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Produktion

Jantje Friese & Baran bo Odar zu "Dark": Mehr als 300 Drehtage

Mit ihrer Serie "Dark" haben die Showrunner Jantje Friese und Baran bo Odar Geschichte geschrieben. Morgen startet die dritte und letzte Staffel der ersten deutschen Netflix-Serie.

26.06.2020 07:27 • von Thomas Schultze
Jantje Friese und Baran bo Odar: "Uns kann nichts mehr Angst machen." (Bild: Netflix)

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Mit ihrer Serie Dark" haben die Showrunner Jantje Friese und Baran bo Odar Seriengeschichte geschrieben. Morgen startet die dritte und letzte Staffel der ersten deutschen Netflix-Serie.

Fußballer werden das nach dem Endspiel gerne gefragt: Drei Staffeln "Dark" sind im Kasten. Wie fühlen Sie sich?

Baran bo Odar: Tatsächlich ist das Endspiel für uns schon etwas länger vorbei. Aber wir waren schon sehr traurig, dass es vorbei ist. Das steht uns alles sehr nahe: die Geschichten, die Figuren, die Darsteller, die Crew. Es war eine sehr intensive Erfahrung, wir sind sehr eng zusammengewachsen, wie eine zweite Familie. Am letzten Drehtag sind viele Tränen geflossen. "Dark" ist nicht meine erste Arbeit. Aber noch nichts hat mich emotional so berührt wie diese Serie. Das traurigste ist tatsächlich, dass man diese Figuren jetzt loslassen muss. Es ist abgeschlossen.

Dabei hätten Sie es doch in der Hand gehabt, die Serie noch fortzusetzen. Warum schließt man einen so erfolgreichen Stoff nach drei Staffeln ab?

Jantje Friese: Erzählerisch hätte das keinen Sinn ergeben. Wie hätte man da jemals noch eine weitere Staffel dazwischen quetschen wollen? Das wäre sehr kompliziert gewesen. Eigentlich fand ich es sehr schön, dass immer feststand, wie lange diese Reise dauern wird und wie lange man sich damit beschäftigen wird. Dadurch konnte sich nie ein Gefühl der Unlust oder des Überdrusses einstellen. Ich finde das gut. Ich vermute auch, dass der Abschluss genau deshalb so emotional war. Wir waren zu keinem Zeitpunkt genervt davon.

Wie hat sich "Dark" als Stoff und Projekt für Sie im Verlauf der letzten fünf Jahre verändert?

Baran bo Odar: Sehr stark. Als wir mit der ersten Staffel begannen, waren wir noch echte Greenhorns. Wir kommen vom Kino und hatten davor noch nie eine Serie gemacht. Bei der ersten Staffel haben wir wahnsinnig viel gelernt, was Erzählung anbetrifft aber auch Umsetzung. Was geht, was nicht? Was kann man machen, wie kann man es machen? Was ist der Unterschied im Erzählen fürs Kino und für eine Serie? Aber auch produktionstechnisch haben wir gelernt, wie komplex die Umsetzung einer Serie ist, mit was für einem Schiff man es zu tun hat, das Fahrt aufnehmen und an sein Ziel getragen werden muss. Bei Kino ist es einfach anders. Es fühlt sich kompakter an, weil man in überschaubarer Zeit an einem überschaubaren Stoff arbeitet. Bei einer Serie ist es ausufernd, es besteht immer die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Wir haben auch viele Fehler gemacht. Aber das haben wir auch erwartet: Nur aus Fehlern kann man lernen. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem ich sage: Uns kann nichts mehr Angst machen.

Jantje Friese: Ich unterschreibe alles, was Bo sagt: Es war eine unglaublich intensive Lebenszeit. Ich denke, "Dark" hat auch uns sehr verändert, gerade als Filmemacher, aber auch als Menschen. Es war wie ein großer Test, den man zu bestehen hatte.

Baran bo Odar: Das zieht sich durch alle Bereiche der Produktion, bis in den Schnitt. Wenn man eine Staffel mit acht Folgen à einer Stunde Laufzeit macht, dann ist das, als würde man vier Kinofilme parallel herstellen. Mir ist bewusst geworden, wie groß der Luxus ist, bei einem Kinofilm im Schneideraum zu sitzen und an einem zweistündigen Stoff zu feilen. Die schiere Masse an Material bei einer Serie ist erdrückend. Dazu kommt, dass alles gleichzeitig passiert. Während man einzelne Folgen bereits vorbereitet, sind für andere Folgen die Bücher noch in Arbeit. Eine weitere Folge dreht man bereits und fängt schon mit dem Schnitt an. Der Apparat ist einfach immens groß, deutlich größer als bei einem Kinofilm.

Jantje Friese: Man lernt, sehr effizient zu sein.

Entwickelt sich nicht aber auch ein Momentum, wenn man diesen Apparat in Bewegung gesetzt hat?

Jantje Friese: Wir haben generell schnell gelernt, dass ein Korsett - also etwas, das die Kreativität erst einmal beschränkt - sehr von Vorteil ist, wenn man eine Staffel einer Serie umsetzt. Es beengt, aber es gibt einem auch einen Rahmen. Natürlich steht man immer unter Druck und würde sich wünschen, gerade jetzt im Moment etwas mehr Zeit für die Lösung eines Problems zu haben. Die vermeintlichen Beschränkungen haben mir aber tatsächlich geholfen, kreativer sein zu können.

Baran bo Odar: Weil die erste Staffel so erfolgreich war, fiel uns die Arbeit an der zweiten Staffel deutlich leichter. Natürlich fängt man auch da jedes Mal wieder von ganz vorne an. Aber es herrscht auch eine gewisse Sicherheit: Man weiß, dass es funktioniert. Man weiß, dass es einen Fanpool gibt. Das beflügelt und hilft, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

In welcher Form konnten Sie Ihre Herangehensweise optimieren?

Jantje Friese: In jeder Staffel haben wir versucht, die Dinge beim Schreiben und Umsetzen etwas anders anzugehen. Nicht alles war immer zielführend, aber ich will auch die Fehler und Sackgassen nicht missen. Es war uns wichtig, alles einmal ausprobiert zu haben. Wenn etwas funktioniert hat, haben wir versucht, darauf aufzubauen. Auf diese Weise haben wir uns eine krasse Expertise erarbeitet. Wenn man so viele Kämpfe hinter sich hat, dann weiß man, in welche Schlacht man mit dem Schwert zieht - oder ob man besser eine Schusswaffe dabeihat.

Baran bo Odar: Man wird immer entspannter. Ich habe für "Dark" mehr als 300 Drehtage auf dem Buckel. Zählt man die Second-Unit mit dazu, sind es sogar 580 Drehtage. Ich war davor viel nervöser am Set, oft auch gereizter, flippte schneller aus. Jetzt weiß ich, manche Dinge brauchen ihre Zeit und dass es für jedes Problem immer auch eine Lösung gibt. Mich bringt nichts mehr aus der Ruhe. Und wenn der Regisseur der Ruhepol ist, dann setzt das auch ein gutes Signal für die Crew.

Sie haben Pionierarbeit geleistet - erste deutsche Netflix-Serie, eine der ersten deutschen horizontal erzählten Serien, die sich erzählerisch an internationalen Vorbildern orientiert haben. Haben Sie den Eindruck, dass andere Showrunner und Filmemacher von Ihren Erfahrungen profitieren werden?

Jantje Friese: Uns ist es wichtig, so transparent und durchlässig zu sein. Das trifft auf unsere Firmenstruktur zu und wie wir mit anderen Leuten arbeiten, weil wir wollen, dass alle in alle Bereiche Einblicke haben und mitwachsen können. Wir haben einen "Learning Friday" etabliert, an dem wir einfach Wissen weitergeben. An der Filmhochschule haben wir immer davon profitiert, von anderen zu lernen. Genauso wollen wir jetzt all das Gelernte an andere weitergeben. Ob sich in unserer Landschaft die Dinge schnell verändern werden, kann ich nicht beurteilen. Das liegt jetzt an allen Anderen. Wir verschließen uns definitiv nicht mit unseren Informationen.

Baran bo Odar: Ich glaube, dass es wahnsinnig viel bringt zu sehen, dass deutscher Content auch international eine Chance hat und erfolgreich sein kann. Wenn ich noch Filmhochschüler wäre, würde mich das motivieren, dass man mit deutschen Geschichten in deutscher Sprache mit deutschen Schauspielern, die in Deutschland gedreht wurden, auch in Indien oder Südamerika reüssieren kann.

Spüren Sie, dass da Bewegung ist in Deutschland? Und inwiefern profitieren Sie davon?

Baran bo Odar: Die Dinge haben sich krass verändert. Ich weiß noch, dass in den frühen Tagen von "Dark" eine gewisse Skepsis gegenüber der Streamingwelt herrschte, ob sich das Streaming wirklich durchsetzen und behaupten kann. Heute wissen wir alle, dass sich die Sehgewohnheiten dramatisch verändert haben - ob positiv oder negativ, das kann man gerne diskutieren. Von meiner Warte würde ich sagen, dass sich in den letzten fünf Jahren mehr verändert hat als in den 30 Jahren davor. Ich empfinde es als Revolution, eine sehr positive Entwicklung, weil sich gerade erzählerisch Möglichkeiten ergeben, die vor ein paar Jahren nicht einmal denkbar gewesen wären, im Seriellen wie im Film. Es gibt kaum mehr Beschränkungen, was das Format oder die Laufzeit anbetrifft. Früher gab es Kino, das zwischen 90 und 120 Minuten Länge zu sein hatte. Bei Serien hatte man die Möglichkeit zwischen 30 und 45 Minuten. Jetzt passen sich Länge und Format den Anforderungen der Geschichte an. Es sind keine Grenzen gesetzt. Die Herausforderungen für Filmemacher werden dadurch nicht geringer, im Gegenteil, aber ich empfinde das dennoch als große Befreiung.

Auch Netflix hat sich radikal verändert, seitdem Sie mit "Dark" als eine von wenigen, regelrecht handverlesenen Serien an den Start gegangen sind. Macht sich das für Sie bemerkbar?

Jantje Friese: Wir hatten das Glück, mit dem System groß geworden zu sein. Wir arbeiten jetzt immer noch mit den exakt selben Leuten zusammen wie damals, als Netflix seine internationale Produktionsoffensive begonnen hat und die Firma noch viel viel kleiner war. Wir sind da gemeinsam reingewachsen. Von daher sind für uns die Kanäle viel offener als für andere Produzenten, die heute mit einem neuen Stoff erstmals bei Netflix vorstellig werden. Aber ich finde es auch nicht falsch, wenn man sich mit seiner Idee durchsetzen muss. Es ist eine Herausforderung, die einen dazu zwingt, wirklich das zu erzählen, wofür man brennt. Es ist wichtig, dass man sich intensiv Gedanken nicht nur darüber macht, was man erzählen will, sondern auch, um was für ein Produkt es sich handeln soll und wie man sein Publikum erreichen will.

Baran bo Odar: Konkurrenz finde ich immer spannender, als wenn es einem zu einfach gemacht wird. Bequemlichkeit ist der Tod jeglicher Kreativität. Wenn die Latte höher liegt, weil mehr erzählt wird und das Niveau insgesamt wächst, dann ist das doch ein perfekter Anreiz, selbst das Allerbeste geben zu wollen. Andere Länder wie z.B. Dänemark haben in den vergangenen Jahren sehr gut gezeigt, dass sie immer etwas weitergedacht und nicht nur den eigenen Markt fokussiert haben, weil er zu klein für die Größe der angedachten Projekte ist. Um ihre Stoffe finanzieren zu können, mussten die Produzenten immer auch überlegen, ob man mit den Geschichten auch außerhalb der eigenen Grenzen ein Publikum finden kann.

Da gibt es Fortschritte in Deutschland?

Baran bo Odar: Das ist jetzt viel besser. Aber wir sind auch jahrelang hinterhergehinkt. Der Blick galt viel zu stark nur dem deutschen Markt, einfach weil er groß genug ist, um Projekte bis zu einer gewissen Budgetgröße zu rechtfertigen. Es gab nie die Notwendigkeit, sich kräftig zu strecken. Das hat uns lange Zeit sehr bequem sein lassen.

International ist ein gutes Stichwort: "Dark" ist weltweit ein Erfolg und wurde gerade erst in einer Abstimmung auf Rotten Tomatoes zur besten Netflix-Serie überhaupt gewählt. Wie haben Sie das miterlebt? Und was sind die Gründe, dass "Dark" international so begeistert angenommen wird?

Jantje Friese: Wir wurden davon komplett überrascht. Niemals hätten wir damit gerechnet, dass wir uns gegen Serien durchsetzen würden, die ja auch zu unseren Lieblingsserien gehören. Wir hatten gehofft, vielleicht eine oder zwei Runden zu überstehen. Das hätten wir als tolle Bestätigung empfunden. Und dann ging es immer weiter, es fühlte sich für uns völlig surreal an. Ich weiß nicht, ob es uns gelungen ist, die richtige Formel gefunden zu haben, mit einem deutschen Stoff im Ausland anzukommen. Uns war es aber von Anfang wichtig, sehr spezifisch zu sein mit der Handlung und den Figuren, der Zeit und dem Raum. Wir wollten uns auf etwas sehr Konkretes konzentrieren. Das ist es, was Menschen in anderen Ländern anspricht. Das, ich nenne es mal, Nerdy-Schrägstrich-Emomäßige trifft offenkundig auf unterschiedlichsten Märkten einen Nerv. Eine Faustregel lässt sich davon allerdings nicht ableiten. Das wäre zu schön. Am Ende ist es so, dass man soviel Schweiß und Liebe in seinen Stoff stecken muss, wie man kann. Man muss selbst überzeugt sein.

Baran bo Odar: Ich finde interessant, dass der Erfolg von "Dark" nicht abebbt. Wir erhalten regelmäßig Informationen über die Abrufe der Serie und stellen fest, dass unverändert neue Zuschauer dazukommen. Gerade jetzt wird die Serie total verspätet in Indien entdeckt und ist aktuell der größte Markt dafür, dreieinhalb Jahre nach Beginn der Ausstrahlung. Vor zweieinhalb Jahren haben wir dasselbe in Brasilien erlebt.

Jantje Friese: Die Geschichte und die Erzählung ist durch die verschiedenen Zeitebenen sehr anspruchsvoll. Tatsächlich funktioniert "Dark" besonders gut, wenn man die Serie binget, wenn man sie in möglichst großen Blöcken ansieht und sich einfach fallen und mitziehen lässt, wenn man ganz tief eintaucht. Diese rauschhafte Erfahrung ist ein weiterer Erfolgsfaktor.

Sie haben sich bereits nach der ersten Staffel langfristig an Netflix gebunden.

Jantje Friese: Uns war nach der ersten Staffel einfach klar, in Netflix einen Partner gefunden zu haben, mit dem wir uns auf der gleichen Wellenlänge befinden. Die Zusammenarbeit hat auf allen Ebenen wunderbar geklappt. Wir fühlten uns als Geschichtenerzähler einfach verstanden und bestens aufgehoben. Warum würde man das nicht fortsetzen und vertiefen wollen? Für uns war es eine Möglichkeit, noch weiter ausschöpfen zu können, was wir eigentlich machen wollen. Auf einer anderen Plattform kann ich mir nicht vorstellen, dass wir unsere Vision so vollumfänglich verwirklichen könnten.

Baran bo Odar: Der Deal gibt uns als Kreativen eine Planungssicherheit, wie es das wohl nur sehr selten gibt. Wir müssen uns nicht mit den Problemen herumschlagen, mit denen man als Produzent sonst täglich konfrontiert wird: Werden unsere Ideen umgesetzt, bekommt man die Stoffe finanziert? Wir fanden das System in Deutschland, wie Filme finanziert werden, schon auch frustrierend und kräftezehrend. Jetzt können wir uns stark auf das Kreative konzentrieren. Man weiß, was man macht und dass es umgesetzt wird.

Werden 1899" und "Tyll" wie angekündigt Ihre nächsten Projekte sein?

Jantje Friese: An beiden Stoffen arbeiten wir konkret. "1899" erzählt von Einwanderern aus Europa, die nach Amerika übersetzen. Es gibt aber auch ein mysteriöses Geheimnis, mit dem unsere Figuren auf dieser Reise konfrontiert werden. Da beginnen wir jetzt mit einem internationalen Writers Room. "Tyll" von Daniel Kehlmann ist als sechsteilige Miniserie konzipiert. Ursprünglich hatte es Überlegungen gegeben, den Stoff als Film umzusetzen. Aber der Roman ist so umfangreich, dass das Miniserienformat zielführender ist.

Baran bo Odar: Wir sind mit unserer Firma als Produzenten sowie als Autoren und Regisseur involviert. Wie groß der Regieanteil sein wird, wird sich allerdings erst in den nächsten Monaten ergeben.

Wie stark waren Sie von den vergangenen Monaten im Lockdown betroffen?

Baran bo Odar: Wir hatten Glück. Wir waren gerade mit dem Dreh von "Dark" fertig geworden - die Kleinigkeiten, die noch zu erledigen waren, konnte ich dann auch noch unter Einhaltung strengster Sicherheitsauflagen bewerkstelligen.

Jantje Friese: Ich steckte zu diesem Zeitpunkt bereits mitten in der Entwicklung von "1899". Der Job eines Autors ist per definitionem eine einsame Angelegenheit. Wobei man zwischen Autoren mit Familie und Autoren ohne Familie unterscheiden muss: Für Autoren ohne Familie war es im Grunde business as usual. Die mit Familie konnten ihre Arbeit nur mit viel mehr Mühen umsetzen. Aufgrund der Schulschließungen war es für sie nicht so einfach, die nötige Ruhe zu finden.

Das Gespräch führte Thomas Schultze