Kino

Leserbrief: "Vom Branchen-Sinn und Unsinn"

Auf die Vereinbarung von AMC und Universal, dass Filme nur noch 17 Tage lang in den AMC-Kinos gezeigt werden müssen und dann von Universal auf PVoD-Plattformen ausgewertet werden können, hat Annegret Eppler, Betreiberin des Universum-Filmtheater in Backnang, mit einem Leserbrief reagiert.

05.08.2020 12:42 • von Jochen Müller
Annegret Eppler (Bild: privat)

Die Entwicklung auf dem Film- und Kino-Markt scheint derzeit kopflos und ohne Zukunftsstrategie. Wir können verstehen, dass hochwertige Produkte, die viel Geld gekostet haben, auch zeitnah Rückführungen leisten können müssen. Doch sind Schnellschüsse selten auf Dauer tragfähig.

Da gibt es nun u.a. einen Deal einer großen Verleihfirma mit einer großen amerikanischen Kinokette und gepriesen wird das Ganze als zukunftsweisend.

Weitere Verleiher planen, Filme nicht zuerst ins Kino sondern direkt ins Streaming zu geben. Ein Erfolg eines vorangegangenen Streifens wird gern als Grund angegeben.

Hier stecken die Denkfehler jedoch so offensichtlich im Detail, dass nicht nur den Kinobetreibern sondern einer ganzen Branche und auch den Medien, Besuchern, Städten und Landkreisen Angst und Bange werden könnte.

Auf ein tolles Streamingergebnis eines in der Corona-Zeit gestarteten Films zu verweisen ist so, als wenn man das Ergebnis eines Versuchs in der Schwerelosigkeit im All 1:1 auf ein Gebiet überträgt, in der die Erdanziehungskraft voll greift. Denn in einer Zeit, in der außer Streaming nahezu nichts möglich war, ist der einzige "höherwertige", weil als "Kino"-Film vorbereitete Streifen auch gleichzeitig das einzige Highlight für Viele gewesen (Trolls"). Eine Situation also wie im klinischen Testlabor ohne äußere weitere "Stör"-Einflüsse.

Zudem hatte dieser Film eben auch hochwertige Kino-Vorbereitung durch Trailering auf der Großleinwand, Plakatierung und weiteren Werbe-Einsatz der Kinos. Dieser wurde übrigens als Vorbereitung gern genutzt. Als (bislang!) unbezahlte Reklame.

Wer das Kino grundsätzlich für verzichtbar hält, streiche bitte umgehend auch das gleichnamige Wort aus seinem kompletten Sprach- und Werbegebrauch. Wahres "Kino" gibt es schließlich nur im "Kino".

Erst wenn zudem die Begrifflichkeit "ganz großer Streamingdienst" den viel - und ausschließlich im positiven Sinn - genutzten Begriff "ganz großes Kino" zu ersetzen vermag, ist dieser vielleicht auch in der allgemeinen Wahrnehmung im Ansatz zu vergleichen. KINO ist eben deutlich mehr als "nur" FILM. Man braucht auch nicht mehr für "eine große Leinwand" zu drehen, wenn selbige ausgestorben ist.

Und: in welche Etablissements führen denn rote Teppiche, auf denen alle gesehen werden möchten (und von denen auch 1000e Meldungen und Medien abhängig sind)?

In eine Screening-Halle mit Bildschirmen, Handys und Tablets?

Eine KINO-Auswertung ist keine Konkurrenz zu später einsetzenden Streamingdiensten sondern die Lokomotive, die die nachfolgenden Waggons (VoD, Streaming, Fernsehen, Berichterstattungen über Kultur sowie über Stars und Sternchen, Presse, Fotografen...) überhaupt erst in Schwung und Gang bringt. Und zwar auf einem großen und breiten Gleis, nicht auf 1000 Nebenstrecken, die sich unterwegs gar in die Quere kommen und zudem Zusammenstöße und Blockaden riskieren. Man könnte diesen Satz als vermessen betrachten, wenn nicht die Wahrnehmung eines als Kino-Films angekündigten Streifens immer noch eine ungleich andere wäre als die eines VoD-Contents.

Das große Gleis kann auch mit großen, sichtbaren Schildern in Städten, Bahnhöfen und auf der Strecke beworben werden. EIN Fahrplan ist zu beachten. Jede Maßnahme, die die Lokomotive befeuert, wirkt direkt auch auf die Waggons. Netterweise auf den ersten ebenso wie auf den letzten. Je stärker die Lokomotive, umso mehr Waggons können gezogen werden.

Die Waggons abzukoppeln, eine eigene Nebenstrecke zu bauen und zusätzlich zum Wagen einen Triebwagen sowie einen eigenen Fahrplan mit dazugehörender Kommunikation zu betreiben, ist ein Luxus, den man sich nicht nur kurzfristig leisten können muss und der nur so lange funktioniert, bis ein anderes Gleis nicht besser oder schneller ausgebaut wird und die Gäste wieder umsteigen. So lange sie dazu überhaupt noch Lust haben. Denn die Fahrpläne auf den vielen Wegstrecken werden immer undurchsichtiger werden.

So schau, dass Du Dich nicht verrennst, wenn Du die LOK vom Wagen trennst!!!

Schöne Grüße von Annegret Eppler, die sich bei dieser Gelegenheit bei Warner bedankt, die mit Tenet" ab dem 26.08. die Lokomotive befeuert.