Kino

"Wir packen das - irgendwie"

Mit der 24. Ausgabe seines Cine-Maniacs-Filmfestes wollte Kinomacher Kai Erfurt nicht zuletzt auch Flagge zeigen. Denn den Kopf in den Sand zu stecken, sei gerade in diesen Zeiten "keine Option".

27.07.2020 10:09 • von Marc Mensch
Festivalmacher Kai Erfurt mit Sophia und Hanna Schuster, deren Filmfest-Beitrag "Feind oder Freund" noch unmittelbar vor dem Corona-Lockdown beim Schwäbischen Kinder & Jugend Filmfestival mit einem der Hauptpreise sowie einer vom Filmhaus Huber ausgelobten Auszeichnungen prämiert worden war (Bild: Filmhaus Huber)

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Ausgabe von Energy Drinks längst zu den Traditionen des Cine-Maniacs-Filmfestes gehört. Denn wer bis zum Ende auskosten will, was Festivalmacher Kai Erfurt Jahr für Jahr im Filmhaus Huber in Türkheim auf die Beine stellt, muss schon etwas Durchhaltevermögen mitbringen. 20 Kurz- und zwei Langfilme waren in diesem Jahr bereits absolviert, als gegen zwei Uhr nachts der abschließende Beitrag begann: eine japanisch-ghanaisch-deutsche (!) Koproduktion mit dem vielsagenden Titel "African Kung-Fu Nazis". Eine waschechte Europapremiere - und ein Film, der so schillernd ist, wie das gesamte Programm, das sich inhaltlich nur schwer unter einen Nenner bringen lässt. Von aberwitziger Satire bis zur persönlichen Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt, von der in Stop-Motion-Animation gegossenen Bewältigung von Ängsten bis zur blutig zelebrierten Zombie-Apokalypse, von beeindruckenden Hobbyprojekten einer Nachwuchsfilmemacherin im Teenager-Alter bis hin zu einem Werk, das die letztjährige Directors' Fortnight in Cannes eröffnete und mit Oscar-Preisträger Jean Dujardin sowie drei Extraportionen schwarzen Humors glänzte ("Deerskin"), reichte das diesjährige Aufgebot, dessen Zusammenstellung laut Erfurt einem einzigen Kriterium unterliegt: "Ich will spüren, dass jemand mit Herzblut an dem Film gearbeitet hat, ich will Werke zeigen, für die die Macher brennen, alles andere ist völlig zweitrangig. Und ich freue mich umso mehr, wenn es Filme sind, die vom Nachwuchs kommen. Die jüngste Teilnehmerin war diesmal 16 Jahre alt - was da an Kreativität ausgelebt wird, ist einfach beeindruckend."

Und es ist nicht zuletzt dieser filmbegeisterte Nachwuchs, der Erfurt einen Gutteil der Motivation für die aufwändige Veranstaltung liefert. "Junge Besucher und junge Filmemacher sind unsere Zukunft", sagt er - und verweist auf den immensen Stellenwert, den die Leinwand nach wie vor habe. Aus gutem Grund: "Jede(r) kann heutzutage etwas auf YouTube hochladen, aber ins Kino schaffen es die wenigsten, das ist einfach die Königsdisziplin. Und man sieht es Jahr für Jahr an den Reaktionen, was es den Kreativen - ganz gleich welchen Alters - bedeutet, ihre Werke auf der Leinwand zu sehen, gemeinsam mit einem Publikum."

Stellt sich natürlich die Frage: Ein rund achtstündiges Festival in Corona-Zeiten mit erheblichen Kapazitätseinschränkungen - lohnt sich das überhaupt? "Emotional auf jeden Fall", erklärt Erfurt, "es ist für mich, für Betreiber Rudolf Huber und für alle Teilnehmenden eine absolute Herzensangelegenheit. Denn Filme brauchen eine Bühne, sie brauchen die Leinwand, sie brauchen das Gemeinschaftserlebnis. Online-Festivals sind einfach kein Ersatz dafür, können es auch gar nicht sein". Er selbst durfte im diesjährigen Beitrag "Live or Let Die" von Manuel Urbaneck übrigens eines höchst unangenehmen Todes sterben.

Ein Schicksal, das auch dem Kino droht, wenn nicht bald der Neustart-Knoten platzt? "Natürlich sind die Zeiten ernst. Und mitunter könnte man sich sogar ein wenig alleine gelassen fühlen. Aber deshalb den Kopf in den Sand zu stecken, ist überhaupt keine Option. Wir arbeiten mit allem was wir haben, wir arrangieren uns mit den Vorgaben. Gerade bei Veranstaltungen wie unserer, bei der keiner der Besucher weiß, was ihn erwartet, sieht man, wie groß das Verlangen nach Unterhaltung ist. Entscheidend ist, dass die Leute mitbekommen, dass das Kino wieder am Start ist, dass wir Flagge zeigen!" Den Termin für die 25. Ausgabe hat er jedenfalls schon gesetzt. Es ist der 20. März 2021 - und Erfurt ist "einhundertprozentig" überzeugt, dass er ein Vierteljahrhundert "Cine-Maniacs" wird feiern können. "Wir packen das - irgendwie packen wir das! Denn das Kino wird nicht sterben!"