Kino

Kino-Wiedereröffnungen in Deutschland: Ein Rückschlag

Mehr als 200 deutsche Kinos nutzten das Startwochenende von "Unhinged" und "Berlin Alexanderplatz", um ihre Türen wieder zu öffnen. Doch der Aufwärtstrend der letzten Wochen wurde jäh gebremst. Etwas anders sah die Entwicklung in Österreich aus.

20.07.2020 12:23 • von Marc Mensch
An einem enttäuschenden Wochenende hatte "Berlin Alexanderplatz" unter den Top-10-Filmen wenigstens einen überdurchschnittlich hohen Kopienschnitt (Bild: Entertainment One (Paramount))

Dass das vergangene Wochenende kein gutes für die deutschen Kinos war, wird schon beim flüchtigen Blick auf die Charts deutlich. Unhinged" konnte als erster größerer Hollywood-Neustart nach dem Lockdown kein echtes Zeichen setzen, ähnliches galt für die Arthouse-Hoffnung "Berlin Alexanderplatz", die mit einer Laufzeit von drei Stunden ins Rennen gegangen war. Dass das schöne Wetter den Kinos nicht eben in die Karten spielte, trug sicherlich einen gehörigen Teil zu den insgesamt enttäuschenden Ergebnissen bei; abzulesen ist dies auch an den hohen Drops der meisten Filme. So mussten sich die beiden prominentesten Neustarts des Wochenendes mit einem nahezu identischen Kopienschnitt von rund 71 bzw. 72 bescheiden, der innerhalb der Top Ten aber immerhin überdurchschnittlich war ("Marie Curie - Elemente des Lebens" stach hier mit 81 hervor). Die Folge: Nach Wochen eines zumindest positiven Trends (bei insgesamt noch überschaubaren Zahlen) ging es nun laut ComScore bei den Besuchern um rund zwölf, beim Boxoffice um knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorwochenende zurück.

Dies wäre angesichts des zähen Weges zurück zu halbwegs "normalen" Ergebnissen schon bedauernswert genug. Was die Bilanz aber zusätzlich verhagelt, ist die Tatsache, dass über 200 Kinos das letzte Wochenende genutzt hatten, um nach der Corona-bedingten Schließung wieder an den Start zu gehen. Anders ausgedrückt: Nach Zählung von ComScore nahm die Zahl der wiedereröffneten Kinos zuletzt um mehr als ein Drittel auf gut 800 zu. Angemerkt sei erneut, dass hier Standorte gezählt werden, nicht Leinwände.

Zwangsweise Folge: Der Durchschnittsumsatz pro offenem regulären Kino rutschte wieder auf rund 2136 Euro ab. Zum Vergleich: Schon Anfang Juli hatte dieser Wert bei 2313 Euro gelegen, am vergangene Wochenende war der bisherige Corona-Spitzenwert (von "Post"-Corona ist hier bewusst nicht die Rede...) von 3006 Euro pro Haus erzielt worden. Selbst zum schwächsten Wochenende der vergangen fünf Jahre fehlten den wiedereröffneten Kinos nun wieder 22 Prozent nach Besuchern und 35 Prozent nach Ticketumsatz, im Gesamtmarkt wuchs der Abstand wieder auf 37 bzw. 46 Prozent an. Von einem "mittleren Wochenende" als einer entscheidenden Benchmark zur Erholung des Marktes war der Gesamtmarkt zuletzt wieder um 83 Prozent nach Besuchern und 86 Prozent nach Boxoffice entfernt.

Etwas anders fiel am vergangenen Wochenende das Bild in Österreich aus. Her stieg die Zahl der wiedereröffneten Kinos um acht auf 67 (also um 13,5 Prozent), die Besucherzahlen nahmen allerdings um fast 47 Prozent zu. Ihr schwächstes Wochenende der vergangenen fünf Jahre haben die wiedereröffneten österreichischen Häuser am vergangen Wochenende nach Besuchern um 39 Prozent, nach Umsätzen sogar um 49 Prozent übertroffen. Was weniger erfreulich klingt, wenn man sich vor Augen führt, dass zu einem "mittleren Wochenende" noch 59 bzw. 58 Prozent fehlten. In umgekehrter Reihenfolge gilt dies übrigens für den Abstand des Gesamtmarkts zur niedrigsten Benchmark, für ein mittleres Wochenende fehlten dem österreichischen Kinomarkt noch jeweils 88 Prozent - was nicht zuletzt daran liegt, dass unter anderem sämtliche Häuser von Marktführer Cineplexx noch geschlossen sind. Tatsächlich lag der Durchschnittsumsatz pro wiedereröffnetem Haus (trotz des deutlichen Übertreffens des "schlechtesten Wochenendes") in Österreich auch nur bei rund 2555 Euro.

Noch einmal kurz zurück nach Deutschland: Dass der Verleihbezirk Berlin sich am vergangen Wochenende der unteren Benchmark (schwächstes WE) am deutlichsten nähern konnte (auf knapp 90 Prozent der Besucher) überrascht kaum, "Berlin Alexanderplatz" dürfte dort überproportional gute Zahlen geschrieben haben. Und abschließend explizit erwähnt seien zwei Lichtblicke: Dass Meine Freundin Conni - Geheimnis um Kater Mau" in Corona-Zeiten bereits knapp 121.000 Besucher gefunden hat, ist wirklich aller Ehren wert - und auch die knapp 70.000 Besucher, die Paw Patrol: Mighty Pups" vorwiegend an zwei Sonntagen erreichte, machen Mut, dass bald auch wieder insgesamt (deutlich) mehr gehen könnte. Wollen wir hoffen, dass eher jene Analysten Recht behalten, die baldige, notfalls regional begrenzte, Blockbuster-Starts prognostizieren, als jene, die vor 2021 keine Tentpoles mehr in die Kinos kommen sehen...