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Serienschöpfer David Farr über "Hanna": "Relevanter denn je"

Heute geht auf Prime die zweite Staffel von "Hanna" auf Sendung. Serienschöpfer David Farr erzählt, wie sie sich von dem ursprünglichen Film "Wo ist Hanna?" unterscheidet und warum die Serie hochpolitisch ist.

03.07.2020 07:37 • von Thomas Schultze
David Farr geht mit der zweiten Staffel von "Hanna" neue Wege (Bild: Ramona Rosales / Amazon Prime Video)

Heute geht auf Prime die zweite Staffel von "Hanna" auf Sendung. Serienschöpfer David Farr ("The Night Manager") erzählt, wie sie sich von dem ursprünglichen Film Wer ist Hanna?" unterscheidet und warum die Serie hochpolitisch ist.

Als Sie mit der Arbeit an "Hanna" begannen, konnten Sie die Staffel nicht einfach freu entwickeln. Es war Ihnen immer auch bewusst, dass es einen Film gibt, "Wer ist Hanna?" von Regisseur Joe Wright nach einer Idee und einem Drehbuch von Ihnen aus dem Jahr 2011, der die Geschichte schon einmal erzählt hat.

DAVID FARR: Zwei entscheidende Unterschiede gibt es: Uns war klar, dass wir erzählerisch viel weiter und tiefer gehen würden müssen, als es im Film möglich war. Speziell in Staffel zwei haben wir das umgesetzt. In der Serie wollte ich erzählen, woher Hanna stammt, wie diese Welt aussieht, in der die jungen Mädchen ausgebildet werden. Ich fand da spannend, das hat mich selbst interessiert. Im Film ist es ja nur angedeutet. Genauso entscheidend ist: Tonal ist die Serie völlig anders. Der Film ist Joe Wrights Film, und ein Film gehört meiner Meinung nach dem Regisseur. Da arbeite ich als Drehbuchautor nur zu und helfe, seine Vision zu realisieren. In einer Serie ist das anders. Eine Serie wird vom Autor zusammengehalten. Was nicht heißt, dass ich mich wie der Chef benehme - genauso wenig übrigens, wie sich Joe Wright beim Film wie der Chef benommen hat. Mir ist gemeinschaftliche Arbeit wichtig. Am Ende laufen die Fäden aber bei mir zusammen. Ich wollte in erster Linie mit Regisseurinnen zu arbeiten, der weibliche Blick war mir wichtig. Gemeinsam mit den Schauspielern haben wir die Figuren vertieft. Logisch, in einer Serie hat man einfach mehr Zeit. Die erste Staffel folgt mehr oder weniger dem Verlauf des Films, geht aber mehr in die Tiefe - und am Ende in eine ganz andere Richtung. Dieser anderen Richtung folgen wir in Staffel zwei, die mit dem Film nichts mehr zu tun hat. Alles ist neu. Was wir uns erlauben konnten, weil wir unsere Hausaufgaben in Staffel eins gut gemacht haben. Ich gebe zu, das fühlt sich gut an.

Fiel Ihnen die zweite Staffel aufgrund dieser Freiheit leichter?

DAVID FARR: An der ersten Staffel gefallen mir die Sollbruchstellen, an denen die Unterschiede zum Film zu Tage treten. Das ist den Schauspielern zu verdanken. Esme Creed-Miles ist so überzeugend, so einzigartig in der Titelrolle, dass man eigentlich keine Sekunde damit verschwendet, sie mit Saoirse Ronan im Film zu vergleichen. Und auch Mireille Enos macht etwas sehr Spannendes mit der Rolle, die im Film von Cate Blanchett gespielt wurde. Sie lässt uns den Menschen hinter der Eiskönigin erkennen, die eine fast mütterliche Zuneigung für Hanna hat. Das hat es mir leicht gemacht, die zweite Staffel zu erarbeiten - die Darsteller hatten die Vorarbeit geleistet, die meinen Job einfacher machte. Ich konnte mich voll und ganz darauf konzentrieren, neue Wege zu erforschen, neue Aspekte dieser Welt zu entdecken - und auch den anderen Mädchen dieses Ausbildungsprogramms mehr Tiefe zu verleihen.

Die erste Staffel ist durchaus auch deshalb so spannend, weil sie auf sehr bewusste Weise eine Art Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Film spielt, um sich nach und nach von ihm zu befreien.

DAVID FARR: Der Film und die erste Staffel der Serie teilen sich die Prämisse, aber sie sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und natürlich befinden sich die beiden in einer Art Konversation, weil das eine Konversation war, die sich beim Schreiben der Serie in meinem Kopf abgespielt hat. Die Welt des Films ist bewusst überzeichnet, verweist auf klassische Märchenmotive, rückt mit seiner Ästhetik in die Nähe eines Cartoons. Das wird auch der Geschichte gerecht, die eine überhöhte Realität skizziert und als High Concept angesehen werden kann. Interessant ist, dass sie mit einem völlig anderen Ansatz ebenso funktioniert: In der Serie ist nichts überzeichnet. Wenn überhaupt, sorgt unser Streben nach Realismus eher dafür, dass wir die Dinge unterspielen. Die Erzählung ist eher zurückhaltend, entspricht der Schüchternheit der Hauptfigur. Das lässt auch die Gewalt, die von ihr ausgeht und von der sie umgeben ist, so effektiv sein: Man würde das niemals von einem Mädchen wie ihr erwarten. Das ist eine Erkenntnis, mit der sie sich in Staffel zwei selbst konfrontiert: Sie sieht diese anderen Mädchen aus dem Labor, und ihr wird bewusst, dass sie genauso wie sie geworden wäre, wenn es Erik nicht gegeben hätte, wenn er sie nicht befreit und auf das Leben vorbereitet hätte. Aber Erik ist tot. Soll sie nun ihre Herde zurückkehren, zu ihrer Familie. Was soll ihre Rolle sein?

Der Film stammt aus dem Jahr 2011. Was gab Ihnen die Zuversicht, dass der Stoff noch die nötige Relevanz besitzt, als Serie ein weiteres Mal aufgerollt zu werden?

DAVID FARR: Wenn Sie mich fragen, dann ist "Hanna" jetzt, im Jahr 2020, noch viel relevanter, als er es vor zehn Jahren war. Vielleicht sind es auch die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, die den realistischen Stil der Serie erfordern. "Hanna" ist heute kein Märchen mehr, kein Cartoon. Wir sind von der Realität eingeholt worden und müssen uns ihr stellen. Die jüngere Generation von heute besitzt eine immense kollektive Intelligenz, eine immense kollektive Sensibilität. Aber sie hat überhaupt keine Macht. Die Machtstrukturen von heute sind verhärtet, sie sind viel rigider, ruchloser und brutaler als vor zehn Jahren. Eine Entwicklung, die sich in sehr kurzer Zeit vollzogen hat. Die Sensibilität der jungen Leute ist Welten entfernt von unseren Anführern - und steht in kompletter Opposition zu ihnen. Das wird ihnen jeden Tag vor Augen geführt. Und mit jedem Tag wird ihnen das mehr bewusst. Sie wissen, dass sie etwas tun müssen, wenn sie diese Welt mitgestalten wollen, in der sie noch viel länger leben müssen als die, die über ihr Schicksal entscheiden. Es bildet sich massiver Widerstand. Und die Idee des Widerstands ist essenziell für "Hanna". Meine Show soll in erster Linie unterhalten. Aber es geht um Bewusstsein, um Identität, ums Jungsein. Deshalb ist sie, anders als der Film, auch politisch. Sehr politisch.

Wird das Publikum nach vier Monaten im Lockdown "Hanna" anders erleben, als wenn es die Corona-Pandemie nicht gegeben hätte?

DAVID FARR: "Hanna" behandelt politisch relevante Themen, aber die Serie bietet auch perfekten Eskapismus. Man kann sich auch einfach mitreißen lassen, den Figuren und der Handlung durchs Hannas Welt folgen, die nicht die reale Welt ist, sondern eine Welt, die wir uns ausgedacht haben. Die Serie macht Spaß. Das war unser oberstes Ziel. Es gibt Überraschungen und Wendungen, man verliebt sich in die Figuren. Und wir reisen rund um die Welt - was den meisten Menschen aktuell unmöglich ist. Ich denke also, dass wir dem Publikum etwas zu bieten haben, das ihn ablenkt und ihm eine gute Zeit bereitet. Das gilt allgemein. Aber für diese Tage ganz besonders.

Hat sich Ihr eigener Blick auf die Serie geändert in den letzten Monaten?

DAVID FARR: Eigentlich nicht. Wir haben die Serie vor dem Lockdown geschrieben, gedreht und fertig gestellt. Wenn ich sie mir jetzt noch einmal ansehe, dann werde ich gewisse Dinge vielleicht anders empfinden. Und ganz sicher wird diese Erfahrung meine kommenden Drehbücher beeinflussen. In welcher Form das sein wird, kann ich allerdings noch nicht sagen. Ich bin selbst gespannt darauf.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.