Kino

Kino-Wiedereröffnungen in Deutschland: Wenigstens kein Rückschritt

Die deutschen Kinos kämpfen sich weiter durch eine extrem harte Zeit ohne Blockbuster-Starts - und konnten dabei am vergangenen Wochenende sogar wieder minimal Boden gutmachen.

27.07.2020 15:03 • von Marc Mensch
Nach Umsatz lag "Unhinged" am vergangenen Wochenende erneut an der Spitze der Charts (Bild: Leonine)

Die vergangene Woche war einmal mehr eine Woche der Hiobsbotschaften: Die nächsten Filme wurden aus dem Jahr 2020 abgezogen, selbst das Weihnachtsgeschäft wird punktuell aufgegeben, während weitere Titel auf Streamingplattformen abzuwandern drohen. Nicht zuletzt das Schicksal von "Mulan" ist aktuell völlig unklar, sogar Spekulationen über eine Streaming-Auswertung haben neue Nahrung bekommen. Ein Hoffnungsträger bleibt in dieser Zeit Tenet" - und das nicht zuletzt aufgrund der Signalwirkung, die ein Strategiewechsel von Warner hinsichtlich der Auswertung dieses Werks entfalten könnte. Die Botschaft an führende europäische Betreiber lautet aktuell, sich auf einen Release Ende August, zwei Wochen nach dem zuletzt aufgekündigten Termin einzustellen - und eine Entscheidung wird noch im Lauf dieser Woche erwartet.

So ironisch das klingen mag, aber am Ende könnte sich die Situation in den USA für die hiesigen Kinos als hilfreich erweisen, wenn es um Sonderwege und neue Auswertungskonzepte geht. Denn nicht nur das Infektionsgeschehen in mehreren Bundesstaaten lässt keine zeitliche Perspektive für landesweite Kinoeröffnungen mehr zu, auch Szenen aus Städten wie Portland lassen befürchten, dass die USA über die kommenden Monate noch weiter ins Chaos abrutschen könnten. Auch die Situation in China ist schwer zu beurteilen. Dort ist zwar eine neuerliche Phase der Wiedereröffnungen gestartet, die durchaus auch programmatisch auf einen langsamen, aber stetigen Aufbau des Besuchervertrauens ausgelegt ist. Allerdings reagiert Peking auch auf kleinere Ausbrüche rigide, die Beschränkungen verhindern chinesischen Medien zufolge aktuell noch, dass Filme mit über zwei Stunden Laufzeit gezeigt werden - und ob die auf einen erneuten Tiefpunkt zusteuernden Beziehungen zu den USA bei der Terminierung neuer Hollywood-Filme helfen, könnte man ebenfalls in Zweifel ziehen...

Inwieweit sich Studios auf gestaffelte Releases (oder eine Mischung aus Kino- und PVoD-Auswertung je nach Territorium) einlassen werden, wird sich zeigen. Die Frage der Kapazitäten ist dabei aber sicherlich (mit)entscheidend - was im Übrigen natürlich auch für deutsche bzw. europäische Produktionen gilt, für deren Release der Zustand des Weltmarktes wahrlich sekundär ist. Nicht umsonst kämpfen die Kinoverbände dafür, die aktuell in den meisten Bundesländern aufgrund des Mindestabstands von 1,50 Meter faktisch geltenden Kapazitätsbeschränkungen zu lockern - zuletzt lieferte der HDF ausführliche Argumente in Form einer Studie der TU Berlin (wir berichteten).

Doch wie schlug sich die Branche am vergangenen Wochenende? Nun, vielleicht sogar ein klein wenig besser, als es zu befürchten stand. Denn obwohl kein Neustart in die Top 5 vordringen konnte (Edison" landete nach vorläufigen Zahlen als bester Debütant auf Platz 7) und mehrere Filme empfindliche Rückgänge hinnehmen mussten, hielt sich das Kinder- und Familienprogramm hervorragend, verzeichnete mitunter sogar leichte bis hohe Zuwächse, sicherlich nicht zuletzt dank des Ferienbeginns in Bayern und Baden-Württemberg. Vor allem Paw Patrol: Mighty Pups" stach dabei hervor - und setzte sich mit einem Plus von 16 Prozent mit deutlichem Abstand an die Spitze der Charts nach Besuchern, trotz seiner AC-Programmierung. Nach Umsatz blieb hingegen Unhinged" vorne: Ein Film, der vom deutschen Verleih Leonine deutlich vor dem US-Einsatz gestartet werden konnte. Letzterer wird aktuell für den August erwartet, aber einen Termin gibt es derzeit wieder einmal nicht.

Auch ohne hochkarätigen Neustart wuchs die Zahl der eröffneten Kinos am vergangenen Wochenende einmal mehr - wozu der Ferienbeginn durchaus seinen Teil beitrug, wie dies etwa das Beispiel von sieben Standorten der KinoGruppe Rusch (wir berichteten) zeigt. 835 reguläre Kinos zählte ComScore zuletzt - wobei hinsichtlich der Auswertung schon grundsätzlich anzumerken ist, dass diese im Wochenrhythmus noch aufgrund von Nachmeldungen aktualisiert werden, zudem hat ComScore seine Zählweise mit Blick auf Kinos mit nicht durchgehendem Spielbetrieb angepasst. Entscheidende Auswirkungen auf die grundsätzlich abzulesenden Trends hat dies allerdings nicht.

So lässt sich für das vergangene Wochenende bilanzieren: Nach dem deutlichen Rückschlag an einem Hochsommer-Wochenende Mitte Juli ging es zumindest wieder minimal bergauf, gut 287.000 Besucher (ein Plus von knapp fünf Prozent) sorgten für Ticketumsätze in Höhe von rund 2,12 Mio. Euro (plus 6,5 Prozent). Von der unteren Benchmark "schlechtes Wochenende im Vergleich der fünf Jahre vor Corona" war man nach Besuchern um 20, nach Umsatz um 32 Prozent entfernt, dem Gesamtmarkt fehlten 33 bzw. 41 Prozent. Riesig ist nach wie vor die Lücke zum "mittleren" Vergleichswochenende, hier fehlten schon den spielenden Häusern 79 bzw. 82 Prozent, dem Gesamtmarkt 82 bzw. 85 Prozent. Logische Folge: Der Abstand zum Vorjahr wächst weiter, zuletzt lag er bereits bei 55,5 Prozent nach Besuchern und 56,9 Prozent nach Umsatz.

Immerhin: Mit dem pro wiedereröffnetem Haus erzielten Umsatz ging es ebenfalls wieder einen winzigen Schritt nach vorne, allerdings sind knapp 2204 Euro natürlich kein Wert, der für ansatzweise wirtschaftlichen Betrieb steht - und man lag wieder einmal deutlich unter den etwa 3006 Euro pro Standort, die Anfang Juli den bisherigen (bescheidenen) "Bestwert" in der Corona-Zeit markierten. Kein Wunder also, dass manche Kinos schon jetzt keine sieben Tage spielen und etliche Betreiber über einen solchen Schritt nachdenken; die Entscheidung zu "Tenet" wird hier ein gewichtiger Faktor sein.

Noch kurz ein Blick in benachbarte Märkte: In Österreich blieb die Zahl der wiedereröffneten Kinos nahezu stabil, allerdings gingen deren Besucher- und Umsatzzahlen am vergangenen Wochenende wieder deutlich zurück. Die untere Benchmark wurde dennoch nur um fünf Prozent nach Besuchern verpasst bzw. nach Boxoffice sogar um zwei Prozent übertroffen - aber um ein "mittleres"Ergebnis zu schaffen, hätten beide Werte um rund 70 Prozent höher liegen müssen. Zudem ziehen nach wie vor geschlossene Kinos die Gesamtmarktstatistik weiter nach unten, zu einem mittleren Ergebnis klaffte zuletzt eine Lücke von jeweils 92 Prozent.

Etwas anders ist die Situation in den Niederlanden: Eine Welle an Wiedereröffnungen hob nicht nur die Gesamtergebnisse, das Wochenende bescherte den spielenden Häusern auch Resultate, die "nur" noch um etwas mehr als die Hälfte unter einem mittleren Wochenende lagen und die schwächsten Zahlen aus den fünf Jahren vor Corona schon um fast 30 Prozent übertrafen...