Kino

KOMMENTAR: Lokalrunde

Es gibt viele gute Gründe, mit Sorge in Richtung USA zu blicken. Drei Mio. Menschen haben sich dort bereits mit dem Coronavirus infiziert; zehn Prozent davon allein in den letzten sieben Tagen; die höchsten Infektionszahlen seit Ausbruch der Pandemie zu Beginn des Jahres.

09.07.2020 07:38 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Es gibt viele gute Gründe, mit Sorge in Richtung USA zu blicken. Drei Mio. Menschen haben sich dort bereits mit dem Coronavirus infiziert; zehn Prozent davon allein in den letzten sieben Tagen; die höchsten Infektionszahlen seit Ausbruch der Pandemie zu Beginn des Jahres. Eine realistische Aussicht auf eine baldige Besserung besteht nicht. Angetrieben von einem Präsidenten, der auf der Fiedel spielt, während sein Land brennt, ergeht man sich in sinnlos politisierten Debatten über das Für und Wider des Tragens von Masken und streckt die Waffen vor SARS-CoV-2. Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen das Versagen in den USA hat, muss andernorts diskutiert werden.

Für die Kinobranche auch in Deutschland ist die Situation nicht minder eine Katastrophe: Solange Kinos gerade in den Ballungszentren der USA geschlossen bleiben müssen, ist völlig unklar, wann Hollywood wieder ins Geschehen eingreift: Die Kinos in Deutschland sind wieder geöffnet, aber ob die ganz großen Blockbuster ihre ohnehin schon mehrfach verschobenen Starttermine halten können werden, ist doch in großem Maße davon abhängig, ob weltweite Starts möglich sind.

Nun kann man hoffen, dass die Studios reagieren. Und dass sie, wenn sie es tun, eben zuerst die Territorien mit neuen Filmen bestücken, deren Kinos wieder geöffnet haben und dringend neues Produkt brauchen, anstatt die Kinos mit ihren großen Filmen komplett zu umschiffen. Disneys aktueller Erfolg mit "Hamilton" auf Disney+, wo der Start des ursprünglich für einen Kinostart vorgesehenen Musicals von Lin-Manuel Miranda allein in den USA für ein Download-Plus von 72 Prozent sorgte, jedenfalls zeigt, dass zugkräftige Titel durchaus für Wachstum im Streamingmarkt sorgen können. Blickt man auf die deutschen Kinozahlen, dann wird das Geschäft aktuell ohnehin fast ausschließlich von lokalem Produkt getrieben.

Während des Lockdowns waren es die deutschen Hits, die für volle Autokinos sorgten. Und am ersten Wochenende mit wieder landesweit geöffneten Kinos dominieren drei deutsche Neustarts das Geschehen. Erstmals überhaupt wurde die Top 5 ausschließlich von deutschen Produktionen gestellt. Die Zahlen sind nicht Weltklasse, aber unterstreichen angesichts der Situation mit derzeit noch stark beschränkten Auslastungsmöglichkeiten, dass die Bereitschaft der Kunden durchaus da ist, wieder ins Kino zu gehen, auch wenn draußen die Sonne scheint und das Schwimmbad ruft. Was wir also erst einmal brauchen, während Corona in den USA den Studios die Hände bindet, ist weiterhin starkes lokales Produkt: Nie war die Chance besser für den deutschen Film, für sich zu werben. Dass er besser ist als sein Ruf, dass wissen wir. Jetzt kann er es beweisen. Und das Kino retten.

Thomas Schultze, Chefredakteur