Kino

AMC und Universal besiegeln massiv reduziertes Kinofenster

Noch Ende April hatte die weltweit größte Kinokette Universal angesichts der Äußerungen zu möglichen PVoD-Plänen des Studios mit einem umfassenden Boykott gedroht - nun hat man zu einer Vereinbarung gefunden, wonach Filme künftig nur noch 17 Tage exklusiv im Kino laufen müssen.

28.07.2020 23:05 • von Marc Mensch
Vom lautesten PVoD-Kritiker zum "enthusiastischen Unterstützer": AMC reicht ein 17-tägiges Kinofenster (Bild: AMC)

Der lauteste Kritiker der PVoD-Pläne von Universal wird nun zum ersten Verbündeten für eine massive Reduzierung des Kinofensters. Während AMC Ende April angesichts der Äußerungen von NBC-Universal-CEO Jeff Shell noch mit einem Boykott gedroht hatte - ein Schritt, der in dieser Konsequenz keine direkte Unterstützung anderer Ketten oder des Branchenverbands NATO gefunden hatte - ist der weltweit größte Kinobetreiber nun die erste Kette, die mit Universal ein mehrjähriges Abkommen in dieser Frage geschlossen hat.

Laut einer Pressemitteilung von AMC sieht das auf mehrere Jahre geschlossene Abkommen vor, dass Filme von Universal und Focus Features bei AMC mit einem 17-tägigen Kinofenster zum Einsatz kommen. Nach Ablauf dieser Zeit hat Universal die Option, die entsprechenden Filme auf PVoD-Plattformen auszuwerten, zu denen auch das im Oktober vergangenen Jahres gestartete VoD-Portal der Kinokette, AMC Theatres on Demand, zählen soll. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wort "Option", die Vereinbarung erlaubt selbstverständlich auch längere Exklusivzeiträume für die Leinwandauswertung.

Aktuell gilt der Deal nur für die USA, laut der MItteilung planen AMC und Universal allerdings bereits Gespräche über das Vorgehen in anderen Territorien. In Deutschland gehört bekanntermaßen UCI zu AMC. Gleichzeitig hat Universal bislang nur mit AMC eine entsprechende Vereinbarung geschlossen, allerdings darf man davon ausgehen, dass Verhandlungen auch mit anderen Ketten geführt werden, die letztlich in einem vergleichbaren Resultat münden könnten - auch wenn AMC die einzige große US-Kette ist, die einen eigenen VoD-Service anbietet. Ebenso ist davon auszugehen, dass andere Studios dem Vorbild von Universal folgen werden, zumal es bereits entsprechende Ankündigungen (unter anderem von Warner-Eigentümer AT&T) gab, künftig flexiblere Auswertungsstrategien anzustreben.

Angesichts seiner Kommentare aus dem April kommt man fast nicht umhin, AMC-CEO Adam Aron eine gewisse Wandlungsfähigkeit in der Argumentation zu bescheinigen, wenn er nun sagt: "AMC steht mit ganzem Enthusiasmus hinter diesem neuen Modell; zum einen, weil wir umfassend wirtschaftlich partizipieren, und zum anderen, weil Premium-VoD das Potenzial für mehr Profitabilität bei den Studios schafft - was dazu führen sollte, dass mehr Kinofilme grünes Licht erhalten."

Selbstverständlich unterscheidet sich das nun vereinbarte Vorgehen erheblich von jenem Modell, das im April den Zwist zwischen AMC und Universal ausgelöst hatte: Trolls World Tour" war im Zeitraum des Corona-Lockdowns ohne jegliches Kinofenster auf PVoD-Plattformen gestartet, Kinos konnten - soweit sie geöffnet waren, was vorwiegend für Autokinos galt - den Film aber parallel dazu einsetzen. Dies galt in den USA ebenso wie international und natürlich auch in Deutschland. Ein PVoD-Einsatz auf von Kinounternehmen betriebenen Portalen fand damals nicht statt, auch wurden Kinos nicht an den PVoD-Einnahmen beteiligt.

Letzteres ist sicherlich ein Knackpunkt für die nun gefundene Vereinbarung. Denn Aron wird in der Mitteilung weiter wie folgt zitiert: "Diese mehrjährige Vereinbarung bewahrt die Exklusivität des Kinoerlebnisses wenigstens für die ersten drei Wochenenden eines Kinostarts, also jenen Zeitraum, innerhalb dessen typischerweise der Großteil des Boxoffice erzielt wird. AMC wird an den neuen Umsatzquellen partizipieren, die durch PVoD geschaffen werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl Universal als auch AMC davon überzeugt sind, dass dies den Markt erweitern und uns allen zugute kommen wird. Mit Blick auf die langfristigen Perspektiven für unsere Industrie würden wir gerne anmerken, dass gleichermaßen, wie Restaurants gedeihen, obwohl jedes Heim über eine Küche verfügt, wir bei AMC überaus überzeugt davon sind, dass die Leute in Scharen in unsere Kinos zurückkehren werden, wenn die Pandemie überwunden ist. (...) Universal und AMC sind seit über 100 Jahren Partner dabei, großartige Filme an die Kinobesucher zu bringen. Mit dieser historischen Vereinbarung, die die Industrie verändern wird, werden wir beide damit fortfahren können - und das auf eine Weise, die unser beider Erfolg beflügeln sollte."

Donna Langley, Vorsitzende der Universal Filmed Entertainment Group, wird in der MItteilung von AMC mit den Worten zitiert: "Das Kinoerlebnis bleibt ein Eckpfeiler unseres Geschäfts. Die Partnerschaft, die wir mit AMC geschmiedet haben, speist sich aus unserem kollektiven Bestreben, dem Ökosystem des Filmverleihs eine erfolgreiche Zukunft zu sichern und die Bedürfnissen der Konsumenten mit Flexibilität und Wahlfreiheit zu erfüllen."

Ergänzend sagt der Vize-Vorsitzende Peter Levinsohn, der die Verhandlungen auf Seiten des Studios leitete: "Die Innovation, die Universal in der Art und Weise zeigt, wie wir Content an die Zuschauer bringen, ist genau das, was unsere Kreativen, Partner und Anteilseigner von uns erwarten - und wir sind begeistert über die Chancen auf ein Wachstum unseres Geschäfts, die uns diese neue Struktur bietet. Wir sind AMC für die Partnerschaft dankbar - und für die Führungsrolle die man dadurch übernommen hat, diese historische Vereinbarung mit uns zu erarbeiten."

Ob die Vereinbarung auch Klauseln zu den Verleihmieten beinhaltet, ist nicht bekannt. "Die konkreten Konditionen sind vertraulich und werden nicht öffentlich gemacht", heißt es dazu in der Mitteilung von AMC.

In einer ersten Analyse hat der US-Branchendienst Deadline übrigens Parallelen zu einem von mehreren PVoD-Modellen gezogen, die über die Jahre erprobt wurden - und zwar dem dynamischsten. Anno 2015 hatte Paramount "Scouts vs Zombies" und Paranormal Activity: Ghost Dimension" nach einem Modell verliehen, wonach beide Titel jeweils 17 Tage, nachdem die Zahl der Kinos, in denen sie in den USA gezeigt wurden, unter 300 gefallen war, auf digitalen Plattformen ausgewertet werden sollten. Die Strategie sah vor, teilnehmende Kinoketten über 90 Tage an den VoD-Erlösen zu beteiligen. AMC hatte sich - anders als die mittlerweile zu Cineworld gehörende Nummer 2 der US-Kinoketten Regal - an dem Experiment beteiligt. Resultate wurden nie öffentlich gemacht, allerdings gelten beide Filme in den USA in jeglicher Auswertungsform als Flops - und schon vor Beginn des Auswertungsexperiments als eher wenig attraktive (und damit wenig aussagekräftige) Kandidaten.

Wie dem auch sei, die Pandemie scheint nun endgültig den Weg für Modelle geebnet zu haben, bei denen eine frühzeitige und hochpreisige Digitalauswertung eine erhebliche Rolle spielen wird. Interessant wird übrigens der BLick auf den Börsenkurs von AMC in den kommenden Tagen sein - dieser war vor dem Hintergrund der anhaltenden Unsicherheit in den USA zuletzt wieder kontinuierlich gefallen, obwohl AMC sich eigenen Angaben zufolge ein Finanzpolster verschaffen konnte, das selbst flächendeckende Schließungen bis ins Frühjahr 2021 hinein abfedern würde. Auch könnte die nun getroffene Vereinbarung durchaus Einfluss auf den Zeitpunkt haben, zu dem Universal "Keine Zeit zu sterben" tatsächlich startet, zuletzt galt der aktuelle November-Termin unter Experten als eher unsicher.