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Produzentenumfrage zu Ausfallfonds und Mehrkosten

Nicht weit genug, nicht schnell genug. Auch wenn er als positives Signal gewertet wird, hält sich die Begeisterung über den Ausfallfonds der Bundesregierung in Grenzen. Indes sind die Erfahrungen mit der Übernahme der Mehrkosten für Hygiene- und Schutzmaßnahmen am Set sehr unterschiedlich, wie eine Umfrage von Blickpunkt:Film unter Produzenten und Produzentinnen ergab.

23.07.2020 15:47 • von Frank Heine
Die Rückkehr ans Set ist für die Produktionsfirmen eine komplizierte Angelegenheit (Bild: imago images / Steffen Junghans)

Die Fragen:

1. Wie bewerten Sie den angekündigten Ausfallfonds? Sind die Nöte der Produktionsbranche in der Politik angekommen?

2. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Mehrkosten, die durch die Sicherheitsmaßnahmen am Set entstehen? Wie weit reicht die Unterstützung durch die Sender?

Stefan Arndt, Geschäftsführer X Filme Creative Pool:

1. Der Vorschlag des BKM ist eine gesunde Grundlage, einige Teile müssen jedoch nachverhandelt werden. Zentral ist, dass die 50 Mio. Garantie für Kinofilme und High-End Serien nun, von den Bundesländern, um eine zweite Säule für reine TV-Produktionen ergänzt wird. Ein tragfähiges Konzept wird es aber erst, wenn sich alle TV-Sender dazu bekennen, die fehlenden 10 Prozent Selbstbeteiligung im Schadensfall zu übernehmen. Ansonsten wird Deutschland von allen anderen Ländern der Welt überholt, alle haben praktikablere Lösungen, und auch ohne Lösung wird überall gedreht werden, nur in Deutschland nicht.

2. Es sind nicht nur die Sicherheitsmaßnahmen, wir müssen gesamte Abläufe überdenken und verändern. Dies bringt massive Folgekosten mit sich: die Anzahl der Drehtage muss zumindest in engen Motiven erhöht werden. Komparsenszenen werden reduziert, Tests für die Schauspieler und das Team, die gesamte Setlogistik und vieles, vieles mehr. Wir müssen all diese Punkte ernst nehmen, denn es geht um die Sicherheit unserer Mitarbeiter. Auf der anderen Seite stehen wir Partnern gegenüber, die bei vollfinanzierten Auftragsproduktionen 50 Prozent dieser Kosten übernehmen wollen, wenn ein Projekt abgebrochen wurde. Dies ist zunächst begrüßenswert, wird aber aus meiner Sicht auf mittlerer Sicht nicht reichen, denn an den verbleibenden 50 Prozent werden Produzenten pleitegehen. Genauso wie an den KFW-Darlehen, deren Rückzahlung die Produzenten nicht in 5 Jahren zusätzlich verdienen können. Niemand kann in einem Jahr anstatt einen Film zwei produzieren, anstatt zwei Filme vier, usw.

Oliver Berben, Vorstand/Executive Board Television, digital Media, Entertainment Constantin Film:

1. Es ist positiv zu bewerten, dass bei der Bundes- und Länderpolitik klar geworden ist, dass es eine Rückkehr zur Produktion ohne einen Ausfallfond nicht geben kann. Sehr problematisch sind hierbei jedoch zwei Dinge: 1. Der Zeitfaktor. Es nützt nichts, wenn sich die Etablierung eines solchen Fonds über Monate hinzieht. Bis dahin würden unzählige Arbeitsplätze vernichtet und eine große Anzahl von Produktionsunternehmen würde die Luft ausgehen. 2. Der Umfang. Ein Ausfallfond MUSS alle Bereiche der Film/Streaming/TV-Produktion betreffen. Eine Aufteilung in verschiedene Bereiche ist in einer Zeit, in der sich die verschiedenen Auswertungsformen annähern und teilweise überschneiden/ergänzen kontraproduktiv und wirkungslos. Es ist dringend nötig, dass Bund und Länder zusammenarbeiten um alle Bereiche abzudecken und auch die Abwicklung und Prüfung möglicher Fälle zentral gelagert werden. Insgesamt muss nochmal betont werden, dass es sich hier nicht um eine Forderung von Geldmitteln der Branche handelt, sondern lediglich um eine Rückversicherung/Bürgschaft, die bestenfalls nie oder nur teilweise in Anspruch genommen wird. Im Augenblick der Etablierung des Fonds kann innerhalb von kürzester Zeit die gesamte Produktionslandschaft im Land nach oben gefahren werden.

2. Die Mehrkosten variieren stark je nach Produktionsart und Komplexität. Insgesamt kann man sagen, dass die Film und Fernsehbranche an ein Arbeiten in außergewöhnlichen Situationen gewöhnt ist und sich auf neue Gegebenheiten schnell und effektiv einstellen kann. Die Sender/Streamer sind im Bereich der Mehrkosten für Sicherheits- und Hygienemaßnahmen im Augenblick gute Partner.

Christoph Bicker, Geschäftsführer Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft:

1. Neustart Kultur ist später gekommen als zahlreiche andere Unterstützungsmaßnahmen, aber mindestens genauso notwendig wie viele andere Instrumente. Die Begrenzung auf Kinofilme und High-Budget-Serien - den Begriff High-End-Serien finde ich schwierig - mag haushaltspolitischen Ansätzen folgen, geht aber an der Branchenrealität vorbei. Das Problem liegt darin, dass von einzelnen Projekten, bzw. dem Verwertungsweg, ausgegangen wird; aus Sicht des Produzenten ist es immer ein wirtschaftliches Desaster, wenn der Dreh unterbrochen werden muss, egal ob bei einem Kinofilm, einer Werbung und einer TV-Produktion. Die Höhe des Schadens und die wirtschaftliche Zerstörungskraft für ein Produktionsunternehmen hängen sehr stark vom Einzelfall, nicht von der geplanten Verwertung ab. Normalerweise kann ein Produzent Risiken kalkulieren und darauf Einfluss nehmen, im Pandemiefall ist das schlichtweg nicht möglich Hinzukommt, dass niemand weiß, welche Mittel überhaupt notwendig sind. Wir reden ja faktisch von einer Rückversicherung im Schadenfall. Das ist ein für unsere Branche neues Konstrukt, in anderen Wirtschaftsbereichen sind Bürgschaften und Ausfallgarantien durchaus ja auch schon länger üblich. Da lohnt der Blick über den Tellerrand der eigenen Branche. Notwendig ist es, dass sich alle, Bund, Länder und Auswerter - Sender und Streamer -, an dem Fonds beteiligen.

2. Drehen unter Corona ist vor allem eine logistische Herausforderung. Die Planungen und Vorläufe werden maßgeblich durch die Anforderungen geprägt. Das betrifft alle Produktionsbereiche, vom Autor bis zum Aufnahmeleiter. Unsere Erfahrungen sind, dass uns diese Vorarbeit, die immer eine Mehrarbeit ist, nicht vergütet wird. Bei den Dreharbeiten an sich kommt es natürlich durch die strengen Vorgaben der BG ETEM zu Verzögerungen, ob daraus dann auch mehr Drehtage resultieren, ist sicherlich sehr individuell. Die Kosten für Mehrpersonal vor Ort, Infrastruktur, Tests und Desinfektion sowie Quarantänemaßnahmen werden nach unseren Erfahrungen von den Sendern getragen.

Nanni Erben und Gunnar Juncken, Geschäftsführung MadeFor:

1. Der von der Bundesregierung aufgelegte Fonds ist ein Anfang, aber er geht aus unserer Sicht nicht weit genug. Abgedeckt sind derzeit nur Kinofilme und High End Serien, wobei offen bleibt, was genau unter dem Begriff High-End-Serien zu verstehen ist. Der größte Teil der Produktionen wird im Moment von diesem Ausfallfonds nicht berücksichtigt. Wir plädieren daher dringend für eine einheitliche Lösung, für die gesamte Produktionsindustrie. Der angekündigte Ausfallfonds kann nur ein guter erster Schritt in die richtige Richtung sein, der zeigt, dass ein Problembewusstsein in der Politik vorhanden ist, ausreichend ist er auf keinen Fall. (Gunnar Juncken)

2. Wir haben sehr früh, schon Anfang Mai, die Dreharbeiten zum "Tatort Dresden", zu "Marie fängt Feuer" und zu "Frau Jordan stellt gleich" wieder aufgenommen. Uns war dabei wichtig, dass man den Filmen nicht anmerkt, dass sie unter Corona-Bedingungen produziert werden. Dies hat uns zwangsläufig vor große Herausforderungen gestellt, denn die Sicherheit für das gesamte Team und die Schauspieler/Innen stand und steht immer an erster Stelle. Die Dreharbeiten überhaupt möglich zu machen, bedeutet zusätzliche Mehrausgaben in beinahe allen Bereichen der Produktion. Wir sind den Sendern sehr dankbar, dass sie bis zu 50 Prozent der Mehrkosten im Zuge der Rettungsschirme übernehmen, die verbleibenden 50 Prozent sind aber weiterhin eine enorme finanzielle Belastung für uns Produzenten. Nach Beendigung der Rettungsschirme zukünftig ohne Versicherung oder Ausfallfonds zu drehen, kann unsere Existenz bedrohen. (Nanni Erben)

Mischa Hofmann, Vorstand Odeon Film AG:

1. Der Fonds ist ein Zeichen der Politik, dass auch die Filmbranche ernst- und wahrgenommen wird. Allerdings kommt er vorerst nur einem kleinen Teil der Branche zugute (Kinofilm und High-End-Serie). Es sollten alle Bereiche der Produktion dabei berücksichtigt werden. Wahrscheinlich wird die Hilfe je nach Bundesland sehr unterschiedlich ausfallen, das sollte aus meiner Sicht vermieden werden.

2. Die Mehrkosten für Sicherheits- bzw. Hygienemaßnahmen pegeln sich zum Glück in den meisten Fällen auf einem niedrigeren Niveau ein, als anfänglich befürchtet. Die Unterstützung der Sender beschränkt sich auf die 50-Prozent -Beteiligung an den dafür angefallenen Kosten. Der Nachweis und die Prüfung dieser Kosten wird ein bürokratisches Monster werden und Produzenten und Sender noch bis weit ins nächste Jahr beschäftigen und im Einzelfall noch den einen oder anderen Streit um zu erstattende Beträge verursachen. Wie auch immer das Ergebnis im Einzelfall dann sein wird, mindestens 50 Prozent bleiben beim Produzenten hängen, und das bei reinen Fernseh-Auftragsproduktionen der Sender.

Andreas Knoblauch, Geschäftsführer Studio Hamburg Production Group.:

1. Grundsätzlich ist es gut, dass es den Fonds gibt. Doch es müssen noch wichtige Details geklärt werden. Der Fonds deckt mögliche Schäden bislang nur anteilig und bezogen auf krankheitsbedingte Ausfälle ab. Nicht jedoch die Folgen eines erneuten Lockdowns bzw. Behinderungen durch behördliche Maßnahmen. Beim Produzenten bleiben also weiterhin große Risiken. Herkömmliche Fernsehproduktionen sind bei diesem Paket weitestgehend ausgeschlossen. Hier müssen die Bundesländer in die Pflicht genommen werden. Es gibt bereits einzelne finanzielle Zusagen, aber es fehlt noch eine Gesamtlösung.

2. Der Rettungsschirm der öffentlich-rechtlichen Sender ist hilfreich, greift aber nicht weit genug, da er zeitlich befristet ist und eben auf 50% der Schadenssumme gedeckelt ist. Das Hauptrisiko liegt weiterhin beim Produzenten. Wir benötigen klare Regelungen, wie und von wem coronabedingte Mehrkosten erstattet werden. Bezüglich der Auftragsproduktionen fehlt noch die allgemeine Akzeptanz der Sender, dass die Produzenten durch die Pandemie ein erheblich erhöhtes Produktionsrisiko tragen. Bei ersten auftretenden Ausfallschäden sind die Margen der Produzenten sofort aufgebraucht. Eine Möglichkeit wäre, dass künftig bei Auftrags- und Koproduktionen ein zeitlich befristeter Risikoaufschlag in relevanter Höhe erhoben wird.

Ariane Krampe, Geschäftsführerin Ariane Krampe Filmproduktion:

1. Die angekündigten Ausfallfonds sind sicherlich begrüßenswerte, erste Schritte. Allerdings wäre es natürlich mehr als wünschenswert, wenn die große Menge an Film- und Fernsehproduktionen einheitlich mit einbezogen werden würden. Ein einheitliches Fond-Modell, an dem sich der Bund, die Länder und die Sender beteiligten. Der bestehende Deckungsumfang ist nicht ausreichend und die konkreten Nöte der Produzenten könnten hier in der Politik noch mehr Berücksichtigung finden. Die Risiken bleiben derzeit (noch) groß und weiterhin existenzgefährdend für die einzelnen Produzenten.

2. Mehrkosten entstehen ja nicht nur am Set. Bereits in der Vorbereitung müssen viele neue, durch die Pandemie begründete Schwierigkeiten gelöst werden. Die Unterstützung der Sender war ja bis vor kurzem auf 50 Prozent der anerkannten Mehrkosten beschränkt. Eine Abrechnung dieser Rettungsschirm-Beteiligung steht uns noch bevor. Zukünftig dürfen diese Kosten in der Kalkulation aufgeführt werden. Da stehen sicher noch einige Abstimmungen bevor, auch wenn Belegabrechnungen maßgeblich sein sollen. Wir drehen als erstes internationales Filmteam seit dem 29.6. wieder in Italien... Und der ungeheure Einsatz, die Solidarität und das Verständnis aller Kollegen in dieser schwierigen Zeit ist und bleibt ohnehin "unbezahlbar".

Michael Souvignier und Till Derenbach, Geschäftsführer Zeitsprung Pictures:

1. Welchen genau meinen Sie ? Bisher ist uns ein Ausfallfonds bekannt, der betrifft GMPF geförderte Projekte, also High-End-Serien und Kinofilme. Ansonsten fallen alle anderen Projekte wie co-finanzierte Auftragsproduktionen oder Co-Produktionen durch das Raster. Die Ankündigung des Landes NRW einen Fonds für örtliche Produzenten aufzulegen, ist bisher eine reine Ankündigung und es gibt keine Grundlage mit der wir arbeiten könnten. Hoffen wir, dass sich das bald konkretisiert. Wir arbeiten also komplett ohne Absicherung und zweiten Boden und sind auf uns alleine gestellt. Da hat die Politik in Österreich anders gehandelt und unserer Branche eine vertrauensvolle Basis gebaut.

2. Die Unterstützungen der Sender begrüßen wir außerordentlich und sind uns eine große Hilfe. Die Mehrkosten bei Abbruch durch Corona sind massiv und in diesem Spannungsverhältnis werden die Firmenerträge aus den Projekten aufgerieben, da der Produzent mit mindestens 50 Prozent und in Teilen mehr, die Mehrkosten auffangen muss.

Sebastian Werninger, Geschäftsführer UFA Fiction:

1. Die Ankündigung ist ein wichtiges und dringend notwendiges Signal der Politik, die Produktionswirtschaft nicht allein mit dem Problem zu lassen, dass derzeit quasi keinerlei Versicherungsschutz gegen Corona-bedingte Ausfälle und damit verbundene Mehrkosten besteht. Allerdings sind die bis dato vorgeschlagenen Eckpunkte des BKM zum geplanten Ausfallfonds leider keine ausreichende Lösung für die Branche. Der Deckungsumfang ist lückenhaft und reicht bei Weitem nicht aus, um das formulierte Ziel zu erreichen. Im Vergleich zu den nun auf dem Tisch liegenden Vorschlägen sind die Lösungen in anderen Ländern deutlich umfassender und praktikabler. Ein bisher leider enttäuschendes Situationsergebnis nach dieser langen Wartezeit.

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Sorgen vollumfänglich bei der Politik angekommen sind. Wenn man vergleicht wie anderen Industrien unter die Arme gegriffen wird, ist das eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Am dringlichsten ist sicher die rasche Schaffung eines Ausfallfonds zur Abmilderung der Covid-19 bedingten Risiken für alle Bereiche der Bewegtbildindustrie, um überhaupt wieder die Produktion ins Rollen zu bringen. Weiter sollten die Fördertöpfe der FFA, des DFFF und der Länder dringend aufgefüllt werden. Auch den Sendern muss unter die Arme gegriffen werden. Die Belastungen dieser Institutionen durch die Mitfinanzierung der Corona-Schäden ist erheblich und wird sich auf das Produktionsvolumen der nächsten Monate und Jahre massiv negativ auswirken, wenn hier nicht nachgebessert wird.

2. Wir sind grundsätzlich sehr dankbar für die große Unterstützung der Sender und Förderungen. Natürlich gibt es hier und dort Diskussionen über die Mehrkosten. Die finanzielle Belastung aller Beteiligten durch die Krise ist immens und da fällt es natürlich schwer, weitere Mittel für die Mehrkosten zur Verfügung zu stellen. Es ist aber allen bewusst, dass an dieser Stelle der Bedarf gegeben ist. Dementsprechend ist es nachvollziehbar die Mehrkosten durch Einsparungen am Inhalt und Aufwand wieder aufzufangen. Das ist insbesondere bei angedrehten Produktionen kaum zu leisten. Hier haben wir bei der einen oder anderen Produktion noch nicht für alle Herausforderungen eine Lösung gefunden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir diese in den konstruktiven und partnerschaftlichen Gesprächen miteinander finden werden.