Kino

Erstes Halbjahr deutsche Kinos: Der Corona-Hammer

Mehr als 50 Prozent Minus im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019: Die Katastrophenzahlen für die deutschen Kinos nach sechs Monaten 2020 kommen angesichts der Corona-Kinoschließungen mit Ansage. Ein schwacher Trost: Das Minus für den deutschen Film ist zwar ebenfalls deutlich, fällt aber deutlich geringer aus.

06.07.2020 06:31 • von Thomas Schultze
Die Nummer eins des ersten Quartals ist auch die Nummer eins des ersten Halbjahrs: "Bad Boys for Life" (Bild: Sony)

Mehr als 50 Prozent Minus im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019: Die Katastrophenzahlen für die deutschen Kinos nach sechs Monaten 2020 kommen angesichts der Corona-Kinoschließungen mit Ansage. Mit einem Gesamtumsatz von 206.022.297 Euro von 2. Januar bis 1. Juli liegt man nach vorerst noch vorläufigen Zahlen von Comscore um 52,1 Prozent hinter 2019, in dem im vergleichbaren Bemessungsrahmen noch 430,2 Mio. Euro eingespielt werden konnten. Bei den Besuchern fällt das Minus bei 24.140.404 verkauften Tickets im Vergleich zu 49,0 Mio. Tickets im Vorjahr mit 50,8 Prozent etwas geringer aus. Das ist natürlich das schwächste erste Kinohalbjahr überhaupt. Und hat eindeutige Gründe.

Nachdem die Kinoschließungen in Folge des landesweiten Corona-Lockdowns ab Mitte März sich bereits im ersten Quartal leise bemerkbar gemacht hatten - davor war man auf einem guten Weg gewesen, zumindest auf Augenhöhe mit dem Vorjahr zu landen -, schlug die Stilllegung des öffentlichen Lebens im zweiten Quartal voll durch: Gerade einmal 17.361.631 Mio. Euro konnten von 2. April bis 1. Juli in Autokinos und zum Ende des Quartals hin in ersten ganz vorsichtig wieder eröffneten Kinos ohne einen einzigen nennenswerten Neustart erwirtschaftet werden. Das bedeutet ein einzigartiges Minus von 91,1 Prozent im Vergleich zu 2019, als im vergleichbaren Zeitraum und angetrieben von dem Blockbusterstart von Avengers: Endgame" 196,1 Mio. Euro generiert wurden. Gerade einmal 2.233.407 Zuschauer wurden gezählt - ein Minus von 89,7 Mio. Euro (2019 waren es im zweiten Quartal noch 21,7 Mio. Kinogänger gewesen).

Eigentlich hatte gleich am ersten Wochenende des zweiten Quartals der neue Bond anlaufen sollen, Keine Zeit zu sterben": Mit einiger Sicherheit hätte dieser eine Film nach einer Woche Laufzeit das Gesamtergebnis des kompletten zweiten Quartals übertroffen. So waren die drei erfolgreichsten Filme des zweiten Quartals drei alte Bekannte aus Deutschland: Nightlife" von Simon Verhoeven, der im Februar angelaufen war und mit aktuell 1,2 Mio. Besuchern nicht nur der erfolgreichste deutsche Film des laufenden Jahres ist, sondern auch der einzige deutsche Film bislang mit siebenstelligen Zuschauerzahlen; Die Känguru-Chroniken" von Dani Levy, der nach seinem März-Start die letzte deutsche Nummer eins vor dem Lockdown war und aktuell 625.000 Besucher vorweisen kann (obwohl er ohne Lockdown die Besuchermillion ziemlich sicher geknackt hätte); und der Langläufer Das perfekte Geheimnis" von Bora Dagtekin, der mit mehr als fünf Mio. Besuchern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2019 war, sich aber nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. An keinem Wochenende des vergangenen Quartals kam einer der Filme auf mehr als 15.000 Besucher. Aber immerhin sorgten sie für gute Laune in den Autokinos.

Die Liste der erfolgreichsten Filme in den deutschen Kinos liest sich nach dem ersten Halbjahr identisch mit dem ersten Quartal. Unter den Neustarts ist weiterhin Bad Boys for Life" die Nummer eins mit 1,7 Mio. Besuchern. Mehr als eine Mio. Besucher schafften außerdem der besagte "Nightlife", Knives Out - Mord ist Familiensache" und Sonic the Hedgehog". Mit Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers", Jumanji: The Next Level" und Die Eiskönigin 2" schafften außerdem noch drei Holdovers von 2019 siebenstellige Besucherzahlen. In der Top ten der Neustarts finden sich nach Umsatz drei weitere deutsche Filme: "Lindenberg - Mach dein Ding" von Hermine Huntgeburth, "Die Känguru-Chroniken" und "Die Hochzeit" von Til Schweiger.

Es mag ein schwacher Trost sein: Das Minus für den deutschen Film ist nach sechs Monaten zwar ebenfalls deutlich, fällt aber deutlich geringer aus: 60,1 Mio. Euro wurde mit lokalem Produkt umgesetzt - 2019 waren es im vergleichbaren Bemessungszeitraum 77,8 Mio. Euro. Das bedeutet ein Minus von 22,7 Prozent. Für deutsche Filme wurden 7,6 Mio. Tickets gelöst. Das wiederum kommt einem Minus von 24,6 Prozent im Vergleich zu 2019 gleich, als im ersten Halbjahr 10,1 Mio. Besucher gezählt werden konnten. Wir erinnern uns: Es dauerte bis August, bis zum Start von Leberkäsjunkie", dass ein neu gestarteter deutscher Film siebenstellige Besucherzahlen einfahren konnte.

Das Minus für US-Produktionen ist jedenfalls deutlich höher: Da bislang kein einziger der Sommerblockbuster starten konnte, die im zweiten Quartal traditionell für den Löwenanteil des Einspiels stehen, beträgt das Minus nach Umsatz aktuell 58,8 Prozent. 129,2 Mio. Euro konnten amerikanische Filme umsetzen - 2019 waren es im ersten Halbjahr noch 313,5 Mio. Euro gewesen. 14,6 Mio. Besucher wurde bislang für Hollywood-Produkt verzeichnet; 2019 waren es noch 34,2 Mio. Zuschauer gewesen (ein Minus von 57,2 Prozent).

Top-Verleih im ersten Halbjahr ist Disney mit einem Marktanteil von 18,3 Prozent, obwohl mit "Onward - Keine halben Sachen" nur ein Neustart zu Buche schlug. Aber angetrieben von der Power der Holdover "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers" und "Die Eiskönigin 2" - beide mit siebenstelligen Besucherzahlen in 2020; der Abschluss der dritten "Star Wars"-Trilogie ist nach Umsatz sogar der bisherige Topfilm des Jahres - kam Disney auf 4,3 Mio. Kinogänger bei 37,7 Mio. Euro Einspiel. Sony folgt auf dem Fuße mit 17,8 Prozent Martkanteil: Dank dem Topneustart des Jahres, "Bad Boys for Life", und dem Holdover "Jumanji: The Next Level" kann man 36,7 Mio. Euro Umsatz und 4,1 Mio. Zuschauer vermelden. Platz drei geht an Warner Bros. mit einem Marktanteil von 14,7 Prozent bei 30,3 Mio. Euro Umsatz und 3,6 Mio. Besuchern. Einen zweistelligen Marktanteil nach Prozentzahlen kann außerdem Universal vermelden. Erfolgreichster deutscher Verleih ist auf Platz fünf die neu gegründete Leonine, die sich über einen Marktanteil von 8.9 Prozent freuen kann.