktuell gar nicht nachdenken. Ich glaube an die Macht des Kinos, an seinen Reiz - und ich glaube an diesen Film. Wenn wir dahinterstehen, wenn wir Präsenz zeigen, haben wir eine echte Chance, einen ganz entscheidenden Schritt voranzukommen. Diese Chance gilt es zu ergreifen, das ist alternativlos. Natürlich könnte uns die Politik sehr unterstützen, wenn man - wie bereits ausgeführt - die Rahmenbedingungen rechtzeitig anpassen würde.

BF: Wie schwer wiegt der Schlag, dass "Mulan" den deutschen Kinos verwehrt bleibt?

BERG: Erst einmal natürlich sehr schwer, schließlich war dieser Film einer der Blockbuster, in die wir unsere Hoffnungen im Herbst gesetzt hatten. Allerdings nehmen wir Walt Disney gerne beim Wort, wenn man dort davon spricht, dass es sich um eine einmalige Ausnahme handelt, die keinen Strategiewechsel signalisiert. Disney stand bislang fest hinter der Kinoauswertung und dem Leinwanderlebnis - und wir gehen davon aus, dass dies auch für die künftigen Starts wieder gilt. Einstweilen müssen wir diesen Schlag hinnehmen, hoffen aber nun umso mehr, dass die Reformen beim Mindestabstand andere Verleiher zu vorgezogenen Starts bewegen.

BF: Dass die Pandemie auch Geschäftsmodelle nicht unberührt lassen würde, stand zumindest immer im Raum. Nun haben AMC und Universal eine Vereinbarung getroffen, die tatsächlich als "game changer" gehandelt wird. Fällt das Kinofenster nun?

BERG: Ich finde die Frage zu pauschal. Betrachten wir doch erst einmal ganz nüchtern die Fakten. Es gibt einen Vertrag, der nur für die USA gilt, nicht für Europa, nicht für Deutschland. Hierzulande haben wir für geförderte Filme den Schutz des FFG, in Frankreich wiederum gelten strikte Fensterregeln für alle Filme. Und auch in den USA muss man erst einmal sehen, wie andere große Ketten reagieren, Regal-Eigentümer Cineworld hat sich ja zunächst einmal sehr klar ablehnend positioniert.

BF: Aber Gedanken über die Bewertung eines solchen Modells muss man sich ja schon gemacht haben.

BERG: Die Position des HDF ist nach wie vor, dass eine Auflösung des exklusiven Auswertungsfensters einen massiven Angriff auf das Kino darstellt - und damit letztlich auf die gesamte Filmbranche. Denn das Kino ist nach wie vor die Lokomotive. Das wird gerne verkannt, dass Alle vom Kino profitieren.

BF: Dass sich der US-Kinoverband NATO in dieser Frage zunächst mit keinem Wort geäußert hat, ist ja durchaus auffällig. Droht dem HDF hier über die deutsche AMC-Tochter UCI nicht ein ähnlicher Interessenkonflikt?

BERG: Ich kann nicht sagen, weshalb sich die NATO nicht geäußert hat und möchte mich auch nicht an Spekulationen beteiligen. Grundsätzlich müssen wir doch ehrlich feststellen: Wir fahren in der aktuellen Situation in allen Belangen auf Sicht. Hilfreich ist eine Debatte in der jetzigen Situation kaum, denn momentan ist unsere vorderste Aufgabe, das Vertrauen des Publikums wiederzugewinnen. Und daran können wir in Deutschland zumindest arbeiten, während in den wichtigsten US-Märkten ja keinerlei Perspektive zu erkennen ist. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass es auch den Verleihern darum gehen muss und wird, dem Kino auch in Zukunft seinen Platz zu lassen - und das nicht nur als Museum.

BF: Einstweilen ist das Kino in Deutschland wieder da - aber die Botschaft wurde noch nicht wirklich konzertiert verbreitet.

BERG: Das gilt für ganz Europa, allenfalls mit Ausnahme von Frankreich. Es hängt letztlich mit mehreren Dingen zusammen: Dem unkoordinierten Wiedereröffnungsprozess, den eingeschränkten Kapazitäten, den fehlenden Neustarts. Konzertierte Maßnahmen würden aktuell einfach verpuffen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir tun aktuell alles in unserer Macht stehende, um das Publikum langsam wieder an das Kino heranzuführen. Der große Aufschlag wird kommen. So viel ist sicher.

Das Gespräch führte Marc Mensch