Kino

"Wirtschaftlichkeit wiederherstellen"

In einem Analystengespräch hat sich der CEO von NBC Universal ausführlich zu der mit AMC geschlossenen Auswertungsvereinbarung sowie ihren potenziellen Folgen geäußert - dabei aber auch Erwartungen von AMC relativiert. Kurzfristig könne ein solcher Deal die Terminierung von Neustarts in der Krisenzeit deutlich beschleunigen.

30.07.2020 18:28 • von Marc Mensch
AMC soll US-Medienberichten zufolge versuchen, auch mit anderen Studios vergleichbare Abkommen zu schließen (Bild: Frederic J. Brown/AFP/Getty Images)

Was genau die Vereinbarung zwischen AMC und Universal über die Möglichkeit, Kinofilme schon nach 17 Tagen Leinwandexklusivität in die PVoD-Auswertung (unter Beteiligung der Kette an den Einnahmen) zu holen, konkret für die Branche bedeutet, ist aktuell natürlich Gegenstand diverser Spekulationen - und selbstverständlich vor allem auch davon abhängig, welche Studios und welche Ketten in welcher Form nachziehen. Grundsätzlich ist das Interesse der Studios an flexibleren Modellen erheblich, wie es gerade in der Phase des Lockdowns diverse Male betont wurde - oft von Konzernmüttern wie Comcast, ViacomCBS oder AT&T. Nicht umsonst gilt Walt Disney unter Analysten als Sonderfall - und derzeit noch als ernsthafte Ausnahme, wenn es um einen Strategiewechsel geht.

Umso gespannter durfte man sein, welche Informationen das heutige Analystengespräch zu den Quartalsergebnissen von Universal-Mutter Comcast bereithalten würde - und tatsächlich äußerte sich Jeff Shell als CEO von NBC Universal (seine Äußerungen gegenüber dem Wall Street Journal hatten im April zunächst zur Boykottdrohung von AMC geführt) sehr ausführlich zu dem Modell, seinen potenziellen Folgen - und auch ein wenig zu den Rahmenbedingungen.

Seine ganz grundsätzliche Aussage: "Wir sprechen von einer Ergänzung, nicht von einem Ersatz für eine solide Kinoauswertung." Dennoch fußt das Modell nicht zuletzt auf der von Shell geäußerten Überzeugung, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung dem Kino verloren geht. "Die gemeinsam mit AMC gefundene Struktur erlaubt es uns weiterhin, jene Leute anzusprechen, die ins Kino gehen; nun aber auch die sehr große Gruppe der Konsumenten, die nicht mehr ins Kino, sondern nur noch auf SVoD-Plattformen gehen - und das innerhalb desselben Marketingfensters." (Anmerken könnte man, dass laut der MPA im vergangenen Jahr gerade einmal ein Viertel der Bevölkerung Nordamerikas tatsächlich zu den Kinoabstinenten zählte.). Man erschließe sich damit eine zusätzliche Umsatzquelle, erlaube es AMC sowie (potenziell, Anm.d.Red.) anderen Betreibern, ein wenig daran zu partizipieren und bewahre gleichzeitig das Kinofenster, welches eine "kritische Rolle" für das Filmgeschäft einnehme.

Ob man bei einer Reduzierung von 75 auf 17 Tage von einer "Bewahrung" sprechen kann, sei einmal dahingestellt. Und was unter "ein wenig" partizipieren zu verstehen ist? Diesbezüglich gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, allerdings spekulieren US-Medien, dass sich der Deal mit Universal in etwa in jenem Rahmen bewegt, den AMC bereits auch anderen Studios angeboten haben soll: Demnach würde die Kette fordern, mit 20 Prozent an den PVoD-Einnahmen beteiligt zu werden, während die Verleihmiete um zwei Prozentpunkte sinken würde. Aber wie gesagt: Es handelt sich um Spekulationen.

Interessant ist auch, dass AMC in seiner vorgestrigen Mitteilung der Erwartung Ausdruck verliehen hatte, dass das Modell nicht nur für mehr Profitabilität der Filme sorgen werde - sondern in der Folge auch dafür, dass mehr Kinofilme produziert würden. Shell hingegen sieht die potenziellen Zusatzeinnahmen vorwiegend als Kompensation für wegbrechende Umsätze. "In den vergangenen Jahren wurde es zunehmend schwierig, innerhalb der ersten Auswertungsstufen dieselben Erlöse zu erzielen. Wir glauben daran, dass das neue Modell in den USA die Wirtschaftlichkeit zu einem gewissen Grad wiederherstellt. Wahrscheinlich wird das nicht zu mehr Filmen führen, aber doch dazu, das Produktionsniveau aufrecht zu erhalten."

Shell verwies indes auch auf mögliche kurzfristige Auswertungen der Vereinbarung - die in der Tat beide Seiten bis zu einem gewissen Grad vor unvorhergesehenen Entwicklungen (wie einem neuen Lockdown) bei der Herausbringung absichert. "Wir stehen im Kinogeschäft derzeit vor einem Henne-Ei-Problem", so Shell, "und wir sind überzeugt davon, dass es dieses Modell erlaubt, Filme sehr viel schneller wieder in die Kinos zu bringen, als es ansonsten unter den gegebenen Umständen möglich wäre."

Ein wesentlicher Punkt: Shell betrachtet die 17-Tage-Regelung nicht als Universallösung bei der Filmherausbringung, dieses Fenster sei nur das Minimum. In diesem Sinne hatten sich schon zuvor Analysten geäußert: Dass das Fenster von 75 auf 17 Tage geschrumpft werden könne, bedeute natürlich nicht, dass dies zwangsweise zum Regelfall werde, hatte schon unmittelbar nach bekanntwerden des Deals Eric Wold (B. Riley FBR) festgestellt. "Diese Interpretation wäre aus aus unserer Sicht zu naiv", so Wold. Er geht vielmehr davon aus, dass die Möglichkeit, Filme individuell zu behandeln, etwas sei, woran auch AMC bereits seit geraumer Zeit gearbeitet habe. Dafür spräche durchaus auch, dass sich AMC mit dem Launch seines eigenen VoD-Angebots bereits für die direkte Teilnahme an PVoD-Offerten fit gemacht haben könnte.

Generell lässt sich auch kein direkter Vergleich zwischen dem Modell von Trolls World Tour" und der jetzt gefundenen Vereinbarung ziehen. Zwar gibt es praktisch keinen Zweifel daran, dass die Resultate der Digitalauswertung (an der das Studio mit einem deutlich höheren Prozentsatz als an einer Kinoauswertung partizipierte) Katalysator für das Streben nach neuen Modellen waren. Aber in diesem Fall handelte es sich um einen Start ohne Kinofenster und ohne Beteiligung der Kinos an den Online-Erlösen, ihnen stand lediglich die Möglichkeit offen, mitzuspielen - was zunächst natürlich primär Autokinos betraf. Insofern ist der jetzige Schritt von AMC durchaus keine komplette Kehrtwende gegenüber der noch im April überaus deutlich (mit einer Boykottandrohung) kundgetanen Unternehmenspolitik - auch wenn der damalige Ton nicht ganz zur nun gefundenen Einigung passen will.

Angemerkt sei zu Wold übrigens, dass er zuletzt wenigstens mit Blick auf Tenet" goldrichtig lag, was einen Strategiewechsel anbelangte - denn er hatte vorausgesagt, dass die völlig unberechenbare Situation in den USA dazu führen könnte, dass Filmstarts durchgezogen werden. Andere Analysten hatten prognostiziert, dass es in 2020 keine Tentpole-Starts mehr geben würde, im Sinne dieser These handelte zuletzt Paramount, wo man selbst den Weihnachtstitel Top Gun: Maverick" vorsorglich noch einmal verlegte.

Ein wirklich konzertierter Aufschrei erfolgte in der Kinobranche bislang übrigens nicht: Dass sich der US-Dachverband NATO bislang in Schweigen hüllt, überrascht allerdings kaum. Immerhin schafft die Linie von NATO-Mitglied AMC einen gewissen Interessenkonflikt. Klar ablehnend - wenn auch betont gelassen - hat sich allerdings schon die weltweite Nummer 2, Cineworld, geäußert (wir berichteten). Deren CEO Mooky Greidinger sieht nach eigenen Worten keinen wirtschaftlichen Sinn hinter diesem Modell. An der Unternehmenspolitik, wonach Filme nur bei Einhaltung des Kinofensters gespielt würden, würde man nichts ändern. Wobei man spitzfindig darauf verweisen könnte, dass Greidinger die tatsächliche Länge des Fensters in dieser Stellungnahme nicht bezifferte. Generell, so der Cineworld-CEO, sehe man sich aber keinem großen Druck ausgesetzt, zumal die nächsten großen Universal-Filme erst in rund einem halben Jahr kämen. Keine Zeit zu sterben" kommt in den USA über MGM.

Tatsächlich gab es auch schon Zustimmung eines großen europäischen Players für den Deal: Der österreichische Marktführer Cineplexx, der zudem etliche Märkte in Osteuropa bespielt, spricht von einem "chancenreichen Wendepunkt in der Film-Auswertung" (wir berichteten) und geht dabei (wie Wold) von einem differenzierten Vorgehen hinsichtlich des künftigen Umgangs mit dem "Mindestfenster" aus. Allerdings verweist man auch dort darauf, dass der Deal zunächst nur für die USA gelte, man etwaige Konditionen für Europa erst einmal abwarten müsse.