Kino

KOMMENTAR: Der unsichtbare Feind

Das Coronavirus nistet sich auf Dauer bei uns ein, mit weitreichenden Folgen für den Kulturbetrieb. Für die Kinos, die die akuten Abwehrmaßnahmen der letzten Monate gegen seine massenhafte Verbreitung mit Mühe überstanden haben, kommt jetzt die größte Herausforderung.

23.07.2020 07:36 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Das Coronavirus nistet sich auf Dauer bei uns ein, mit weitreichenden Folgen für den Kulturbetrieb. Für die Kinos, die die akuten Abwehrmaßnahmen der letzten Monate gegen seine massenhafte Verbreitung mit Mühe überstanden haben, kommt jetzt die größte Herausforderung. Denn es wird für lange Zeit kein "back to normal" geben. Erst galt es, die fortlaufenden Kosten trotz Totalschließung zu meistern, jetzt gilt es, die hohen Betriebskosten der wiedereröffneten Häuser zu refinanzieren. Das ist schwer genug mit den umfangreichen Abstands- und Hygienemaßnahmen, die sich die Kinobetreiber zum Schutz ihrer Kunden schon selbst auferlegt haben, und deren Umsetzung der Staat stärker auch ihnen überlassen sollte, um vor Ort und im Einzelfall die richtige Lösung zu finden. Das ist auch schwer, weil trotz anders lautender Umfragen viele Filmfans noch überzeugt werden müssen, dass es in geschlossenen Räumen wie Kinosälen mit ihrer permanenten Frischluftzufuhr sicher ist, sicherer als in jedem Cityflieger. Das ist aber nun noch schwerer mit einem zögerlichen Produktfluss, weil die erhofften Blockbuster, die nötig sind, um das Publikum wieder in Scharen vor die Leinwand zu locken, ein ums andere Mal verschoben werden oder auf weit in der Zukunft liegende Termine gesetzt werden, wenn nicht wenigen Kinobetreibern schon die Puste ausgegangen sein wird.

Von kleinen und großen deutschen und europäischen Filmen alleine können die Kinos nicht leben. Man mag beklagen, dass es so wenige heimische Filme gibt, die ein großes Publikum anziehen, und das ist auch oft beklagt worden. Nur weil die Leinwände der Republik nun frei sind für heimisches Produkt, wird es nicht plötzlich ein Vielfaches seiner Zugkraft entwickeln. Offenbar gehen die US-Studios für ihre großen Investitionen immer noch davon aus, dass in naher Zukunft der Idealzustand wieder hergestellt sein wird: Alle Leinwände weltweit wieder geöffnet und ohne Einschränkungen bespielbar. Das wird lange nicht, vielleicht nie wieder der Fall sein. Alleine die Entwicklung der Fallzahlen in den USA und die grotesken Fehleinschätzungen der Pandemie durch ihren Potentaten sorgen dafür, dass Hollywoods Blockbuster noch lange vergeblich auf eine gesicherte Abspielbasis im eigenen Land hoffen müssen. Gefragt sind neue, flexiblere Vermarktungsformen, andere Lösungen als weltweite Day-and-Date-Starts, wenn das Kino nicht das Feld den boomenden Streamingplattformen kampflos überlassen soll, zu denen Hollywoods Stars in diesen Wochen in noch größeren Scharen überlaufen. Hoffen wir also, dass der ausgewiesene Cineast Christopher Nolan sein Studio dazu bringt, seinen neuen Film trotz Piraterie und Streamingkonkurrenz vorab in den Ländern zu starten, die die Verbreitung des Virus in den Griff bekommen haben, und hoffen wir dann, dass sein Beispiel Schule macht.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur