Kino

Leserbrief: "Wollt Ihr Eure Filme nie wieder im Kino sehen?"

Auf die jüngsten Meldungen zu Terminverschiebungen und Spekulationen über direkte digitale Auswertungen hat Kinobetreiberin Julia Eppler mit einem offenen Brief reagiert, der nach eigenen Angaben Ausdruck aktueller Fassungs- und Hilflosigkeit ist.

24.07.2020 14:20 • von Marc Mensch
Julia Eppler vom Backnanger Kino Universum (Bild: Julia Eppler)

Tenet" ist aktuell ohne Starttermin (auch wenn es ernstzunehmende Anzeichen dafür gibt, dass er in Deutschland doch noch zumindest Ende August kommt), auch "Mulan" wurde (zumindest vorerst) von der Startliste gestrichen. Top Gun: Maverick" und A Quiet Place 2" wurden in das kommende Jahr verlegt - und "Tom Clancys's Gnadenlos" wird US-Medienberichten zufolge womöglich nach "Spongebob Schwammkopf" der nächste Film von Paramount sein, der direkt zu einem Streamer - im Fall des Actionthrillers nun potenziell Amazon - geht. Was übrigens für Deutschland womöglich kein ganz günstiger Deal wäre, denn die rund 12,6 Mio. Euro, die an diesen Film als Zuschuss aus dem DFFF II flossen, sind natürlich an einen deutschen Kinostart unter Beachtung des Kinofenster gebunden. Auch etliche weitere Filme rückten zuletzt wieder später in den Kalender, die Corona-bedingten Einschränkungen für die Produktion sorgten zudem dafür, dass die Avatar"- und "Star Wars"-Sequels jeweils um ein Jahr nach hinten rückten und erst ab 2022 im jährlichen Wechsel wieder für volle Kassen sorgen sollen.

Auf die jüngsten Hiobsbotschaften hat Kinobetreiberin Julia Eppler (Universum Backnang) nun mit einem offenen Brief reagiert, der nach eigenen Angaben Ausdruck aktueller Fassungs- und Hilflosigkeit ist.

Der Brief im Wortlaut:

"'Start um ein Jahr verschoben', 'Film kommt direkt zu Streamingdienst'... Liebe Verleiher, wollt ihr eure Filme nie wieder im Kino sehen?

2020 hat uns alle getroffen, Sie genauso wie uns Kinobetreiber auch. Kaum jemand kann mehr Verständnis für die derzeitige Situation aufbringen als wir. Dass Sie Ihre Filme dem größtmöglichen Publikum zeigen wollen liegt ja auf der Hand. Das wird durch die Abstandsregelungen und die allgemeine Vorsicht erschwert - auch das ist klar. Doch das derzeitige Verhalten der meisten Verleiher zeigt deutlich, dass das Verständnis für das Ausmaß der Situation nur auf einer Seite vorliegt.

Größere Filme werden entweder verschoben oder gleich komplett aus dem Kinoplan gestrichen und direkt online veröffentlicht. Zweiteres bedeutet für mich - und sicher viele andere Cineasten - eine gnadenlose 'Verramschung' von Filmen! Ich würde nie behaupten, ein grundsätzlicher Gegner von Netflix, Amazon Prime und Co. zu sein. Wie könnte ich auch? Ich bin 27 Jahre alt, habe Zugänge zu beiden Plattformen und genieße es ebenso wie viele andere auch, auch mal einen gemütlichen Abend zuhause auf der Couch bei einem Film oder einer Serie zu verbringen. Das gehört dazu. Snacks, Jogginghose und der Pausenknopf, wenn man doch mal kurz noch wo hin muss, sodass man nichts verpasst. Nebenher kann man noch den Freunden im Whatsapp-Gruppenchat antworten, ohne dabei jemanden zu stören. Klingt gut? Ist es auch. Für einen Film, der keinen großen Stellenwert einnehmen wird. Der 'nebenher' läuft. Dieses Erlebnis ist in keinster Weise mit einem Kinobesuch zu vergleichen, bei dem man in eine völlig andere Welt eintaucht, mal zwei Stunden ganz für sich ist. Zwei Stunden lang den Stress der Welt vor der Tür lässt und völlig gebannt ist von einem großen Bild und einem Ton, der mir als bekennender Soundtrack-Fanatiker eine Gänsehaut zaubern kann.

Im folgenden Abschnitt werden Sie nun vielleicht denken, dass ich dramatisiere. Aber ich bin kein Pessimist - ich bin Realist. Dieses Erlebnis von 'Kino', das ich beschrieben habe, würde ich gern auch mal meinen (vielleicht irgendwann existierenden) Kindern näher bringen können. Doch derzeit bin ich mir nicht sicher, ob ich dazu in der Lage sein werde. Warum? Weil es uns unmöglich gemacht wird, Kinos überleben zu lassen. Da spreche ich nicht von der Politik, die verständlicherweise dazu gezwungen ist, uns Auflagen wie eine Abstandsregelung oder ähnliches aufzuerlegen. Natürlich spielt auch das eine Rolle, aber diese Entscheidungen werden zum Wohle der Gemeinschaft getroffen, um die Pandemie einzudämmen und damit eben eine solche Situation wie in den USA zu vermeiden. Über Abstandsregelungen, Maskenpflicht und Co kann man diskutieren - will ich hier aber gar nicht.

Ich spreche also von den Verleihern. Wenn jetzt die meisten Blockbuster um ein Jahr verschoben werden sollen, um sie erst dann der Welt präsentieren zu können, wenn auch die USA wieder mitspielen darf oder kann...dann weiß ich nicht, wie viele Kinos dann noch übrig sein werden.

Wenn die Filme direkt auf Netflix, Amazon Prime oder den Einzelgänger Disney+ geworfen werden, dann hingegen kann ich Ihnen garantieren, dass es keine Kinos mehr geben wird.

Wir Kinobetreiber geben unser volles Herzblut in unsere Betriebe. Doch wir sind auch auf die Verleiher angewiesen. Einige stellen sich der schwierigen Situation und geben ihr Bestes. Auch die Diskussion darüber, dass 'Tenet' z.B. erst in den Ländern gespielt wird, deren Kinos wieder geöffnet haben erfreut mich. Wir müssen loskommen von dem 'America first'-Gedanken. Wir müssen die Chancen nutzen, die uns gegeben werden - damit wir alle überleben können. JA, wir bekommen weniger Besucher in unsere Säle aufgrund der Abstandsregelungen. Aber wir müssen anfangen, uns gegenseitig zu vertrauen. Ich bin jetzt die vierte Generation in unserem Familienbetrieb und jede Generation vor mir hat bewiesen, dass sie flexibel und kreativ mit jeder Widrigkeit, die dem Kino schon begegnet ist, umgegangen ist. Es heißt nicht umsonst, dass besondere Situationen eben besondere Maßnahmen benötigen. Wir sind bereit, auch gemeinsam an kreativen Lösungen zu arbeiten.

Hier geht es nicht nur darum, dass uns mit den sterbenden Kinos unsere Lebensgrundlage genommen werden würde. Es geht darum, dass dem Film sein natürlicher Lebensraum genommen wird. Und spätestens beim Film - da sollten wir einer Meinung sein.

Julia Eppler

Universum Filmtheater GmbH Backnang"