Kino

Leopold Grün: "Wir sind ein Seismograph der Branche"

Der Geschäftsführer von Vision Kino, spricht im Interview mit Blickpunkt:Film über die Bedeutung des Ortes Kino, die vielfältigen Herausforderung bei der Film- und Medienbildung und was er sich für den Kongress "Vision Kino 20" im November vorgenommen hat

10.07.2020 11:38 • von Jochen Müller
Vision-Kino-Geschäftsführer Leopold Grün (Bild: Erika Borbély Hansen)

Der Geschäftsführer von Vision Kino, spricht im Interview mit Blickpunkt:Film über die Bedeutung des Ortes Kino, die vielfältigen Herausforderung bei der Film- und Medienbildung und was er sich für den Kongress "Vision Kino 20" im November vorgenommen hat

Sie sind schon länger als 100 Tage im Amt - wie ist Ihre Bilanz der ersten Zeit?

Ich bin Mitte Januar gestartet, in Vor-Corona-Zeiten, mit viel Schwung und Energie. Es hat große Freude gemacht, zu sehen, dass man noch viel tun kann und gleichzeitig schon so viel da ist. Dieses Gefühl hat mich begleitet. Aber natürlich hat es auch uns erst mal kalt erwischt. Wir haben uns gefragt, wo liegen die Chancen, was kann man Kluges tun, wenn einem ansonsten die Hände gebunden sind. Die Möglichkeit, in Kommunikation zu treten, bestand ja weiterhin. Das habe ich getan und versucht, die Fühler auszustrecken zu Leuten und Institutionen, die mir wichtig sind, neue Türen zu öffnen. Dass alle auf sich zurückgeworfen wurden, eröffnete die Chance zum Nachdenken - was meiner Meinung nach bezogen auf die gesamtgesellschaftliche Situation zu wenig passiert ist. Reflexion ist notwendig in dieser Zeit, in der das Kino mit Dingen wie Digitalisierung konfrontiert ist. Ich habe die Möglichkeit genutzt, den Kontakt mit unseren KollegInnen zu intensivieren, nicht immer in Anwesenheit, aber auf der Grundlage unserer anderthalb Monate vorher lies sich das gut fortführen.

Wie ist Ihr Background, fühlten Sie sich gut vorbereitet auf die Aufgabe?

Ich komme sowohl aus der Pädagogik als auch von der Filmemacherei. Zuletzt hatte ich die Geschäftsführung der AG Verleih inne. Von der Ausbildung her bin ich Grundschullehrer, Medienpädagoge und diplomierter Medienberater. In Berlin habe ich den Bereich Medienkompetenzvermittlung bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen geleitet. In dieser Zeit habe ich für mich das Kino ent-deckt und selbst bei zwei Dokumentarfilmen Regie geführt - Der Rote Elvis" lief bei der Berlinale 2007, Am Ende der Milchstraße" hat 2014 den Bayerischen Filmpreis gewonnen. Meine Liebe zum Kino verwob sich mit dem Anspruch der Me-dien- und Filmbildung, und bei der AG Verleih konnte ich auch die Nöte und Chancen der Branche kennenlernen.

Wie wichtig ist Ihnen die Einbindung von Vision Kino in die Branche? Wie wollen Sie das konkret fortführen?

Generell stellt sich die Frage, wie geht es weiter, welche Filme werden produziert und verliehen und in den Mittelpunkt unserer Filmpolitik gesetzt? Da geht es um die Existenz des Kinos, um Qualität, und da sehe ich uns unmittelbar an der Schnittstelle. Zwar nicht wirtschaftflich, aber da wir uns mit den Kinogängern von morgen beschäftigen, ganz nah dran. Wir sind auch durch unsere Zuwendungsgeber in die Branche eingebunden, das BKM auf der einen und die FFA auf der anderen Seite. Ich will mich in den filmpolitischen Diskurs einbringen, es macht keinen Sinn, sich rauszuhalten, als "nur" Pädagogen. Wir sind ein Seismograph der Branche, wenn es darum geht, wie Kinder und Jugendliche das Kino als Medium nutzen, es als Alternative wahrnehmen. Wir bekommen die Entwicklung zuerst mit.

Als Sie das Amt übernommen haben, gab es einen kleinen Presseknall, Forderungen wurden laut aus bestimmten Journalistenkreisen, dass mehr passieren müsse in punkto Filmbildung. Haben Sie das als unangenhem oder als motivierend empfunden?

Eher motivierend. Der sogenannte Donnerschlag war ja schon geschehen, als ich das Amt angetreten habe. Mit meinem Hintergrund, der das Kreative, das Bildnersche und das Filmpolitische verbindet, fühle ich mich gut berufen für diese Aufgabe und kann Fragen in die richtige Richtung lenken. Meine Botschaft: Ich will erst einmal etwas bewegen, nach vorne gucken. Wir haben es mit in 15 Jahren ge-wachsenen Strukturen zu tun, da gibt es immer etwas zu verändern. Ich fühlte mich nicht angegriffen, aber den Tonfall fand ich nicht angemessen, auch nicht immer kenntnisreich. Aber das passiert, ich suche das Gespräch und die Zusammenarbeit und bin zunächst einmal grundsätzlich optimistisch.

Welche Rolle spielt der Ort Kino bei Ihren Überlegungen, auch im Vergleich mit an-deren Medienkanälen, die immer mehr an Bedeutung gewinnen?

Da sprechen Sie die zentrale Fragestellung an, die fast ins Philosophische geht. Der Ort des Kinos - wir müssen die Auffassung verlieren, dass Kino etwas Gestriges ist. Sondern etwas, was neu aufgestellt in die Zukunft geführt werden muss. Es ist ein Ort, an dem wir uns von der Digitalisierung erholen können. Die permanente Online-Präsenz bringt eine extreme Qualität mit sich, die uns die Möglichkeit abverlangt, immerzu zu reagieren. Aber sie lässt auch eine Qualität vermissen: die Konzentration. Wie im Konzert beispielsweise, wo man bewusst aufgefordert wird, das Handy auszuschalten. Der Film hat seine Zuschreibung in allen Kategorien. Wir haben ihn überall zu sehen, wo wir nur können. Dagegen braucht man nicht anzukämpfen - wir wissen, dass die, die viel auf Plattformen gucken, auch ins Kino gehen. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, wir als Kinovertreter müssen unsere Angebote darauf ausrichten. Im Kino muss mehr stattfinden als nur das Abspielen eines Films. Da sind wir schnell bei dem, was Vision Kino tun soll und kann: Alternative Sehformen des Films aufzeigen, die Qualität des Ortes herausstellen, die Tatsache, dass man zusammen schaut, miteinander ins Gespräch kommt, den Diskurs stattfinden lassen kann an einem Ort, mit Akteuren des Films, der Bildung und der Branche, mit Kindern und Jugendlichen - Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht kennengelernt hätten.

Erwachsen daraus auch Ideen für ein Kino der Zukunft?

Festivals bieten solch wichtige Momente wie oben beschrieben, da schauen wir Filme, die würden wir sonst nie gucken, begegnen Neuem. Da muss das Kino seine Qualität entwickeln, stärker zu einem Festival werden. Es wird nicht nur überleben - bei dem Ausdruck hat man das Gefühl, es geht am Stock -, es wird neue Qualitäten entwickeln. In der Medienwissenschaft habe ich gelernt, es gibt immer neue Medien, die fügen sich additiv hinzu, es geht nichts wirklich unter.

Aber die Frage nach der Ökonomie des Kinos ist natürlich berechtigt und muss gestellt werden: Ist es noch ein marktwirtschaftlich sinnvolles Unterfangen, lohnt es sich, oder muss es musealisiert werden? An Filmen, die ins Netz gewandert sind, nachdem sie im Kino waren, zeigt sich, dass sie eine solche Öffentlichkeit im Netz nicht finden, da ist die Konkurrenz größer.

Welche Bedeutung hat Filmbildung und wann sollte sie starten? Und wie stehen wir in Deutschland da im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn?

Es gibt eine große Diskrepanz, wie sich Film in unsere Kultur, in unsere "Literatur des Sehens" einbezieht - das ist in anderen Ländern stärker verankert, da gibt es eine andere Kultur des Films auch in der Schule, in den Curricula. Es hat sich auch bei uns verbessert, es wird auch mehr berichtet über Filmbildung und Medienkompetenz, aber der Film als Kulturgut hat noch nicht die Dimension, die er haben sollte. Da schauen wir manchmal neidvoll nach Frankreich, England oder Dänemark, wo Bildung allerdings zentralstaatlich organisiert ist. Aber da liegt auch unsere Chance als Vision Kino: Wir agieren bundesweit, das legt viele Kräfte frei. Mit den Schulkinowochen haben wir viel geschafft, sie sind stark integriert in den einzelnen Bundesländern, es gibt viele Kooperationen. Die dort unterbreiteten Angebote müssen vor- und nachbereitet werden. Dafür liefern wir, oft zusammen mit den Verleihern, verschiedenste Materialien. Strukturell sind wir trotzdem immer noch im Hintertreffen zu anderen Ländern, aber nicht schlecht aufgestellt. Und ich habe festgestellt, dass die Anerkennung von Filmbildung auch in der Branche inzwischen groß ist - anders als vor 20 Jahren. Mittlerweile besteht darin Übereinkunft, dass wir auch die Kunstform stärker herausarbeiten müssen - wie sich ein Film gestaltet, seine ästhetischen Qualitäten, nicht nur seine Inhalte. Das sind Felder, die ich stärker in den Mittelpunkt rücken will. Dazu gibt es viele Möglichkeiten, auch mit digitalen Tools oder unserem Filmheft Zoom. ... Im Kino hat diese Rezeption eine andere, sinnliche Qualitität, die sich am Tablet oder Handy nicht erschließst, wenn ich jederzeit abgelenkt werden kann. Im Kino erlebe ich Film noch einmal ganz anders, in der Verbindung zwischen Kopf und Bauch. ...

Was intendieren Sie mit dem Kongress "Vision Kino 20", welchen Aufschlag wollen Sie machen und wie realistisch ist die Planung einer realen Zusammenkunft?

Wichtig ist mir, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, eine Aussage über unsere Intentsionen zu treffen. Und es ist auch ein Lernprozess: Wie können wir, sicher mit weniger Menschen, einen Umgang miteinander finden, Zusammenkünfte ermögli-chen, mit den Folgen der Pandemie umgehen, ohne alles abzusagen. Auch das braucht Übung, wir sind eine davon. Wenn es erforderlich ist, werden wir natürlich absagen. Mit Bodo Ramelow haben wir jemanden, der das ähnlich sieht, und in Er-furt eine glückliche Situation. Wir planen einen inhaltlichen Aufschlag: Zum einen hat Deutschland die EU- Ratspräsidentschaft inne, wir stellen unsere Themen in einen europäischen Kontext, präsentieren u.a. einen Online-Kurs und stellen die Frage nach den Kompetenzen, die man braucht, um Film zu unterrichten. Zu dem Thema haben wir einen Beitrag aus Frankreich. Bei "Kino, jetzt erst recht" gibt es eine europäische Perspektive, ebenso beim Panel "Populismus und rechte Agitation" mit einer Kollegin aus dem Europa-Parlament. Wir müssen reagieren können auf rechte Tendenzen, dazu bieten wir Erfahrungswerte z.B. von einem Projektleiter der Schulkinowochen, der aus eigener Erfahrung berichtet. Ein wichtiger Punkt ist die Bestimmung, was ein Vision Kino Netzwerk leisten soll. Da geht es ja nicht nur um Datenbanken - die eigentliche Aufgabe eines guten Netzwerkes ist es, Menschen mit ihren Gedanken zusammenzubringen. Wo die Reise hingehen soll, wollen wir mit unterschiedlichen Akteuren herausfinden.

Die entscheidende Frage ist, was kann, was muss das Kino in Zukunft leisten. Da wollen wir Akteure mit praktischer Erfahrung, Kinobetreiber und Verbände einbezie-hen. Diversität ist das Gebot. Wir haben viele Filmemacherinnen/Produzentinnen eingeladen und für die Abschlussrunde nur Frauen ausgewählt - ohne großes Aufsehen, das könnte eine neue Normalität sein, ebenso wie das Einbeziehen unserer Filmgeschichte aus Ost und West.

Zu Beginn wird der Drehbuchpreis "Kindertiger" verliehen. Erstmals werden sowohl in der Vorauswahl als auch in der Endauswahl ausschließlich Kinder entscheiden, wer aus den 17 Einreichungen nominiert wird und gewinnt.

Welche Vision haben Sie für Vision Kino?

Vieles steckt in dem Programm des Kongresses.... Ich möchte auch die Kommunikation mit der Wissenschaft intensivieren, die Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und mit den Festivals stärken, denn, da kann Begeisterung für das Kino ausgelöst werden. Allerdings werden wir mit der Tatsache zu kämpfen haben, dass unsere finanziellen Möglichkeiten wohl eingeschränkt werden, weil die FFA weniger Geld zur Verfügung haben wird. Aber es geht nicht nur ums Geld - es geht um die Zukunft des Kinos und der Filmbildung, und das ist manchmal auch eine Frage der Perspektive. Gerade ist unser Leitfaden für Schulkinos erschienen, der Kinobetreibern Möglichkeiten aufzeigt, über die Schulkinowochen hinaus etwas zu machen, um die junge Generation für sich zu entdecken. Als ein Weg in die Zukunft.

Das Gespräch führte Marga Boehle