Kino

KOMMENTAR: Dammbruch, kein Beinbruch

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwanken diese Tage. Dazwischen gibt es nichts.

30.07.2020 07:52 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwanken diese Tage. Dazwischen gibt es nichts. Himmelhoch jauchzen ließen mich die nun hoff entlich letzten Auswertungspläne für Tenet, die nicht nur Klarheit schaffen, wann Christopher Nolans mehrfach verschobener Ausnahmefilm in die Kinos kommt, sondern auch die ewige Hegemonie beendet haben, dass sich Starttermine großer Filme unbedingt am US-Starttermin auszurichten haben. Himmelhoch jauchzen ließ mich die Nachricht aus Venedig, dass Julia von Heinz als erste deutsche Filmemacherin seit Margarethe von Trotta im Jahr 2003 in den Wettbewer der Mostra eingeladen wurde - mit einem Film, dessen Thematik und Dringlichkeit durchaus von Trottas Goldener-Löwe-Gewinner von 1981, Die bleierne Zeit", spiegelt. Gratulation! Himmelhoch jauchzen ließen mich auch die sensationellen Neuigkeiten für Anna Wingers Miniserie Unorthodox" und deren Regisseurin Maria Schrader: Acht Nominierungen bei den Emmys für die deutsche Ausnahme-Miniserie von Netflix. Wow. Gratulation!

Es wäre also eine versöhnliche Woche gewesen, eine Woche der Konzilianz, wenn nicht jetzt noch, am Tage des Redaktionsschlusses, die Nachricht von der Einigung zwischen Universal und AMC in den USA, das dortige Kinofenster von aktuell noch etwa 75 Tagen auf nur noch 17 Tagen zu schrumpfen.

Keiner muss glauben, dass sich diese historische Abmachung auf Universal und AMC beschränken wird, genauso wenig, wie nur die USA von dieser Entwicklung betroffen sein werden. Die anderen Studios werden auch einfordern, was Universal AMC abgerungen hat; die anderen Ketten werden auch mitziehen müssen, um nicht von der Produktkette abgeschnitten zu werden. Der Damm ist gebrochen, das wird jetzt ganz schnell gehen.

Aber so endgültig das jetzt wirken mag, wenn man es Schwarz auf Weiß liest, ist es doch nur zwischenzeitlicher Emdpunkt einer Entwicklung, die sich seit Jahren angekündigt hat und teilweise auch schon praktiziert wurde: Nicht jeder Film muss erst einmal nur drei Monate ausschließlich gezeigt werden. Filme können manngifaltige Formen der Auswertung erfahren: Netflix bringt seine Blockbuster, und das sind Titel wie The Old Guard" oder Extinction" nun einmal, überhaupt nichts ins Kino. Und große Blockbuster werden von den Studios nach wie vor das Royal Treatment erhalten und exklusiv durch entsprechende Auswertung im Kino geadelt werden.

2019 war das größte Jahr in der Geschichte des Kinos. 2020 ist, forciert durch Corona, das Wendejahr. Was wir bei "Blickpunkt:Film", die wir das Kino lieben und stützen und das weiterhin leidenschaftlich tun werden, schon seit Jahren gesagt haben, muss nun gelebte Praxis werden: Das Kino ist der große Event, der entsprechende Film nur das Tüpfelchen auf dem I.

Thomas Schultze, Chefredakteur