Kino

Kai S. Pieck: "Vielfalt muss gewollt sein"

Vor kurzem ist die Onlinebefragung "Vielfalt im Film" an den Start gegangen. Mitinitiator Kai S. Pieck geht es vor allem darum, die Filmbranche gerechter zu gestalten.

23.07.2020 07:47 • von Barbara Schuster
Kai S. Pieck ist Autor und Regisseur und Initiator der Queer Media Society (Bild: Andreas Schlieter)

Vor kurzem ist die Onlinebefragung "Vielfalt im Film" an den Start gegangen. Mitinitiator Kai S Pieck geht es vor allem darum, die Filmbranche gerechter zu gestalten.

Mit "Vielfalt im Film" wurde eine Umfrage zu Vielfalt und Diskriminierung vor und hinter der Kamera angestoßen. Wer sind die Initiatoren und wie lange hat die Vorbereitung gedauert?

Die Online-Befragung ist die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum und wird von einem Bündnis aus Vereinen, Unternehmen, Verbänden und Initiativen der Filmbranche getragen. Das sind in erster Linie Vertreter*innen der marginalisierten Gruppen aus den Bereichen Frauen*, Menschen mit Migrationshintergrund, Behinderung/Beeinträchtigung und Queerness. Die Menschenrechtsorganisation Citizens For Europe verantwortet die Umfrage inhaltlich, datenschutzrechtlich und technisch. Und die Branchenplattform Crew United unterstützt mit ihrem 30.000 Filmschaffende umfassenden Netzwerk, in dem der ­Umfrage-Link verteilt wird. Das gibt uns die Möglichkeit, die für die Erhebung ­erforderliche Grundgesamtheit abstecken zu können. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die ZAV der Bundesagentur für Arbeit, die Pensionskasse Rundfunk und die Stiftung Kulturwerk der VG ­Bild-Kunst sowie die Filmförderungen MFG Baden-Württemberg und Hessen Film und Medien haben finanziert. All das ist das ­Ergebnis eines Jahres an Konzeption, ­Organisation und Finanzierung.

Wie lange wird die Umfrage laufen und wie wird die Auswertung vorgenommen? Wann darf mit einem Ergebnis gerechnet werden?

Wir werden voraussichtlich bis 16. August online sein. Die anonym abgefragten Daten reichen von demografischen Basics wie Alter, Herkunft und Geschlecht bis zu eigenen Diskriminierungserfahrungen im Arbeits- und privaten Umfeld. Wir schätzen, dass wir im Herbst erste Zahlen veröffentlichen können.

Welches Bild zeichnet sich Ihrer Meinung nach bezüglich Chancengerechtigkeit und Diskriminierung in der deutschen Film- und TV-Branche ab?

Die Branche ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wenn man z.B. liest, welch traurigen Zulauf die Hotline der Themis Vertrauensstelle hat, dann könnte es durch unsere Umfrage überraschende Ergebnisse geben. Wir fragen sehr unterschiedliche Formen von Diskriminierung ab. Auch alles, was in der Grauzone vor sexueller Belästigung und Gewalt geschieht. Altersdiskriminierung z.B. ist durch Corona gerade in die Schlagzeilen geraten. Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit werden in unserer vermeintlich ­toleranten Branche komplett unterschätzt. Genauso wie der alltägliche Rassismus, dem Menschen mit Migrationshintergrund ständig ausgesetzt sein können, den die "weiße" Mehrheitsgesellschaft oft gar nicht als solchen erkennt. Letztendlich geht es bei den Ergebnissen unserer Umfrage darum, Maßnahmen zu entwickeln, wie prekäre Verhältnisse abgebaut werden können, um die Filmbranche gerechter zu gestalten. Aber natürlich auch darum, wer bei uns welche Inhalte umsetzt. Vor und hinter der Kamera.

Das Bemühen der Sender ist da, es gibt einige positive Beispiele bezüglich Integration im TV-Film. Auf die ganze Branche gemünzt: Reichen die Bemühungen? Sind die Ansätze richtig?

Ansätze sind immer gut. Aber um mit einem alten Werbeclaim zu antworten: "Mühe allein genügt nicht." Ein paar Vorzeigeprojekte reichen daher nicht aus. Vielfalt muss gewollt sein und verstanden, umgesetzt und gelebt werden. Das fängt in den Entscheidungsetagen an.

Wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen Filmnationen?

Die USA sind uns sicher Jahrzehnte voraus, und auch dort liegt noch einiges im Argen. Vor allem durch die Streamingdienste und die zunehmende Internationalisierung deutscher Produktionen kommen wir hierzulande in positiven Zugzwang was Repräsentation von Vielfalt angeht. Für Europa machen es uns die Briten mit ihren Diversity Standards vor. Dort versucht man sowohl personell vor und hinter der Kamera Quoten für die einzelnen marginalisierten Gruppen zu erfüllen als auch in den Inhalten. Immerhin hat die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein mit ihrer Diversity Checklist gerade einen ersten Vorstoß gewagt. Das ist ein tolles Signal und macht Hoffnung!

Das Gespräch führte Barbara Schuster