Kino

"Wir verstehen, was sie getan haben"

Anlässlich der Bekanntgabe der Bilanz des "herausfordernsten Quartals in der 100jährigen Geschichte" bewarb AMC-CEO Adam Aron nicht nur die mit Universal getroffene Vereinbarung, obwohl man in Modellrechnungen selbst von Kannibalisierungseffekten ausgeht. Er verteidigte auch die Entscheidung von Disney, "Mulan" in vielen Teilen der Welt nicht in die Kinos zu bringen. Letzteres bestätige den Kurs von AMC nur.

07.08.2020 09:21 • von Marc Mensch
Laut AMC-CEO Adam Aron ließen die aktuellen Marktregeln Disney kaum eine Wahl (Bild: Frederic J. Brown/AFP/Getty Images)

Es waren selbstverständlich katastrophale Zahlen, die AMC für ein Quartal bilanzierte, über dessen komplette Länge hinweg der Löwenanteil seiner rund 1000 Kinos weltweit geschlossen war. CEO Adam Aron sprach vom "herausforderndsten Quartal in der 100jährigen Geschichte" - angesichts eines Einbruchs der Umsätze um 98,7 Prozent von rund 1,5 Mrd. Dollar im Vorjahreszeitraum auf nur noch 18,9 Mio. Dollar. Aus einem Gewinn von 49 Mio. Dollar wurden Verluste in Höhe von ganzen 561 Mio. Dollar.

Aron hob jedoch die bereits getroffenen Maßnahmen hervor, mit denen man AMC durch die Krise steuern will, darunter eine jüngst abgeschlosse Restrukturierung der massiven Verbindlichkeiten, die unter Anteilseignern zwar alles andere als unumstritten war (und sich bis zu ihrer Finalisierung über Monate zog), letztlich aber doch erfolgreich abgeschlossen werden konnte und der Kette es nun laut Aron ermöglicht, auch eine bis ins Jahr 2021 hinein andauernde weltweite Schließung sämtlicher Kinos der Kette zu überstehen - was allerdings schon deshalb hypothetisch sei, weil man bis Ende Juli bereits mehr als 130 Kinos in Europa und dem Mittleren Osten wiedereröffnet habe und erwarte, mit rund zwei Dritteln der Häuser in den USA bis Ende August folgen zu können. Zwar seien die Zahlen derzeit noch sehr überschaubar, was vor allem auf den primären Einsatz von Repertoire zurückzuführen sei, allerdings gebe es bereits dort sehr positive Signale, wo neuer Content zum Einsatz komme.

Mit Blick in die Zukunft hob Aron nicht zuletzt das "wegweisende" Abkommen mit Universal hervor, das dafür sorge, dass AMC Umsatz generiere, ganz gleich, ob die Konsumenten Filme nun auf der Leinwand oder von ihrer Couch aus sehen würden. Aron betonte erneut, dass man bereits in Verhandlungen mit anderen Studios stehe, um ihr Interesse an ähnlichen Abkommen auszuloten. "AMC ist ein Innovator und wir begrüßen jeden Wandel, den wir als gewinnbringend für unsere Anteilseigner erachten."

Details zu den Konditionen nannte Aron zwar nicht, er sprach allerdings von einem "nennenswerten Anteil", den AMC an den PVoD-Umsätzen erhalte. Und er machte dabei vor allem deutlich, dass die Kinokette durchaus davon ausgeht, dass das Modell Konsumenten aus den Sälen ziehen wird. "Wir haben Modellrechnungen mit hohen Kannibalisierungsraten angestellt und selbst bei diesen stehen wir unter dem Strich gut da. Wir haben das Modell sehr sorgfältig erstellt, haben einen enormen Analyseaufwand betrieben und sind sicher, dass wir damit die Nase vorne haben", so Aron. Beim Analystengespräch anlässlich der Quartalsbilanz verlieh Aron erneut der Hoffnung Ausdruck, dass das Modell auch zu einer Zunahme bei der Produktion von Kinofilmen führen würde - obwohl Jeff Shell als CEO von NBCUniversal dieser Erwartung schon eher eine Absage erteilt hatte.

Besonders gespannt durfte man darauf sein, was Aron zur Entscheidung von Walt Disney sagen würde, "Mulan" unter anderem in den USA nicht in die Kinos zu bringen - immerhin war dieser Film neben Tenet" von AMC selbst wiederholt als ein Titel genannt worden, der das Timing bei der Wiedereröffnung der Kinos bestimmen würde. Und die Antwort könnte tatsächlich überraschen:

"Sie nehmen vielleicht an, dass ich darüber enttäuscht bin, dass uns 'Mulan' durch die Lappen geht, aber AMC hat keinen größeren Freund als Disney. Sie haben uns im vergangenen Jahr mit mehr Content versorgt als jedes andere Studio - und wir werden weiterhin gemeinsam gedeihen", so Aron. "Disney hat gerade seine Zahlen vorgestellt - und man steht dort ebenso unter Zwang wie wir bei AMC. Sie stehen ebenfalls unter Druck und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie Teile ihrer Slate monetarisieren müssen. Wir werden von Disney-Titeln profitieren, egal ob mit oder ohne 'Mulan'. Wir verstehen, was sie getan haben", so Aron.

Der AMC-Chef beließ es jedoch nicht dabei - sondern er machte letztlich die traditionellen Strukturen in der Kinoindustrie für das jetzige Szenario mitverantwortlich: "Unsere Reaktion auf die Ankündigung zu 'Mulan' ist vor allem, dass wir sehen, wir sehr sie unsere weisen Entscheidungen von vergangener Woche bestätigt - jene, das Risiko (An anderer Stelle erklärte Aron, die letztlich getroffene Vereinbarung schließe ein Risiko quasi aus, Anm.d.Red.) einzugehen und sich PVoD zu öffnen. Denn unter den aktuellen Marktregeln hatte Disney nur die Wahl, den Film in die Kinos oder in die Wohnzimmer zu bringen. Sie konnten nicht beides gleichzeitig tun. Mit einem PVoD-Modell wäre letzteres - wenn auch eben mit 17-tägiger Verzögerung - möglich gewesen. Wir würden ihnen künftig gerne die Gelegenheit geben, sich für beide Wege entscheiden zu können. Einige unserer Mitbewerber haben Angst vor dieser Veränderung - und Veränderung ist etwas, womit Manche schwer umgehen können."