Kino

Constanze Klaue: "Inhalt first!"

Constanze Klaue wurde für ihren Abschlussfilm "Lychen 92" Anfang des Jahres beim Festival Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Nun macht sie beim Nachwuchsprogramm Future Frames der EFP mit. Die Reise nach Karlovy Vary fällt zu ihrem Bedauern aus. Auf was sie sich dennoch freut und wie sie die Coronakrise erlebt, erzählt sie hier.

25.06.2020 08:30 • von Barbara Schuster
Constanze Klaue studierte an der KHM in Köln Regie (Bild: Privat)

Constanze Klaue wurde für ihren Abschlussfilm "Lychen 92" Anfang des Jahres beim Festival Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Nun macht sie beim Nachwuchsprogramm Future Frames der EFP mit. Die Reise nach Karlovy Vary fällt zu ihrem Bedauern aus. Auf was sie sich dennoch freut und wie sie die Coronakrise erlebt, erzählt sie hier.

Was ewarten Sie sich von der Teilnahem bei Future Frames?

Constanze Klaue: Ich erwarte tatsächlich gar nichts, außer Erfahrungen zu sammeln. Bisher kenne ich nur grob das Rahmenprogramm und weiß gar nicht, wem ich via Zoom gegenübersitzen werde. Allerdings ist das auch besser so. Ich finde immer, dass das Zwischenmenschliche stimmen muss und Kontakte nicht zustande kommen, weil ich vordergründig von irgendjemandem etwas Konkretes will. Das klappt nie, ist viel zu verkrampft. Ich schäme mich immer fremd, wenn ich andere bei aggressivem Networking beobachte... Insofern habe ich mich noch nie an den Ratschlag gehalten, unbedingt ständig Kontakte zu sammeln. Ich glaube noch immer: Inhalt first und an positives Selbstbewusstsein.

Welche Aspekte des Programms und Angebots sind Ihrer Meinung nach besonders spannend? Finden Sie es schade, dass es nur virtuell stattfinden kann?

Constanze Klaue: In der Tat war für mich der Hauptgrund nach Karlsbad zu fahren! Ich hab' mich sehr gefreut, die Stadt kennenzulernen, die anderen Programmteilnehmer zu treffen und Filme zu schauen. Ich liebe das Reisen, vor allem allein und wenn es beruflicher Natur ist. Insofern kann ich nicht verbergen, dass die Onlinevariante etwas ernüchternd für mich ist. Aber, auch ich habe in den letzten Wochen einige Zoom-Gespräche geführt und kenne die Vorteile, im eigenen sicheren Raum zu bleiben. Das kann für Pitchings vor "wichtigen" Menschen sehr hilfreich sein.

Seit der Teilnahme Ihres Abschlussfilmes von der KHM, "Lychen 92", der beim diesjährigen Max Ophüls Preis erfolgreich war und als bester mittellanger Film gewann, wurde die Branche durch die Coronakrise kräftig durchgeschüttelt. Inwiefern hat es Sie und Ihr Arbeiten betroffen?

Constanze Klaue: Ich war erst einmal von Corona total erschüttert. Meine Generation kennt kaum Einschränkungen, die so tiefreichend ins Private drängen und da ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin, habe ich mit großer Sorge die Entwicklungen verfolgt. Angst vor dem Virus hatte ich nie, obwohl ich eigentlich Hypochonder bin!

Für mich war es furchtbar, weil der Run, den "Lychen 92" hatte, vorerst im Keim erstickt wurde. Das hat mich unendlich geärgert und traurig gemacht. Ich hätte jetzt in Tel Aviv auf dem International Student Film Festival sein sollen, das natürlich auch verschoben oder abgesagt wurde. Wir haben immer noch keine Teampremiere gehabt, weil das Achtung Berlin auch abgesagt wurde und private Veranstaltungen nicht möglich waren. Außerdem wird im September mein erstes Buch veröffentlicht und es war und ist überhaupt nicht klar, ob die Buchmesse stattfindet, ob ich auf Lesereise gehen kann und und und.

Aber: irgendwann Mitte April hatte ich keine Lust mehr, jeden Tag zu hoffen, dass schnell alles so wird wie vorher. Ich hatte die negativen Gedanken satt, sie haben mich gelähmt. Ich bin nämlich eigentlich eine Optimistin durch und durch und weiß, dass negatives Denken den Blick für neue Möglichkeiten verschließt.

Deshalb habe ich die Situation einfach angenommen und mein nächstes Projekt begonnen. Ich möchte das Buch "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel verfilmen. Das ist ein Bestseller, der im Grunde die Geschichte von "Lychen 92" in die Gegenwart von Pegida und der AFD weiterzählt. Ich habe mich mit Lukas im April in Görlitz getroffen. Wir haben uns gegen Zoom und für einen Spaziergang entschieden. Uns tat die Begegnung so gut und wir konnten uns gegenseitig Mut machen, dass unser Thema - der Osten - nach Corona noch Bestand haben wird. Daraufhin habe ich die Verfilmungsrechte erworben und nun arbeite ich gerade leidenschaftlich an dem Stoff und bin mit einigen Produktionen im Gespräch. Ich werde keine vorschnelle Entscheidung treffen. Wie gesagt, Inhalt first.

Im Austausch mit Kolleginnen & Kollegen in der Branche: Um welche Themen kreisen Ihre Gedanken derzeit?

Constanze Klaue: Ich würde sagen vor allem um den miesen Stand der Soloselbstständigen, bzw. der Künstler*innen in Deutschland. Ich habe bis Ende letzten Jahres auch noch ein aktives Jazzmusikerinnenleben geführt und da sehe ich große Probleme, weil ich weiß, dass man von den Gagen nicht ansatzweise überleben kann. Ich habe auch keinen Anspruch auf Hilfe. Ich bin verheiratet und habe keine Betriebskosten, die ich geltend machen kann. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich die vollen Einkaufszentren sehe und immer noch sehnsüchtig auf meinen ersten Kino- oder Konzertbesuch warte.

Wird sich die Filmbranche nachhaltig verändern durch die Coronakrise? Wie, glauben Sie, kommt man zu einem "normalen" Zustand zurück?

Constanze Klaue: Trotz der ganzen Ausnahmesituation bin ich mir sicher, dass wir eine Art Normalzustand wieder erreichen werden. Wahrscheinlich schneller als uns allen lieb ist. Aber ich hoffe sehr, dass sich bestimmte Dinge auch positiv verändern werden. Zum Beispiel war ich absolut begeistert davon, dass das DokFest München digital stattfand. Ich hätte gar nicht die Zeit gehabt nach München zu reisen und erlaube mir in der Regel nur zu Filmfestivals zu reisen, wenn sie entweder in meiner Nähe sind, oder ich gute Arbeitsgründe zum Hinfahren habe. Es war ein Genuss, die Filme nicht nur streamen zu können, sondern auch Q and A's zu verfolgen und, und, und.

Ich erhoffe mir also eine Reform der Kinoauswertung. Der Ort wird und soll erhalten bleiben, aber der Zugang zu den Filmen, gerade zu denen, die wir nur auf Festivals sehen können, sollte durch digitale Wege ermöglicht werden. Gerade für Independentfilme ist das eigentlich ein Muss. Ansonsten muss ich mir auch gerade die Frage stellen, ob ich wirklich ein Kinodebüt plane, oder lieber gleich eine Miniserie aus dem Stoff mache, um auf Nummer Sicher zu gehen. Aber ich mach mich nicht verrückt und bin erstmal offen für alles.

Das Gespräch führte Barbara Schuster