Kino

KOMMENTAR: Streamer first!?

Streamingangebote erleben einen Boom in diesen Tagen. Die Zuwächse, die Netflix oder Prime in der Coronakrise verzeichnen, sind für die Konkurrenz entmutigend. Dass nun auch "Mulan" bei Disney+ Premiere feiert, ist für die Kinos ein neuer Nackenschlag.

06.08.2020 07:53 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Streamingangebote erleben einen Boom in diesen Tagen. Die Zuwächse, die Netflix oder Prime in der Coronakrise verzeichnen, sind für die Konkurrenz entmutigend. Dass nun auch "Mulan" bei Disney+ Premiere feiert, ist für die Kinos ein neuer Nackenschlag. Man musste weder Analyst noch Hellseher sein, um die Streamer als Krisengewinner während des weltweiten Lockdowns auszumachen. Mit ihren globalen Angeboten werden sie nicht nur immer stärker Anlaufpunkt für alle daheim Eingesperrten und solche, die sich dort sicherer fühlen und nach Abwechslung und Unterhaltung suchen. Sie erweisen sich mit ihren schönen Umsatzzuwächsen auch als potente Auftraggeber für die darbende Produktionslandschaft. In den letzten Monaten ist kaum ein Tag vergangen, an dem nicht ein Hollywoodstar oder -studio neue Exklusivdeals mit einem der Global Player über neue Serien oder multimillionenschwere Filmproduktionen verkündete. Gleichzeitig mussten die von Schließungen betroffenen Kinobetreiber stumm vor Ärger zusehen, wie ein mittlerer bis großer Kinofilm nach dem anderen ins exklusive Programm der Streamer wanderte.

Dass gerade Hollywoods Majors die ursprünglich als Konkurrenz ausgemachten Streamer so freundlich mit ihren besten Stücken päppeln würden, das hatte man sich vor Corona auch nicht so ausgemalt. Inzwischen veranstalten die Majors selbst Streamingdienste oder planen es zumindest.

Der direkte Kundenkontakt dabei ist Goldes wert, eine weltweite Nutzer- oder Abonnentenbasis aufzubauen, verspricht ganz neue Umsatzdimensionen. Die Kinos sind gerade nicht in der besten Verhandlungsposition. Ihre hartnäckige Weigerung, sich flexibleren Lösungen in einem immer stärker digital geprägten Programmvertriebsmarkt zu öffnen, zahlt sich nicht aus. Dass auch Unterhaltungsgiganten wie Disney in den letzten Monaten Milliarden Dollar an Umsatz eingebüsst haben, erklärt natürlich, dass man auch dort händeringend nach Alternativen bei der Auswertung sucht. Dass "Mulan" als Premium-VoD Ausnahme bleiben soll, mag nicht so recht beruhigen.

Wenn nur zehn oder 20 Prozent der stattlichen Abobasis von Disney+ den Film für 30 Dollar streamen, nimmt Disney bald so viel ein, wie man am weltweiten Boxoffice verdienen hätte können. Nur die Kinos hätten dann mitverdienen können. Schon muss man fürchten, dass es längst nicht mehr darum geht, die Filme, die die üblicherweise gewährten Auswertungsfenster nicht respektieren, zu boykottieren, sondern dass man sie nicht mal mehr wie weiland bei Netflix kurz vorab oder mit abspielen darf. Der Fenstersturz von Universal mit AMC ist da nur ein weiteres Zeichen an der Wand. Wenn nun das Beispiel "Mulan" und nicht das von Warner und Tenet" Schule macht, dann kommen schwere Zeiten auf die Kinos zu. Als wären die Zeiten durch Corona nicht schon schwer genug.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur