Kino

Mehrdad Taheri: "Es sollte für alle eine Visitenkarte werden"

Mehrdad Taheri hat den Gangsterfilm "Dünnes Blut" mit Kida Khodr Ramadan in einer tragenden Rolle produziert, geschrieben und inszeniert. Den Stress der nicht geförderten Produktion nahm er als positives Ventil mit in die eigene Hauptrolle.

08.07.2020 07:36 • von Michael Müller
Der Filmemacher Mehrad Taheri (Bild: Jenny Eichin)

Mehrdad Taheri hat den Gangsterfilm "Dünnes Blut" mit Kida Khodr Ramadan in einer tragenden Rolle produziert, geschrieben und inszeniert. Den Stress der nicht geförderten Produktion nahm er als positives Ventil mit in die eigene Hauptrolle.

Seit wann wissen Sie, dass Sie Filmemacher werden wollen?

Mehrdad Taheri: Das weiß ich seit 2004/2005. Ich lag im Krankenhaus und mir wurde ein Tumor entfernt. Ein riesiger Filmfan war ich schon immer, habe viel geschaut, war "Star Wars"- und "Rocky"-Fan. Aber bis dahin war mir überhaupt nicht klar, dass ich selbst mal Filme machen will. Nach meiner OP lief bei meinem Zimmernachbarn laut auf dem Fernseher das Sandalen-Epos "Gladiator". Das war für mich sehr anstrengend, weil der Nachbar komplett gar keine Rücksicht nahm. Ich konnte nur mit der Situation umgehen, indem ich mich auch auf den Film konzentrierte. Da bin ich so vollständig in das Ganze eingetaucht, dass ich das erste Mal verstand, was Film ausmacht: die dramaturgischen Akte, die Identifikation mit einer Figur. Das fand ich interessant und bekam Lust, selbst Drehbücher zu schreiben.

Sind Sie dann auf eine Filmhochschule gegangen?

Mehrad Taheri: Nein, ich habe in Berlin auf einer privaten Schule einen Drehbuchkurs gemacht. Dort schrieb und verfilmte ich ein Kurzfilm-Drehbuch. Damit bewarb ich mich an der HFF Potsdam Babelsberg, wurde aber abgelehnt. Aber der Kurzfilm gewann in Deutschland auch ein paar Preise. Ich dachte mir, das muss ich auch ohne die Filmhochschulen schaffen.

Wann haben sie mit Ihrem Spielfilmprojekt "Dünnes Blut" begonnen?

Mehrdad Taheri: Die erste Drehbuchfassung habe ich 2013 geschrieben. Das war während meines vierjährigen Schauspielstudiums. Damit habe ich mich auch bei dem Schauspieler Kida Khodr Ramadan vorgestellt, der es auch gleich machen wollte. Das war noch alles vor "4 Blocks" und den Serien, die im Gangstermilieu spielen. Er war damals auch noch recht unbekannt, spielte kleinere Rollen im "Tatort".

Seitdem wussten Sie, dass Kida Khodr Ramadan eine Rolle in Ihrem Film spielen sollte?

Mehrdad Taheri: Er war von Anfang für die Rolle des Gangsterboss, die er letztlich auch gespielt hat, vorgesehen. Ich wollte ihn unbedingt haben, und er wollte es auch unbedingt machen.

Haben Sie es mit dem Drehbuch bei den Filmförderanstalten versucht?

Mehrdad Taheri: Nein, bei der Filmförderung nicht. Ich war damals ein unbeschriebenes Blatt. Das wäre ziemlich chancenlos gewesen, Förderung zu erhalten. Ich habe das Projekt Produktionsfirmen vorgeschlagen und bin abgelehnt worden. Das Feedback war damals immer das Gleiche: Es gibt keinen Markt für deutsche Gangsterfilme.

Wie haben Sie das Projekt finanziell gestemmt bekommen?

Mehrdad Taheri: Zuerst haben wir eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Wir sammelten knapp 17.000 Euro, was für einen Spielfilm nicht viel ist. Der ganze Rest war privates gespartes Geld, auch die Familie half. Ich habe zusätzlich ein privates Darlehen aufgenommen. Es gab viel Unterstützung aus der Wirtschaft vor Ort, wo wir drehten. Die ließen uns zum Beispiel umsonst unser Set bei ihnen aufbauen. Das Catering haben wir teilweise selbst gemacht. Die Crew hat auf Rückstellung gearbeitet. Es sind viele Leute dabei, für die das auch das erste Projekt ist. Es sollte für alle eine Visitenkarte werden.

Warum wollten Sie einen Gangsterfilm machen?

Mehrdad Taheri: Es gab 2013 mit "Chiko" einen deutschen Gangsterfilm, der in der Branche bekannt, aber kein Kassenschlager war. Aber damals gab es im Grunde genommen das Genre nicht. Deswegen wollte ich das auch machen. Es gibt gute Schauspieler in Deutschland, die auch dieses Clan-Milieu, das inzwischen fast schon in der Popkultur angekommen ist, gut rüberbringen können. Wenn es diese Welt gibt, muss es auch Filme darüber geben, war mein Gedanke.

War es keine Überforderung, beim ersten eigenen Film, Regie zu führen, Produzent zu sein und vor der Kamera zu stehen?

Mehrdad Taheri: Es war schon keine einfache Nummer und auch hart. Ich bin Stück für Stück in die einzelnen Rollen hineingerutscht. Das war von Anfang nicht so geplant. Die Produktion hätte ich gerne an eine Firma abgegeben. Aber die Schauspielrolle wollte ich schon immer spielen. Manchmal hatte ich schon das Gefühl: Das ist zu viel. Kein Schlaf, Schauspieler, die verrückt spielen. Wir haben im Winter gedreht und hatten zu wenig Geld und Drehtage. Irgendwann sagte ich mir: Den ganzen Stress nimmst du jetzt in deine Gabriel-Rolle mit rein, die auch viel Stress hat. Das hat dann auch als Ventil funktioniert.

"Dünnes Blut" kommt Ende Juli als VoD-Start heraus. Wollten Sie den Film ursprünglich ins Kino bringen?

Mehrdad Taheri: Ja, ein Kinostart war geplant. Aber leider ist uns Corona dazwischen gekommen. Wir haben auch über einen Autokino- oder Freiluftkinostart nachgedacht. Aber der Vertrieb hat sich letztlich anders entschieden. Im August kommt der Film dann auch als DVD und Blu-ray heraus.

Wer sind Ihre filmischen Vorbilder?

Mehrdad Taheri: Sylvester Stallone ist für mich immer ein Vorbild gewesen, weil er als Schauspieler dann auch Regie geführt hat. Er war ganz sicher ein großer Einfluss. Clint Eastwood finde ich dahingehend auch ganz groß. Der macht teilweise sogar seine eigene Filmmusik. Soweit bin ich noch nicht. Ich glaube, das lasse ich dann auch (lacht). Aber überhaupt die ganzen 80er-Jahre-Actionhelden sind meine Richtung.

Haben Sie schon Pläne für Ihren nächsten Film?

Mehrdad Taheri: Ich habe schon wieder etwas in der Pipeline, was etwas ganz anderes als "Dünnes Blut" ist. Ich habe ein Drehbuch zu einer Culture Clash Romantic Comedy geschrieben. Das würde ich gerne als nächstes Projekt machen. Es geht um einen Araber, der auf eine Jüdin trifft. Beide sind im Imbissbereich tätig. In der Handlung gibt es kleine Anspielungen auf Grenzüberschreitungen auf den Orient, wo es bekanntlich schon lange brodelt.

Das Interview führte Michael Müller