Produktion

Connie Walther: "Wir sollten nicht verzagt sein"

Die vielfach prämierte Filmemacherin Connie Walther ist mit dem ungewöhnlichen Drama "Die Rüden" ab 20. August in den Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit ihr über die lange Entstehung und neue Projekte, die wegen der Coronakrise abgebrochen werden mussten bzw. weiterentwickelt wurden.

30.07.2020 08:20 • von Heike Angermaier
Connie Walther (Bild: Birgit Gudjonsdottir)

Die vielfach prämierte Filmemacherin Connie Walther ist mit dem ungewöhnlichen Drama Die Rüden" ab 20. August in den Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit ihr über die lange Entstehung und weitere Projekte, die wegen der Coronakrise abgebrochen werden mussten bzw. weiterentwickelt werden konnten.

Wegen der Corona-Pandemie wurde der Kinostart von "Die Rüden" von April auf den 20. August verschoben. Wie fühlen Sie sich mit dem Termin? Glauben Sie die Lust auf Kino ist größer als die Angst vor Corona?

Connie Walther: Die Angst größer als die Lust? Bloß nicht! Angst essen Seele auf. "Die Rüden" beschreiben eine hermetische Gefängniswelt. Durch Corona ist plötzlich die ganze Welt im offenen Vollzug. Begriffe wie Lockdown, also Einschluss, Ausgangssperre, oder Lockerung sind Teil der Alltagssprache geworden.

Vielleicht gibt es gar keinen besseren Termin? "Die Rüden" stellen jedenfalls einen besonderen Resonanzraum in dieser Zeit zur Verfügung. Filme, Kunst, Kultur stillen essentielle Bedürfnisse. Eine Erfahrung mit Fremden zu teilen, beispielsweise im sicheren Raum eines Kinos, ist von ganz anderer Qualität, als einen Film zuhause auf der Couch zu schauen. Es macht das Fremde weniger fremd. Das ist von großem Wert. Wir sollten nicht verzagt sein, sondern selbstbewusst.

Dem Publikum wird ein sehr besonderer Film geboten. Wie kam es zur höchst ungewöhnlichen Form, der dokumentarische und fiktionale Elemente mixt? Könnten Sie zum Konzept, zur Besetzung ausführen?

CW: Olga Tokarczuk sagt, Genre-Arbeit ist eine Art Kuchenform, die sehr ähnliche Ergebnisse liefert. Mich interessiert eigentlich nie, wenn ich einen Film sehe, welchem Genre er zugeordnet wird. Für mich ist wesentlich, dass eine Geschichte, oder eine Erzählung, die ihr angemessene Form findet. In unserem Fall hat sich die Form allmählich aus der Auseinandersetzung mit dem Thema herausgeschält und wurde immer zwingender, je tiefer wir eingetaucht sind. Zum Beispiel war früh klar, dass die Rollen der jungen Männer von Darstellern gespielt werden müssen, die Gewalterfahrungen durchlebt haben. Die Hunde spüren das sofort. Und ebenso selbstverständlich war es, dass die Hundetrainerin nur von Nadin Matthews selbst gespielt werden konnte, die das Konzept geschrieben hat.

Viele der Szenen wirken unglaublich intensiv, authentisch, ja gefährlich. Wie haben Sie inszeniert, die Hunde unter Kontrolle, Team und Schauspieler in Sicherheit gehalten?

CW: Die Szenen mit den Hunden hatten eine klare Struktur, die Hunde waren gesichert. Die Kontakte zwischen Mensch und Tier waren ja im Grunde sehr behutsame Annäherungen. Dass Hunde, die zubeißen, wenn sie auszudrücken wollen, dass sie ihr Gegenüber nicht mögen, nicht sehr freundlich auftreten, liegt in der Natur der Sache. Alle waren darauf vorbereitet. Es waren nur so viele Menschen wie notwendig im Raum, und es waren immer zwei Hundebetreuer*innen um die Kameraleute herum, falls mal etwas schiefgehen würde. Solange eine Übung lief - das dauerte mitunter über eine Stunde - konnte ich nicht unterbrechen, bestenfalls konnte ich von oben - Birgit Gudjonsdottir und ich durften aus Sicherheitsgründen ja nicht im Raum sein - etwas dazwischenrufen, was ich aber meist unterlassen habe, um die Hunde nicht zu irritieren. Inszenieren war also nur davor oder danach möglich.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Birgit Gudjonsdottir aus?

CW: Birgit war ja bereits sehr früh in das Projekt involviert, sie war schon bei dem Theaterprojekt "Wir müssen draußen bleiben", das wir innerhalb der Vorbereitung auf "Die Rüden" realisiert hatten, mit dabei. Sie ist meine wichtigste Gesprächspartnerin, wenn ich noch auf der Suche nach der Form bin. Bei "Die Rüden" haben wir unendlich viel Zeit damit verbracht, die Räume zu konzipieren, lange bevor Szenografin Katja Trambow einstieg, die dann selbstverständlich nochmal ganz eigene Ideen beigesteuert hat). Wir haben alle Mitarbeiter*innen gemeinsam kennengelernt und mit ihnen Gespräche zum Thema Aggression und Gewalt geführt. Es war uns wichtig, dass wir ein Team zusammenstellen, das auch mental zu "Die Rüden" passte.

Die Startverschiebung von "Die Rüden" war noch ein vergleichsweise kleines Problem. Sie mussten den Dreh in Marokko zum dritten "Zielfahnder" wegen Corona nach wenigen Tagen abbrechen. Wie war, ist das für Sie?

CW: Wir haben es ja kommen sehen. Marokko war ein paar Wochen später dran als Deutschland mit der Pandemie. Wir haben schon früh gewitzelt, ob wir wohl in der Wüste hängenbleiben, nicht mehr nach Hause kommen würden. Wir fühlten uns noch relativ sicher, aber dann ging es doch schneller als erwartet.

Wie ist der Status des Projekts? Gibt es einen neuen Drehtermin?

CW: Im Moment planen wir Oktober zur Wiederaufnahme. Aber ob es dann schon wieder möglich sein wird, in Marokko weiter zu drehen, das steht noch ein wenig in den Sternen.

Konnten Sie die Zeit des Lockdowns nutzen, um an der Komödie "Wir bleiben in der Nähe" oder an einem anderen Projekt weiter zu arbeiten?

CW: Nach meiner Rückkunft aus Marokko war ich zweieinhalb Wochen in Quarantäne, weil ich Kontakt zu einem Covid 19-Patienten hatte. Die Welt in Berlin schien irgendwie still zu stehen, alles war viel ruhiger. Ich war also allein in meiner Wohnung und hatte ungewöhnlich viel Zeit. Ich konnte, ohne krank zu sein oder es zu werden, ein bisschen Bilanz ziehen. Was ist hier eigentlich gerade los? Was bedeutet mir etwas, was will ich wirklich machen? Für mich persönlich war es eine sehr wertvolle Zeit. "Wir bleiben in der Nähe" ist so ein wunderschöner, zarter Film - also in meinem Kopf ist es ja schon ein fertiger Film ;-) - nur leider steigt kein Sender ein. Das ist sehr bedauerlich. Vielleicht weil sie gerade so verunsichert sind? Ich hoffe, das ändert sich bald. Oder wir schaffen es, ihn anders zu finanzieren. Mal schauen.

Sie wechseln zwischen Kino und TV. Haben Sie eine Präferenz?

CW: Schattenwelt" brauchte acht Jahre, bei "Die Rüden" habe ich 2012 angefangen - also schon wieder acht Jahre. Kinomachen bedeutet für mich, sich für eine sehr lange Zeit einzulassen, da wächst man anders mit einem Projekt zusammen als beim Fernsehen, das doch viel kurzfristiger ist. Oft steht der Hauptcast schon fest, die Arbeitsparameter sind beim TV weniger flexibel als beim Kino. Das ist eine ganz andere Herausforderung, eher eine Art Sport: wie schaffe ich es, in so kurzer Zeit unter diesen Bedingungen etwas zu machen, das es wert ist, erzählt zu werden? Kino, da bin ich ja von Anfang an dabei, bedeutet, eine Welt zu erträumen, die keine Limits hat. Man geht los und kommt an Grenzen, versucht sie zu überwinden oder an ihnen entlang zu gehen. Manchmal liegt der Weg im Nebel, manchmal ist er verschlungen wie in einem Irrgarten. Man geht den Weg einfach weiter und irgendwann wird man ankommen. Kino ist das Leben an sich.

Die Fragen stellte Heike Angermaier