Kino

Ira von Gienanth, Geschäftsführung Einkauf & Lizenzen bei Prokino: "Festivalfilme brauchen Kritiker"

Wie haben die deutschen Einkäufer den diesjährigen Marché du Film erlebt, der nur virtuell abgehalten werden konnte? Hier berichtet Ira von Gienanth, Geschäftsführung Einkauf & Lizenzen bei Prokino Filmverleih.

10.07.2020 14:02 • von Barbara Schuster

Wie haben die deutschen Einkäufer den diesjährigen Marché du Film erlebt, der nur virtuell abgehalten werden konnte? Hier berichtet Ira von Gienanth, Geschäftsführung Einkauf & Lizenzen bei Prokino Filmverleih.

Wie haben Sie den diesjährigen Marché du Film erlebt, der aufgrund der Coronapandemie nur virtuell stattfinden konnte?  

So ungefähr die schlimmste aller Möglichkeiten, schon Festivals in der eigenen Stadt sind wie Zahnschmerzen zweiten Grades, aber im eigenen zuhause und im Büro... Prinzipiell kann ich mir das für Prebuy-Märkte vorstellen, aber Festivalfilme brauchen Kritiker, brauchen Publikum, brauchen das Drum- herum. Wir sind ja auch nicht allwissend, also ist der Austausch, seine eigene Meinung auch mal in Frage zu stellen und der Begeisterungswillen von vielen schon ein großer Unterschied. Wenn man sich bei virtuellen Märkten dann auch noch mit befreundeten Verleihern aus dem Ausland auf Zoom treffen muss, um sich auszutauschen, bleibt nicht mehr viel.

Waren alle Möglichkeiten des Austausches gegeben? Hat die Technik reibungslos funktioniert? Würde Ihnen die virtuelle Form auch künftig genügen?

Den reibungslosen Ablauf hat meist der Mensch gestört, wenn z.B. vergessen wurde, die Videolinks mit- zuteilen. Dann gab es auch einzelne klassische Telefonanrufe, was zur Abwechslung nett und eigentlich noch ein wenig konzentrierter war. Das System der Screenings war schnell durchschaut, um auch die Plätze in der ersten Reihe Stunden später zu sichern. Trotzdem ist es ein großer Unterschied, um neun Uhr morgens auf einem Festival einen Film zu sehen, übermüdet, aber voller Neugier, oder im trauten Heim, allein. Da bräuchte es mehr Flexibilität, wie auch bei den Presentations, die ja weit vorher getapet wurden. Alles auf einen Montag zu legen, macht wenig Sinn, da ist es ja wie das reale Chaos in Cannes. Aber es ist und bleibt ein Peoplebusiness. Und das ist es ja auch, was uns daran festhalten lässt. Die Tendenz der amerikanischen Sales, den Berlinalemarkt virtuell anzugehen, finde ich daher wenig spannend.

 Wie war generell die Stimmung? Wie schätzt man die Folgen der Pandemie im Ausland für den Kinomarkt ein?

Wir warten ab und versuchen, so schnell wie möglich zu handeln, wenn es Handlungsbedarf geben sollte. Wir sind nur auf Dauer mehr und mehr entsetzt, dass bei keiner Rettungsaktion für das Kino im In- und Ausland auch an die Verleiher gedacht wird. Wir setzen uns ein, doch auf Dauer kommt man sich schon vor wie Don Quichote. Oder Terry Gilliam auf der Suche nach Don Quichote.

Konnten Sie fündig werden? Wenn ja welche Titel bringen Sie mit? 

Für uns blieb wenig, aber da wir bis Sommer nächsten Jahres Produkt haben, kann ich auf überzeugendere Filme und Projekte gerne warten.