Festival

Albert Wiederspiel zum 28. Filmfest Hamburg: "Wunsch nach Begegnung"

Gerade hat das Filmfest Hamburg mit "Enfant Terrible" seinen Eröffnungsfilm bekannt gegeben. Filmfestchef Albert Wiederspiel erklärt im Interview, warum es wichtig ist, das Festival physisch stattfinden zu lassen und wie man das realisieren will.

29.07.2020 10:41 • von Thomas Schultze
Albert Wiederspiel verspricht eine "dynamisch hybride Form" für das diesjährige Filmfest Hamburg (Bild: Filmfest Hamburg)

Gerade hat das Filmfest Hamburg mit Enfant Terrible" von Oskar Roehler seinen Eröffnungsfilm bekannt gegeben. Filmfestchef Albert Wiederspiel erklärt im Interview, warum es wichtig ist, das Festival physisch stattfinden zu lassen und wie man das realisieren will.

Das Filmfest Hamburg ist das erste der großen deutschen Filmfestivals, das wieder "physisch" stattfinden wird. Wann stand fest, dass Sie es wagen können würden?

ALBERT WIEDERSPIEL: Ende Mai haben wir uns nach Gesprächen mit der Behörde entschieden, dass unser Filmfest im Herbst physisch stattfinden muss. Der Wunsch nach Begegnung, nach dem gemeinsamen Kinoerlebnis ist bei so vielen Menschen da, und wir wollen natürlich auch die Kinos unterstützen. Außerdem möchten wir unserem Publikum auch in diesem Jahr wieder großartige Filme aus aller Welt zeigen. Wir hoffen sehr, dass bis Festivalbeginn der Mindestabstand in den Kinos von 1,50 auf einen Meter reduziert wird, damit noch mehr Besucher*innen einen Platz bekommen.

Wie gehen Sie bei der Umsetzung der zu beachtenden Sicherheitsregeln vor? Was sind die entscheidenden Veränderungen, damit das Filmfest stattfinden kann? Wird das Festival in den gewohnten Spielstätten stattfinden? Wie sieht es mit den Kinotickets aus?

ALBERT WIEDERSPIEL: Die Festivalkinos sind, wie in den Vorjahren auch, das CinemaxX Dammtor, Abaton, Studio, Passage und Metropolis. Hinzu kommen die "Filmfest ums Eck"-Kinos. Wir sind mit allen Kinobetreiber*innen in engem Kontakt, die für ihre jeweiligen Häuser individuelle Hygienekonzepte entwickelt haben. Es gibt bestimmte Vorgaben zur Einlasssituation, Maskenpflicht und wir empfehlen sehr, die Tickets bereits online zu kaufen. Unser Filmfest wird kompakter sein, wir zeigen rund 70 Filme in zehn Sektionen und setzen in diesem Jahr Jurys und Preise aus - bis auf den Commerzbank-Publikumspreis, der an den besten Film des gesamten Festivals verliehen wird.

Wird es eine digitale Einbindung in das physische Festival geben? Wie wird sich das auf das restliche Festival auswirken?

ALBERT WIEDERSPIEL: Die Idee für das diesjährige Festival ist eine dynamisch hybride Form. Das, was physisch nicht machbar ist, matchen wir digital. Mit unserem langjährigen Partner festivalscope ergänzen wir per Stream die nicht belegbaren Plätze des Kinosaals für ausgewählte Kinofilme. Die Anzahl richtet sich da jeweils nach der gesetzlich möglichen physischen Auslastung zum Zeitpunkt des Filmfest. Wir wollen mit dieser Begrenzung nach oben das Ecosystem erhalten und weder Filmverleihen noch anderen dt. Festivals potentielle Zuschauer*innen nehmen. Damit das digitale Angebot, das wir unter "Streamfest Hamburg" anbieten, nicht nur ein reiner Filmabruf ist, sondern auch ein Festivalerlebnis vermittelt, zeichnen wir u.a. Gespräche mit den Filmschaffenden vorab auf und arbeiten derzeit an partizipativen Online-Formaten. Für die Branche wird es Fachveranstaltungen physischer Art geben, die aber auch digital zur Verfügung gestellt werden, da die Kapazitäten auch dort eingeschränkt sind. Die Akkreditierungsgebühr für Fachbesucher*innen und Presse entfällt in diesem Jahr - ein kleines Geschenk von uns an die Branche.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Stadt und den Partnern des Filmfests?

ALBERT WIEDERSPIEL: Wir haben einen großen Rückhalt von der Stadt, die ein physisches Festival begrüßt und uns unterstützt. Auch unsere langjährigen Sponsoren und Partner haben ihre Unterstützung zugesagt und setzen in diesem herausfordernden Jahr die Kulturförderung fort, darunter die Commerzbank, Deutsche Fernsehlotterie, NDR, Studio Hamburg, Hapag-Lloyd, Arte und das Auswärtige Amt.

Wie weit sind Sie mit der Filmauswahl? Wird es alle der gewohnten Reihen geben? Wissen Sie bereits, ob es (internationale) Gäste geben wird? Wie sieht es mit den Einreichungen aus? Lässt sich daran bereits die Corona-Krise ablesen?

ALBERT WIEDERSPIEL: Wir haben bis jetzt rund 40 bestätigte Filme, ungefähr 70 sind angesteuert, das wäre etwas mehr als die Hälfte einer regulären Ausgabe. Unsere Sektionen wird es wieder geben, wir hatten jedoch bereits vor Corona entschieden, die Sektionen zu reduzieren. Mit dem Michel Kinder und Jugend Film Fest ist ein Angebot für den Kinonachwuchs gegeben, Televisionen zeigt in diesem Jahr aktuelle Fernsehproduktionen hauptsächlich aus Hamburg. Die Kinofilme teilen sich auf in Große Freiheit für Produktionen aus Deutschland und in diesem Jahr einmalig auch die Hamburger Filmschau; Transatlantik, unsere Sektion für das Kino aus den USA und Kanada; Veto! für das politische Kino; Voilà!, die Sektion für französischsprachige Filme; Asia Express mit neuesten Filmen aus Fernost, Kaleidoskop für Filme aus aller Welt und Vitrina für das spanisch- und portugiesischsprachige Kino. Wir verzichten in diesem Jahr ausnahmsweise auf den Premierenstatus und zeigen auch ein paar Filme aus dem Berlinale-Programm. Ebenso Filme aus dem Cannes 2020 Label und aus dem aktuellen Venedig Jahrgang. Wir gehen im Moment davon aus, dass vor allem Gäste aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern anreisen werden. Dies hängt natürlich auch von den aktuellen Entwicklungen ab. Eine veränderte Zahl an Einreichungen konnten wir in diesem Jahr vor allem bei den Weltvertrieben feststellen, die ja die internationale Festivalsituation sehr aufmerksam und vorsichtig beobachten und teils Filme auf 2021 schieben, die ursprünglich für dieses Jahr vorgesehen waren.

Warum haben Sie Enfant terrible" als Eröffnungsfilm gewählt? Können Sie weitere Filme mit dem Cannes-Gütesiegel spielen? Wird ein noch stärkerer Fokus auf das deutsche Filmschaffen gelegt werden?

ALBERT WIEDERSPIEL: Unser Wunsch war es, mit einem deutschen Film eröffnen zu können. Ein "fetter" roter Teppich soll auch ein Zeichen sein, dass es jetzt wieder losgeht - oder losgehen soll. Und die Kombination Roehler/Fassbinder ist explosiv und unwiderstehlich. Grundsätzlich freuen wir uns über jeden deutschen Film, den wir zeigen dürfen: das tut der Branche gut und es ist für die Wahrnehmung beim Publikum ein wichtiges Signal.