Kino

Kino-Wiedereröffnungen in Deutschland: Der Stand der Dinge

Im Rahmen seiner Halbjahresbilanz hat ComScore auch den Fortschritt wiedereröffneter Kinos auf dem Weg zu "normalen" Ergebnissen skizziert - und damit zwar unterstrichen, wie groß die noch klaffende Lücke ist. Aber auch einen grundsätzlich positiven Trend bilanziert.

08.07.2020 17:12 • von Marc Mensch
Seit 2. Juli wieder am Start: Der Münchner Mathäser mit dem Vorzeigesaal (m)K6 (Bild: Kinopolis)

Eines vorweg: Die jetzt von ComScore vorgelegte endgültige Bilanz für das erste Kinohalbjahr fällt gegenüber der vorläufigen Zählung sogar noch ein klein wenig düsterer aus - auch wenn zumindest für die Topfilme nun sogar etwas höhere Zahlen zu Buche stehen. Anpassungen an anderer Stelle führten jedoch dazu, dass der Rückstand gegenüber dem Vorjahr zum Halbjahr (betrachtet wurde der Zeitraum vom 2. Januar bis 1. Juli 2020) auf 52,6 Prozent nach Umsatz und auf 51,6 Prozent nach Besuchern anwuchs.

Naturgemäß schlägt sich in dieser miserablen Bilanz das katastrophale zweite Quartal nieder, in dem gerade einmal 1.832.818 Besucher gezählt werden konnten (minus 91,6 Prozent), die für Ticketumsätze in Höhe von 15.358.024 Euro (minus 92,2 Prozent) sorgten. Und es ist keineswegs davon auszugehen, dass die sonst immer deutlich höheren FFA-Zahlen diesmal für eine nennenswerte Aufhellung der Bilanz werden sorgen können, dazu ist schon die Basis für abweichende Erhebungsmethoden schlicht zu gering - zumal Stellen hinter dem Komma bei derartigen Minuswerten im höchsten zweistelligen Bereich kaum noch ins Gewicht fallen.

Übrigens steht Deutschland im internationalen Vergleich mit diesen Rückgängen beileibe nicht am schlechtesten da: In den USA zum Beispiel summiert sich das Umsatzminus laut COmScore gegenüber 2019 zum Halbjahr auf ganze 69,8 Prozent.

Das die Horrorzahlen angesichts der Umstände alles andere als unerwartet kommen, ist natürlich nur ein extrem schwacher Trost - allerdings treffen sie eben auch keinerlei Aussage über den eigentlichen Zustand des Kinomarktes unter auch nur halbwegs normalen Bedingungen.

Insofern ist im Grunde ein anderer Aspekt, dem ComScore in seiner Bilanz Aufmerksamkeit widmet, der erheblich interessantere: Die Entwicklung bei den wiedereröffneten Kinos und den von ihnen erzielten Zahlen.

Dazu ist zunächst zu sagen, dass der unter anderem von der AG Kino-Gilde propagierte 2. Juli zwar tatsächlich für den bislang mit Abstand größten Sprung bei der Anzahl wiedereröffneter Kinos steht, das tatsächlich Ausmaß aber geringer ausfiel, als mitunter vielleicht erwartet.

594 Kinos waren es laut ComScore, die zu diesem Stichtag den Spielbetrieb wieder aufgenommen hatten - von 1319 die ComScore für die fünf deutschen Verleihbezirke insgesamt listet. (Die FFA zählt bundesweit 1734 Standorte, allerdings inklusive der Sonderformen). Mit anderen Worten: Auch nach ComScore-Zählung war zuletzt weniger als die Hälfte der deutschen Filmtheater schon wieder am Start. Von einer flächendeckenden Präsenz mag man da eher noch nicht sprechen - auch wenn in sämtlichen Bundesländern zumindest in den Metropolen wieder ein Kinoangebot vorzufinden ist. Ergänzt werden die regulären Häuser weiterhin von einer erheblichen Anzahl temporärer Installationen. 166 zählte ComScore zuletzt, was nicht nur den höchsten Wert seit Anfang Juni darstellte, sondern auch nicht allzu weit vom Spitzenwert (187 Ende Mai) entfernt ist. Wobei Autokinos natürlich zunehmend durch "reguläre" Open-Air-Veranstaltungen ersetzt werden.

Zurück zum 2. Juli: Im Vergleich zum Stichtag 25. Juni wuchs die Zahl der wiedereröffneten Kinos um immerhin 173, nachdem sich der wöchentliche Anstieg seit 21. Mai (bei damals 45 geöffneten regulären Kinos) bei 67, 72, 56, 95 und 86 bewegt hatte. Und was das Wichtigste ist: Dank punktuell (und gerade unter Berücksichtigung der Umstände) durchaus sehr erfreulicher Ergebnisse stand das auf den 2. Juli folgende Wochenende für den mit Abstand besten Durchschnittsumsatz pro Kino in der am 21. Mai beginnenden ComScore-Auswertung: Nun sind knapp 2313 Euro sicherlich kein Grund zum Jubeln - aber doch ein positives Zeichen, wenn man sich die Pro-Kino-Einnahmen im Verlauf ansieht. Denn diese betrugen 1400 Euro (WE vom 21. Mai); 934 Euro (WE vom 28. Mai); 1822 Euro (WE vom 04. Juni); 1533 Euro (WE vom 11. Juni); 1464 Euro (WE vom 18. Juni) und nur 942 Euro am Wochenende des 25. Juni.

Erheblich eingeschränkt wird die Aussagekraft dieser Zahlen selbstverständlich dadurch, dass die Statistik keine Aussage über die Umsätze pro Leinwand und über die Größe der jeweils wieder am Start befindlichen Kinos trifft - und doch sind die Ergebnisse von Anfang Juli positiv genug, um zumindest von einem Lichtblick sprechen zu wollen. Nach Gesamtzahlen fällt der Sprung natürlich noch evidenter aus, denn wo seit den Schließungen die regulären Kinos bislang am Wochenende des 18. Juni mit 490.303 Euro Boxoffice ihr bislang "bestes" Ergebnis geliefert hatten, waren es Anfang Juli im Zuge der Wiedereröffnungswelle 1.373.865 Euro.

Fraglich ist natürlich, wie nachhaltig der Aufschwung ist - denn ohne kontinuierliche Versorgung mit attraktiven Neustarts droht das auflodernde Flämmchen schnell wieder an Kraft zu verlieren (insbesondere bei den Zahlen pro Standort), bis die ersten großen US-Blockbuster kommen.

Was den Enthusiasmus zusätzlich bremsen mag: Im Durchschnitt waren die wiedereröffneten Kinos am ersten Juli-Wochenende zwar "nur" noch 28 Prozent von ihren Resultaten am schwächsten Wochenende der vergangenen fünf Jahre (jenem des 18. April im Krisenjahr 2018) entfernt - aber bei den Ticketumsätzen klaffte dank diverser Sonderangebote, die Besucher zurück ins Kino locken sollten, noch eine Lücke von 41 Prozent. Wohlgemerkt: Zum schwächsten Wochenende, nicht etwa zu einem Mittelwert der letzten fünf Jahre. Hier sprechen wir von ganzen 81 Prozent nach Besuchern und 85 Prozent nach Umsatz. Anders gesagt: Die Lücke ist noch riesig.

Und obwohl ComScore insgesamt eine positiv ansteigende Kurve dahingehend ermittelt, dass auf Ebene der einzelnen Tage die Lücken bei den Besucherzahlen gegenüber dem jeweiligen Vorjahrestag im Mittel peu a peu zurückgehen, fällt doch auf, wie sehr die Rückstände noch schwanken, wenn man sie auf die Standorte herunterbricht. So war (natürlich bei deutlich weniger geöffneten Kinos) Anfang Juni schon ein Rückstand auf das Besucheraufkommen Mitte April von "nur" 23 Prozent drin. Wobei das Repertoire an Filmen, die sich bei Ausbruch der Krise erst vergleichsweise kurz in der Auswertung befanden und die nach wie vor einen Gutteil der Programme ausmachen, seither an Zugkraft verloren hat.

Was die ComScore-Auswertung zu den Abweichungen auf Tagesbasis in dieser Form übrigens leider nicht eindeutig hergibt, ist ein Beleg für die Annahme, die Vermeidung größerer Ansammlungen könne Kinobesucher veranlassen, sich etwas stärker an den traditionell wenig frequentierten Tagen anstatt an den Wochenenden zu orientieren. Denn die Entwicklung ist über die Wochen seit Mai hinweg nicht nur zu uneinheitlich, sondern die Statistik gibt auch keine Auskunft über etwaige andere Faktoren wie z.B. das Wetter.