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Nachruf auf Tilo Prückner

Wie diesen Montag bekannt wurde, ist Schauspieler Tilo Prückner am 2. Juli völlig überraschend im Alter von 79 Jahren verstorben. Oliver Vogel, Chief Creative Officer der Bavaria Fiction, schrieb für Blickpunkt:Film einen Nachruf. Er arbeitete mit Prückner bis zuletzt bei der ARD-Serie "Rentnercops" zusammen.

09.07.2020 15:46 • von Frank Heine
Adieu, Tilo Prückner! (Bild: ARD/Kai Schulz)

An Humor fehlte es Tilo Prückner nicht. "Die meisten Schauspieler in dem Alter waren ja schon tot, aber diejenigen, die noch lebten, die waren alle da." Diesen Satz zitierte Tilo Prückner immer wieder und spielte auf das erste Casting der "Rentnercops" im Jahr 2014 an. Da saßen sie alle, die großen deutschen Schauspieler, in einem Casting Studio in Berlin Prenzlauer Berg. Alles Konkurrenten und Tilo machte sie mit seinen Sprüchen leicht nervös, zumindest diejenigen, die für seine Rolle gecastet wurden. "Wie, du lebst noch? Ich dachte du bist längst tot". Tilo ließ nichts unversucht, diese Rolle zu bekommen. Er wohne zwar in Berlin, aber Köln wäre für ihn kein Problem, seine Freundin wohne da. Nur bei einem Kollegen, Wolfgang Winkler hielt er sich zurück mit Provokationen, mit ihm verbündete er sich schon beim ersten Vorsprechen. Tilo hatte das richtige Gespür. Winkler war der Favorit für die andere Rolle und mit ihm zog er beim Casting alle Register. Die Beiden lernten sich bei diesem Casting erst kennen und sie bekamen am Ende die beiden Rollen.

Tilo sagte mir mal, mit dem Wolfgang, da hast du mir nicht nur einen tollen Kollegen geschenkt, sondern auch im hohen Alter nochmal einen echten Freund. Die Beiden waren unzertrennlich, teilten sich beim Dreh in Köln sogar einen gemeinsamen Wohnwagen und waren eigentlich fast jeden Abend auf ein Feierabendbier in ihrer Stammkneipe auf der Aachener Straße. Als Wolfgang im Dezember 2019 an Krebs starb, hat Tilo unendlich gelitten. Aber er hat weiter gemacht, halt etwas knorriger, eben wie seine Rolle in der Serie "Rentnercops", wo er als Einzelgänger nie über den Verlust der Ehefrau hinweg kam. Und überhaupt, Tilo war auch im echten Leben immer etwas wie in seinen Rollen. Etwas grantelig, rebellisch, anarchisch. Nur wenn es um seine Lebensgefährtin ging, die er schon beim Casting erwähnte, da war Schluss mit granteln. Wenn er von ihr sprach, dann strahlte er und kam ins Schwärmen. Er zog vor etwa zwei Jahren nochmal um in Berlin, in eine neue Wohnung in Schöneberg. Stolz präsentierte er mir nach einem Arbeitsessen sein neues Heim, Altbau ohne Aufzug, das hält fit meinte er. Tilo hatte noch nicht vor zu gehen, er stand mitten im Leben.

Seine schauspielerische Karriere begann Tilo Anfang der 60er Jahre mit einer Schauspielausbildung in München. Prückner ist Mitbegründer der Schaubühne Berlin, spielte am Schauspielhaus Zürich und gastierte am Bayerischen Staatsschauspiel. Für seine Rolle in der Kinokomödie "Bomber & Paganini" an der Seite von Mario Adorf erhielt er 1976 den Deutschen Darstellerpreis. Die Rollenangebote rissen aber auch im Alter nicht ab, Tilo war immer gefragt und spielte auch kleine Rollen - "Das sind meist die besseren Rollen" sagte er einmal. "Kommissarin Lucas", "Tatort", die Kluftinger-Krimis, die "Ostwind"-Filme, Tilo hatte immer einen vollen Kalender und reiste oft von Drehort zu Drehort. Tilo war ein brillanter Schauspieler, der sein Handwerk traumwandlerisch beherrschte. Das wusste er, an Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Aber genauso wenig mangelte es ihm an Respekt, vor allem anderen Künstlern gegenüber. Tilo verneigte sich vor seinem Kollegen Wolfgang Winkler und er wusste auch, dass eine Rolle nur so gut ist, wie ihr Text. Leicht verwundert rief mich nach der Auslieferung der ersten Drehbücher der "Rentnercops" die Head Autorin Sonja Schönemann an. Tilo Prückner habe sich telefonisch bei ihr gemeldet und wollte ihr nur sagen, wie hervorragend er die Bücher findet und dass er ihr ein Kompliment machen muss und sich auf den Dreh freut. Das kommt ja nicht so oft vor.

Aber Tilo Prückner wusste auch, dass nicht jeder Schauspieler in seinem Alter dieses Privileg hat, noch arbeiten zu dürfen. Deswegen war ihm die Serie "Rentnercops" sehr wichtig. Ihm war wichtig zu zeigen, dass die Alten noch gebraucht werden, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind, dass alte Menschen nicht diskriminiert werden. Für mich war Tilo eh nicht alt, er sah nur alt aus oder wie er selbst mal in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" sagte "wie Albert Einstein auf der Flucht". Heute rief mich ein alter Freund von Tilo an, auch Schauspieler, und meinte, das mit der Todesnachricht sei doch ein Scherz, er habe erst letzte Woche mit ihm telefoniert und da ging es ihm super. Er warte noch auf eine Antwort auf eine E-Mail... aber die werde dann wohl nicht mehr kommen? Ja, letzte Woche ging es ihm noch super und die Mail wird er nicht mehr beantworten können. Tilo hatte Mails sowieso gehasst, er sagte mir mal, wenn ich was will, soll ich anrufen. Aber auch das kann ich jetzt nicht mehr. Tilo, ich halte dich immer in guter Erinnerung. Mein tiefes Mitgefühl gilt deiner Frau, deinen Kindern und deinen Enkeln.

Oliver Vogel